Guantánamo-Verhandlungen"Die Prozessbeobachtung ist rigide eingeschränkt"

Janet Hamlin ist Gerichtszeichnerin in Guantánamo. Sie erzählt, wie die CIA sie dabei bewacht und dass sie keine Fernsichtbrille tragen und keine Anspitzer benutzen darf. von Steven Valentino

Guantánamo Gerichtszeichnung

Gerichtszeichnung aus Guantánamo von Janet Hamlin vom Mai 2012 mit dem Autorisierungsstempel des Sicherheitsbeamten  |  © JANET HAMLIN/AFP/GettyImages

ZEIT ONLINE: Wie kam es dazu, dass Sie in Guantánamo arbeiten dürfen?

Janet Hamlin: Ich habe unter anderem für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) gearbeitet. AP war im Pressepool von Guantánamo. Sie haben mir die ersten drei Reisen dorthin finanziert, danach bin ich als freie Journalistin gefahren. Es war mein Glück, dass ich die ersten drei Male gleich da war. Es ist ein merkwürdiger Ort.

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ZEIT ONLINE: Was macht ihn so merkwürdig?

Janet Hamlin

ist die einzige Gerichtszeichnerin, die seit 2006 die Prozesse im US-Gefängnis von Guantanamo Bay bei Kuba dokumentiert hat. Ihr Buch Sketching Guantanamo wird im Oktober veröffentlicht. Mit ZEIT ONLINE sprach sie über die gerade laufenden Voruntersuchungen der fünf Angeklagten der Terroranschläge vom 11. September 2001.

Hamlin: Normalerweise sitzen wir in den USA im gleichen Raum wie die Angeklagten, aber in Guantánamo sitzen wir in einer schallisolierten Glaskabine im hinteren Teil des Gerichtssaals. Ich male also aus der Distanz, sehe den Angeklagten nur von hinten und bekomme den Ton verzögert zu hören. Außerdem muss jede meiner Zeichnungen vom Pentagon oder vom Heimatschutz freigegeben werden. Alles muss genehmigt und gestempelt sein, bevor es an die Presse geht.

ZEIT ONLINE: Warum müssen Gerichtszeichnungen aus Guantánamo freigegeben werden?

Hamlin: Ich verstehe das so, dass verhindert werden soll, dass ich die Türen im Raum zeichne, denn die Aus- und Eingänge können Ziele für Terroranschläge sein. Ich darf keinen der Sicherheitsbeamten zeichnen, weil sie aus Sicherheitsgründen anonym bleiben sollen. Ich darf keine Fernsichtbrille tragen, weil sie Angst haben, dass ich Dokumente erkennen und abmalen würde, die sie hin- und herreichen.

ZEIT ONLINE: Wie viel Widerstand leisten Sie gegen diese Bestimmungen?

Hamlin: Ich habe zwei oder drei Mal widersprochen. Für bestimmte Regeln verlange ich eine Erklärung. Als ich anfing, die Prozesse zu zeichnen, durfte ich noch nicht einmal Gesichter zeichnen. Ein anderes Mal habe ich Majid Khan gezeichnet, der schuldig gesprochen wurde. Ich habe vier Zeichnungen angefertigt, die wurden seinem Anwalt gezeigt. Er ist ausgerastet und sagte, er wolle auf keinen Fall, dass die Zeichnungen in die Öffentlichkeit gelangen. Daraufhin wurden die Zeichnungen konfisziert. Ich habe gesagt: 'Das ist die letzte Form von Transparenz. Sie zensieren die einzigen Bilder, die aus diesem Gericht rauskommen' und ich habe mich geweigert zu gehen, bis dieses Problem gelöst war. Ich blieb stundenlang im Gericht sitzen. Währenddessen haben sie wild telefoniert, bis die Zeichnungen endlich genehmigt wurden.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das Gefühl, die US-Regierung versucht, ihre journalistische Arbeit zu behindern?

Hamlin: Zumindest nicht bewusst. Ich habe sie gefragt, ob sie mich direkt in den Gerichtssaal lassen, sodass ich nicht mehr in dem Glaskasten sitzen muss. Ich habe angeboten, schallisolierende Kopfhörer zu tragen, zwei Aufseher neben mir sitzen zu lassen, die mein Zeichnen beobachten. Ich haben ihnen gesagt: Was immer Ihr für die Sicherheit braucht, ich werde es erfüllen, wenn Ihr mich ordentlich zeichnen lasst.

