Die Freie Syrische Armee (FSA) lehnt die Einigung über einen Plan zur Vernichtung der syrischen Chemiewaffen ab. Die für den Sturz von Staatschef Baschar al-Assad kämpfenden Rebellen könnten diese Initiative nicht akzeptieren, sagte ihr Generalstabschef Selim Idriss in Istanbul. Sie selbst besäßen keine Chemiewaffen, daher seien sie von dem Plan nicht betroffen. Die Initiative ziele nur darauf ab, Zeit zu gewinnen: "Wir werden den Vorschlag vollständig ignorieren und bis zum Sturz des Regimes weiterkämpfen."

Idriss warf Assads Regierung vor, ihr Chemiewaffen-Arsenal ins Ausland zu schaffen. Die Armee habe in den vergangen Tagen damit begonnen, einige der Waffen in den Libanon und Irak zu bringen.

Nach Angaben von US-Außenminister John Kerry hat Syrien laut dem mit Russland beschlossenen Plan eine Woche Zeit, um eine Liste seiner Chemiewaffen vorzulegen. Bis Mitte 2014 sollen sämtliche Giftgasbestände vernichtet sein. Eine UN-Resolution soll die Möglichkeit der Anwendung von Gewalt gemäß Kapitel VII der UN-Charta beinhalten.

Der Zeitplan sieht folgende Schritte vor: Abschluss der Inspektionen der Experten der Organisation der Chemiewaffenkonvention vor Ort bis November 2013, Zerstörung der Produktionsanlagen und Ausrüstung für das Mischen und Abfüllen von Giftgas bis November 2013, vollständige Beseitigung aller Materialien und Ausrüstung für Chemie in der ersten Jahreshälfte 2014. Die Ziele sollen so schnell wie möglich erreicht werden.

Fabius will UN-Bericht abwarten

Die britische Regierung hat die Einigung begrüßt. Priorität habe nun die "vollständige und schnelle Umsetzung" des Beschlusses, erklärte Außenminister William Hague. Der Plan sei ein "bedeutender Schritt nach vorne". Von einem wichtigen Fortschritt sprach auch der französische Außenminister Laurent Fabius. Frankreich wolle aber den Bericht der UN-Waffenexperten abwarten, um seinen Standpunkt festzulegen. Die UN-Inspektoren hatten die Aufgabe, einen Giftgasangriff nahe Damaskus zu untersuchen, bei dem Schätzungen zufolge 1.400 Menschen getötet wurden. Der UN-Bericht soll am Montag vorgestellt werden.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte die Erwartung, bald mehr über die Details der Einigung zu erfahren, und versprach die Unterstützung der Vereinten Nationen bei der Umsetzung. Er hoffe, dass die Vereinbarung jede weitere Nutzung von Chemiewaffen in Syrien unterbinde und helfe, den Weg für eine politische Lösung des Konflikts zu ebnen, um die "entsetzlichen Leiden" der Syrer zu beenden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, sie sei sehr froh, "dass wir ein Stück Hoffnung sehen", mahnte aber auch: "Jetzt müssen den Worten Taten folgen." In den nächsten Wochen werde sich zeigen, wie es nach dieser sehr guten Nachricht weitergehe. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sagte dem Tagesspiegel: "Es ist gelungen, Russland wieder als konstruktive Kraft zurück an den Verhandlungstisch zu holen und damit den Druck auf das Assad-Regime zu erhöhen." Es gebe jetzt die Chance, das syrische Giftgas-Arsenal unter internationale Kontrolle zu stellen und zu zerstören.

Syrische Opposition will Ministerpräsidenten wählen

In Istanbul tagt am Wochenende die notorisch zerstrittene Oppositionsplattform, die Syrische Nationale Koalition. Bei dem zweitägigen Treffen berät sie auch über eine neue Führung und die Wahl eines Ministerpräsidenten für eine Regierung der Rebellengebiete. Beobachter rechnen damit, dass der altgediente Oppositionelle Ahmad Tumeh al-Chader die Aufgabe übernimmt.

Der als moderat geltende Islamist aus Deir as-Saur steht der Muslimbruderschaft nahe. 2005 war der gelernte Zahnarzt Generalsekretär der Initiative "Damaskus-Erklärung" für demokratischen Wandel. Deren Mitglieder kritisierten das Assad-Regime und forderten Reformen. Wegen seines politischen Engagements kam al-Chader schließlich in Haft.

Dem von den Oppositionellen zunächst bestimmten Ministerpräsidenten Ghassan Hito war es wegen mangelnder Akzeptanz unter den politischen Parteien nicht gelungen, eine Übergangsregierung zu bilden.

Kämpfe zwischen Rebellen und Islamisten

Islamische Extremisten und moderate Rebellen lieferten sich am Samstag nahe der syrischen Grenze zum Irak heftige Kämpfe. Mindestens fünf Menschen seien ums Leben gekommen, teilte das der Opposition nahestehende Syrische Beobachtungszentrum für Menschenrechte mit.

Die säkularen Rebellen hätten die Kämpfer der Gruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil) am Samstag angegriffen, nachdem sie vergeblich zum Verlassen der Stadt Abu Kamal aufgefordert hätten, sagte der Direktor des Beobachtungszentrums, Rami Abdul-Rahman. Unter den Toten seien zwei Isil-Kämpfer und drei Mitglieder der anderen Rebellenfraktion.

In den vergangenen Monaten haben die Kämpfe zwischen Rebellengruppen im syrischen Bürgerkrieg dramatisch zugenommen. Vor allem Al-Kaida-nahe Extremisten und säkular orientierte Rebellengruppen geraten immer wieder einander.