Leserartikel

IsraelWarten auf die Maske

In israelischen Großstädten wurden kürzlich Gasmasken an die Bevölkerung verteilt. Eine zu bekommen war aber gar nicht so einfach. Ein Leserartikel von Daphna Dreifuss

Mit verpackten Gasmasken beladene Bürger in Israel

Mit verpackten Gasmasken beladene Bürger in Israel  |  ©Nir Elias/REUTERS

Ende August verdichten sich die Anzeichen, dass die USA und einige europäische Staaten Luftangriffe auf Stellungen der syrischen Armee planen. In Israel wächst daraufhin die Angst vor einem syrischen Vergeltungsschlag. Die Postämter, die kostenlos Gasmasken an israelische Bürger austeilen, werden nun von Menschenmassen überrannt. Ich bin Deutsch-Israelin, lebe aber noch nicht lange in Israel und nehme die Situation ernst. Besser, ich besorge mir auch eine Gasmaske.

Es ist 9 Uhr morgens. In Tel Aviv herrschen bereits über 30 Grad im Schatten. Seit einer Stunde hat das Postamt geöffnet in dem Gasmasken ausgeteilt werden. Die große Betontreppe, die zum Amt hinaufführt, ist voll mit Menschen. Der Begriff "Giftgas" und die Bilder der Opfer in Syrien haben selbst bei den kriegserfahrenen und sonst sehr entspannten Israelis einen Nerv getroffen. Kein Schild, kein Mitarbeiter erklärt den genauen Ablauf der Ausgabe. Ich fühle mich ziemlich hilflos. Plötzlich vermisse ich die deutsche Bürokratie unheimlich.

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Ich beginne, mich mit meinem gebrochenen Hebräisch durchzufragen. Ich laufe von einer Menschentraube zur nächsten, trage mich in handgezeichnete Listen auf Collegeblöcken ein und versuche, so "israelisch" wie möglich zu sein: Ellenbogen raus und bloß keine Zurückhaltung. Nach zwei Stunden Warten inmitten eines faszinierenden Spektakels aus Verwirrung, Geschubse und viel Geschrei erhalte ich schließlich eine Nummer für die Gasmasken-Ausgabe: 705. Da eben erst die Nummer 300 aufgerufen wurde, beschließe ich, für eine Stunde ins Büro zu gehen.

Als ich kurz darauf zum Postamt zurückkomme, sind alle Menschentrauben verschwunden. Diejenigen, die jetzt noch auf der Treppe warten, wirken halbwegs diszipliniert. Im Innersten eben doch von deutscher Ordnung geprägt, bin ich vollkommen überzeugt davon, dass meine Nummer bald aufgerufen wird und ich endlich meine Maske bekommen werde.

Doch mein Urvertrauen in die Unerschütterlichkeit bürokratischer Ordnung wird schnell zerschlagen: Auf meine Frage, welche Nummer momentan an der Reihe sei, ernte ich nur irritierte Blicke. Es gäbe keine Nummern, heißt es, ich solle mich einfach hinten anstellen. Zwei Stunden habe ich für meine 705 angestanden – alles umsonst. Ich weiß nicht, ob ich heulen, schreien oder lachen soll. Wahrscheinlich ist Humor in so einer Lage aber immer noch der beste Begleiter.

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Meine Gelassenheit überrascht mich selbst – allerdings geht sie mir nun schnell verloren. Das Chaos vom Morgen ist nichts gegen das ewig lange Warten in praller Sonne und Mittagshitze. Alle um mich herum schubsen und drängeln, meine Arme kleben abwechselnd an den Oberarmen und den Rücken meiner Nachbarn. Die Schlange bewegt sich nur alle 20 Minuten ein paar Schritte nach vorne. Obwohl die Postmitarbeiter pausenlos Wasser verteilen, werden einige ohnmächtig. Hinter mir fangen zwei Leute an, sich zu prügeln, und der Sicherheitsdienst muss dazwischen gehen.