Sie haben mich nicht in den Gerichtssaal gelassen, aber ich bekam Zutritt zu einem Raum, in dem Monitore stehen, die auf jeden einzelnen Häftling ausgerichtet sind. Ironischerweise sind meine besten Zeichnungen die, die ich in diesem separaten Gebäude von der Monitorübertragung aus gemacht habe.

ZEIT ONLINE: Eine Ihrer Zeichnungen der Voruntersuchungen zeigt Navy-Kommandeur Walter Ruiz, den Verteidiger von Mustafa al-Hawsawi, der leere Umschläge hochhält. Was ist da passiert?

Hamlin: Walter Ruiz hat erzählt, dass der gesamte Briefverkehr zwischen ihm und seinem Mandanten zensiert wurde. Normalerweise haben ein Anwalt und sein Angeklagter das Recht auf private Kommunikation. Dabei kam außerdem heraus, dass die Räume, in denen die Verteidiger ihre Mandanten treffen, mit Rauchmeldern ausgestattet sind, die in Wahrheit Abhörgeräte sind. Er erzählte, dass seine gesamte Post durchsucht wird. Wenn er versucht hat, seinem Mandanten Dinge zu schicken, bekam er die Umschläge geöffnet und geleert zurück. "Zurück an Absender" stand darauf. Es ist sowieso schon schwer für die Anwälte, mit ihren Mandanten zu kommunizieren – wegen der großen Entfernung. Die Kontrolle durch das Militär macht es noch schwerer. Ich finde das sehr interessant. Deswegen habe ich es gezeichnet.

Leserkommentare
    • Agorist
    • 19. September 2013 16:51 Uhr

    kommt das auch auf uns zu.

    Und auch nicht vergessen: Die demokratische Wahl zwischen Bush und Obama hat an diesen Verbrechen nichts geändert. Es sind also nicht demokratische Wahlen, mit denen man so etwas verhindern kann.

    14 Leserempfehlungen
  1. Nichts rechtfertigt dieses Verhalten der USA.

    Schlicht eine Schande für die zivilisierte Gesellschaft.

    11 Leserempfehlungen
  2. ....für Leute, die teilweise den Rechtstaat nach westlichem Vorbild sowieso ablehnen, aber gut, es geht ums Prinzip, also Prozesse und Verteidiger auch für sie. Leider fehlt im Artikel Hintergrundinformation, insbesonder waren einige der Angeklagten mutmasslich massiv in die Verbrechen verwickelt, von 9/11, hier ist zuviel Rücksichtnahme gegen die Täter auch zuwenig Rücksichtnahme gegenüber den Angehörigen.

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    • Sikasuu
    • 19. September 2013 17:21 Uhr

    Das ist wirklich ein wenig sehr hart, so mit der USA um zu gehen.
    .
    Sie haben das "Rechtsstaatprinzip" und ihre Verfassung zwar teilweise ausser Kraft gesetzt, vergl. dazau auch NSA et all. ....
    .
    aber ganz aufgeben sollte man dieses Land doch nicht!
    .
    Vielleicht fangen sie sich ja wieder!
    .
    Meint
    Sikasuu

    Und so treffen sich Fundamentalisten verschiedener Couleur - Die Forderung nach "Todesstrafe für Kinderschänder" kommt ja nicht umsonst aus dem rechten Milieu.

    "aber gut, es geht ums Prinzip, also Prozesse und Verteidiger auch für sie"

    Sie sind aber gnädig heute!

    halten sie die USA für einen Rechtsstaat ??? Lächerlich.

    Das ist ein faschitoides System, dass nach Gutdünken Menschen zu Terroristen erklärt um sie dann wie Rechtlose zu behandeln.

    Selbst wenn diesen Faschisten bekannt ist, dass 3/4 der Leute dort unschuldig sitzen, läßt man sie nicht frei.

    Wer glaubt, Freiheit mit Folter verteidigen zu können, hat schon von Anfang an jede moralische Berechtigung verloren und ist nicht besser wie die Terroristen, die er damit bekämpfen will.

