Guantánamo-Verhandlungen : "Die Prozessbeobachtung ist rigide eingeschränkt"

Janet Hamlin ist Gerichtszeichnerin in Guantánamo. Sie erzählt, wie die CIA sie dabei bewacht und dass sie keine Fernsichtbrille tragen und keine Anspitzer benutzen darf.
Gerichtszeichnung aus Guantánamo von Janet Hamlin vom Mai 2012 mit dem Autorisierungsstempel des Sicherheitsbeamten © JANET HAMLIN/AFP/GettyImages

ZEIT ONLINE: Wie kam es dazu, dass Sie in Guantánamo arbeiten dürfen?

Janet Hamlin: Ich habe unter anderem für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) gearbeitet. AP war im Pressepool von Guantánamo. Sie haben mir die ersten drei Reisen dorthin finanziert, danach bin ich als freie Journalistin gefahren. Es war mein Glück, dass ich die ersten drei Male gleich da war. Es ist ein merkwürdiger Ort.

ZEIT ONLINE: Was macht ihn so merkwürdig?

Janet Hamlin

ist die einzige Gerichtszeichnerin, die seit 2006 die Prozesse im US-Gefängnis von Guantanamo Bay bei Kuba dokumentiert hat. Ihr Buch Sketching Guantanamo wird im Oktober veröffentlicht. Mit ZEIT ONLINE sprach sie über die gerade laufenden Voruntersuchungen der fünf Angeklagten der Terroranschläge vom 11. September 2001.

Hamlin: Normalerweise sitzen wir in den USA im gleichen Raum wie die Angeklagten, aber in Guantánamo sitzen wir in einer schallisolierten Glaskabine im hinteren Teil des Gerichtssaals. Ich male also aus der Distanz, sehe den Angeklagten nur von hinten und bekomme den Ton verzögert zu hören. Außerdem muss jede meiner Zeichnungen vom Pentagon oder vom Heimatschutz freigegeben werden. Alles muss genehmigt und gestempelt sein, bevor es an die Presse geht.

ZEIT ONLINE: Warum müssen Gerichtszeichnungen aus Guantánamo freigegeben werden?

Hamlin: Ich verstehe das so, dass verhindert werden soll, dass ich die Türen im Raum zeichne, denn die Aus- und Eingänge können Ziele für Terroranschläge sein. Ich darf keinen der Sicherheitsbeamten zeichnen, weil sie aus Sicherheitsgründen anonym bleiben sollen. Ich darf keine Fernsichtbrille tragen, weil sie Angst haben, dass ich Dokumente erkennen und abmalen würde, die sie hin- und herreichen.

ZEIT ONLINE: Wie viel Widerstand leisten Sie gegen diese Bestimmungen?

Hamlin: Ich habe zwei oder drei Mal widersprochen. Für bestimmte Regeln verlange ich eine Erklärung. Als ich anfing, die Prozesse zu zeichnen, durfte ich noch nicht einmal Gesichter zeichnen. Ein anderes Mal habe ich Majid Khan gezeichnet, der schuldig gesprochen wurde. Ich habe vier Zeichnungen angefertigt, die wurden seinem Anwalt gezeigt. Er ist ausgerastet und sagte, er wolle auf keinen Fall, dass die Zeichnungen in die Öffentlichkeit gelangen. Daraufhin wurden die Zeichnungen konfisziert. Ich habe gesagt: 'Das ist die letzte Form von Transparenz. Sie zensieren die einzigen Bilder, die aus diesem Gericht rauskommen' und ich habe mich geweigert zu gehen, bis dieses Problem gelöst war. Ich blieb stundenlang im Gericht sitzen. Währenddessen haben sie wild telefoniert, bis die Zeichnungen endlich genehmigt wurden.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das Gefühl, die US-Regierung versucht, ihre journalistische Arbeit zu behindern?

Hamlin: Zumindest nicht bewusst. Ich habe sie gefragt, ob sie mich direkt in den Gerichtssaal lassen, sodass ich nicht mehr in dem Glaskasten sitzen muss. Ich habe angeboten, schallisolierende Kopfhörer zu tragen, zwei Aufseher neben mir sitzen zu lassen, die mein Zeichnen beobachten. Ich haben ihnen gesagt: Was immer Ihr für die Sicherheit braucht, ich werde es erfüllen, wenn Ihr mich ordentlich zeichnen lasst.

Sie haben mich nicht in den Gerichtssaal gelassen, aber ich bekam Zutritt zu einem Raum, in dem Monitore stehen, die auf jeden einzelnen Häftling ausgerichtet sind. Ironischerweise sind meine besten Zeichnungen die, die ich in diesem separaten Gebäude von der Monitorübertragung aus gemacht habe.

ZEIT ONLINE: Eine Ihrer Zeichnungen der Voruntersuchungen zeigt Navy-Kommandeur Walter Ruiz, den Verteidiger von Mustafa al-Hawsawi, der leere Umschläge hochhält. Was ist da passiert?

Hamlin: Walter Ruiz hat erzählt, dass der gesamte Briefverkehr zwischen ihm und seinem Mandanten zensiert wurde. Normalerweise haben ein Anwalt und sein Angeklagter das Recht auf private Kommunikation. Dabei kam außerdem heraus, dass die Räume, in denen die Verteidiger ihre Mandanten treffen, mit Rauchmeldern ausgestattet sind, die in Wahrheit Abhörgeräte sind. Er erzählte, dass seine gesamte Post durchsucht wird. Wenn er versucht hat, seinem Mandanten Dinge zu schicken, bekam er die Umschläge geöffnet und geleert zurück. "Zurück an Absender" stand darauf. Es ist sowieso schon schwer für die Anwälte, mit ihren Mandanten zu kommunizieren – wegen der großen Entfernung. Die Kontrolle durch das Militär macht es noch schwerer. Ich finde das sehr interessant. Deswegen habe ich es gezeichnet.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ziemlich viel Aufwand...

....für Leute, die teilweise den Rechtstaat nach westlichem Vorbild sowieso ablehnen, aber gut, es geht ums Prinzip, also Prozesse und Verteidiger auch für sie. Leider fehlt im Artikel Hintergrundinformation, insbesonder waren einige der Angeklagten mutmasslich massiv in die Verbrechen verwickelt, von 9/11, hier ist zuviel Rücksichtnahme gegen die Täter auch zuwenig Rücksichtnahme gegenüber den Angehörigen.