Als ich kurz vor dem Ziel bin, heißt es auf einmal, man bekäme nur mit israelischem Personalausweis eine Gasmaske und ich mit meinem israelischen Reisepass keine. Da ich aber ohnehin in der Masse eingeschlossen bin und mich nicht wegbewegen kann, beschließe ich, es einfach darauf ankommen zu lassen.

Am Ende bekomme ich doch eine Maske. Vier Stunden habe ich angestanden – die Zeit am Morgen nicht eingerechnet. "Was ist das hier eigentlich für ein Land?", höre ich hinter mir. "Wenn wir den Krieg genauso führen, dann stehen unsere Chancen schlecht!"

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Leserkommentare
  1. Vergessen Sie jedoch nicht, dass die Palästinensergebiete, welche von Israel kontrolliert werden, nicht mit Gasmasken beliefert werden - warum auch immer.

    Da ist das Warten alleine nur ein kleines Übel.

    Eine Leserempfehlung
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    Die PA hat das Recht, jeden Araber in Judäa und Samaria mit Gasmasken zu versorgen. Ebenso die Hamas in Gaza. Nur, blöderweise scheren sie sich nicht darum. Abbas und seine Kumpanei haben übrigens schon Gasmasken.

  2. 2. Warum

    kann man sich nicht privat eine qualitativ hochwertige Schutzmaske und entsprechende Schutzkleidung kaufen?

    So teuer ist das nicht und die Maske ist ohne Schutzbekleidung ziemlich sinnlos?

    Auch Spürpaier, nur als erster Indikator, gibts auch rollenweise.

    In der Hitze dürfte sich auch eine Tragegewöhnung anbieten, ebenso die Benutzung des in der Maske hoffentlich vorhandenen Trinkanschlusses.

    Peter

    2 Leserempfehlungen
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    • Atan
    • 18. September 2013 12:37 Uhr

    Maske je nach Qulität 30 bis 120 Euro, tlw. sind ganze ABC-Schutzanzüge in dieser Preiskategorie zu bekommen.

    Das beste und sicherste bleibt aber weiterhin, den Syrern ihre Chemiewaffen abzunehmen - hoffentlich wird das jetzt nicht von Großmächten vermasselt, weil die eine oder andere Partei Nebenabsichten verfolgt.

    Gasmaske hat damals 30 DM im Natoshop gekostet. Die war auch aus solchen israelsichen Zivilschutzbeständen, in fast derselben Verpackung wie sie auch auf den Bildern zu sehen sind.

    • Abwaka
    • 18. September 2013 11:59 Uhr

    Die Frage ist wieso Israel einen Vergeltungsschlag befürchtet wenn doch die USA, Frankreich und GB einen Intervention forcieren ?

    Dann müsste Deutschland ja auch bald Gasmasken verteilen, da wir als Nachbarland Frankreichs auch einen Vergeltungsschlag befürchten müssen.

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    Frankreich, die USA und andere Länder sind nicht erreichbar für Syrische Angriffe. Israel als westliche Demokratie (und noch dazu voll mit Juden) ist erreichbar.

    • LiLa_17
    • 18. September 2013 12:37 Uhr

    Der Iran hat angekündigt, im Falle eines westlichen Angriffs auf Syrien würde Tel Aviv "unter einem Regen aus Raketen in Flammen aufgehen".

    Es ist völlig unwichtig, ob GB, Frankreich oder die USA angreifen, Israel ist immer der für Irans Raketen einzig erreichbare Verbündete des Westens, also wird Israel auch immer bedroht. Willkommen in der verqueren Logik des Nahen Ostens.