    • Sikasuu
    • 19. September 2013 17:21 Uhr

    Das ist wirklich ein wenig sehr hart, so mit der USA um zu gehen.
    .
    Sie haben das "Rechtsstaatprinzip" und ihre Verfassung zwar teilweise ausser Kraft gesetzt, vergl. dazau auch NSA et all. ....
    .
    aber ganz aufgeben sollte man dieses Land doch nicht!
    .
    Vielleicht fangen sie sich ja wieder!
    .
    Meint
    Sikasuu

    3 Leserempfehlungen
  3. Und so treffen sich Fundamentalisten verschiedener Couleur - Die Forderung nach "Todesstrafe für Kinderschänder" kommt ja nicht umsonst aus dem rechten Milieu.

    3 Leserempfehlungen
  4. Es ist hier angebracht, energisch auf die Universal Declaration of Human Rights hinzuweisen, die maßgeblich von den USA vorangetrieben wurde (http://www.un.org/en/docu...). Es reicht, die ersten Artikel zu lesen und sich zu fragen, was die USA dazu getrieben hat, die fundamentalsten Grundwerte über Bord zu werfen.

    In diesem Zusammenhang ist vielleicht das USA Today Interview mit den ehemaligen NSA Mitarbeitern Thomas Drake, William Binney und J. Kirk Wiebevom 16. Juni von Interesse: http://www.usatoday.com/s...

    Die knieweiche Reaktion der deutschen Bundesregierung in dieser Frage läßt Rückschlüsse auf die enge Verwobenheit deutscher Behörden mit der NSA zu. Der BND ist offensichtlich ebenso willfähriger Erfüllungsgehilfe wie die britischen Geheimdienste, und die Bundesregierungen des letzten Jahrzehnts waren und sind diesbezüglich voll informiert und stell(t)en es aus poitischem Opportunismus den USA gegenüber nicht ab.

    6 Leserempfehlungen
  5. "aber gut, es geht ums Prinzip, also Prozesse und Verteidiger auch für sie"

    Sie sind aber gnädig heute!

    2 Leserempfehlungen
  6. halten sie die USA für einen Rechtsstaat ??? Lächerlich.

    Das ist ein faschitoides System, dass nach Gutdünken Menschen zu Terroristen erklärt um sie dann wie Rechtlose zu behandeln.

    Selbst wenn diesen Faschisten bekannt ist, dass 3/4 der Leute dort unschuldig sitzen, läßt man sie nicht frei.

    Wer glaubt, Freiheit mit Folter verteidigen zu können, hat schon von Anfang an jede moralische Berechtigung verloren und ist nicht besser wie die Terroristen, die er damit bekämpfen will.

    3 Leserempfehlungen
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    Verfolgt man die traurige -Schmierenkomödie- auf Guantanamo,so fragt man sich wie krank und von der Rolle sind die Verantwortlichen dieses Schandflecks eigentlich? Was ist das für ein Rechtsstaat,in dem es angeblichen Top-Juristen der Regierung gelingt,so eine Riesenschande auch noch als eine angeblich fairen Prozess zu verkaufen ?Obamas Ziel ,diesen menschenunwürdigen Saustall und Gulag auszumisten ist nicht wahr geworden,angeblich wegen zuviel Widerstand der Republikaner.Wer steht eigentlich hinter diesen ach so demokratischen Zeitgenossen, arbeiten sie überwiegend nur fürs Pentagon und deren -Zulieferer- ,wird man sie später mal als die Sargnägel der Demokratie bezeichnen,oder ist die jetzt schon besiegelt ?Was für eine Nation,die ihre eigenen Kriegsverbrechen verschleiert,statt aufzuklären aber andere Nationen wegen des gleichen Delikts bedroht und auch schon mal angreift? Da Obama Guantanamo auch als Präsident anscheinend nicht im Griff hat,muss man davon ausgehen ,dass es noch Andere gibt,die die Fäden ziehen ? Muss man ein Verschwörungtheoretiker sein, um so zu denken ??

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte CIA | Chalid Scheich Mohammed | Folter | Gericht | US-Regierung | Waterboarding
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