    • Skeiron
    • 18. September 2013 13:51 Uhr

    Israel hat gute Gründe Angriffe aus Syrien zu fürchten, schließlich sind sie ein beliebtes Feindbild.
    Auch Saddam beschoss Israel während Desert Storm mit Raketen obwohl Israel nicht Teil der gegen ihn kämpfenden Koalition war, er war aber immerhin klug genug keine chemischen Waffen gegen Israel und die Koalitionsstreitkräfte einzusetzen.

    wären wir in Reichweite wäre das sehr sinnvoll

    Dass der Irak unter Saddam Hussein einst, aufgrund des us-amerikanischen Angriffs, beim 2ten Golfkrieg,
    Israel mit Scud-Raketen beschoß?
    Israel hatte damals den USA versprochen still zu halten und keine Gegenschläge zu führen, um den Konflikt nicht zu einer arabisch-antiisraelischen Front auszuweiten, was die Absicht Saddams gewesen sei.

    Schon damals wurden Gasmasken verteilt und es war die bange Frage, ob die einschlagenden Raketen mit Gas gefüllt sein würden, übrigens ebenfalls gemischt mit Grundstoffen aus der BRD, oder nicht.
    Sie waren es schließlich nicht.
    Damals übrigens wurde der Irak nur wegen seines Einmarsches in Kuweit "gestraft". Die Anwendung von Giftgas, zuerst im 1ten Golfkrieg gegen den Iran, einen Krieg, den die USA quasi gefördert oder initiiert hatten, und auch der Giftgas-Angriff auf irakisch Kurdistan mit 180000 Opfern hatte keinerlei
    Wunsch nach Intervention des Westens aufkommen lassen.
    Warum?
    Saddam war damals noch ein Diktator und Massenmörder im Vertretungsbereich us-amerikanischer Interessen, nicht zuletzt, weil er gegen den Iran stand.
    Erst als Saddam ihnen auskam, wurde er zum Menschen- und Völkerrechtsverletzer, den es zu sanktionieren galt.

    Das wirft freilich ein klärendes Licht, auf die westliche Motivlage zum Syrienkonflikt.
    Scholl-Latour hat es in diesem Falle treffend einfach formuliert: Es geht nicht um Syrien, es geht um den Iran.

  3. Frankreich, die USA und andere Länder sind nicht erreichbar für Syrische Angriffe. Israel als westliche Demokratie (und noch dazu voll mit Juden) ist erreichbar.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Naja..."
    • Atan
    • 18. September 2013 12:37 Uhr

    Maske je nach Qulität 30 bis 120 Euro, tlw. sind ganze ABC-Schutzanzüge in dieser Preiskategorie zu bekommen.

    Das beste und sicherste bleibt aber weiterhin, den Syrern ihre Chemiewaffen abzunehmen - hoffentlich wird das jetzt nicht von Großmächten vermasselt, weil die eine oder andere Partei Nebenabsichten verfolgt.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Warum"
    • LiLa_17
    • 18. September 2013 12:37 Uhr

    Der Iran hat angekündigt, im Falle eines westlichen Angriffs auf Syrien würde Tel Aviv "unter einem Regen aus Raketen in Flammen aufgehen".

    Es ist völlig unwichtig, ob GB, Frankreich oder die USA angreifen, Israel ist immer der für Irans Raketen einzig erreichbare Verbündete des Westens, also wird Israel auch immer bedroht. Willkommen in der verqueren Logik des Nahen Ostens.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Naja..."
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    • ftx32
    • 21. September 2013 14:59 Uhr

    > Israel ist immer der für Irans Raketen einzig erreichbare Verbündete des
    > Westens

    So ein Käse. Irans Raketen reichen mindestens bis nach Europa, sonst hätte man sich das ganze Patriot-System auch sparen können.

    • ftx32
    • 21. September 2013 15:03 Uhr

    > Israel ist [...] Verbündete des Westens

    Israel ist nicht in der NATO, also auch kein "Verbündeter des Westens".

  4. Die meisten israelischen Staatsbürger oder Einwohner (sowohl Juden als auch Araber, Christen und Religionslosen) haben ihre Gasmasken vor Monaten ohne Tumult und Schlangestehen geholt. Die, die nicht vorausdenken konnten, wollten, oder Probleme mit lesen und verstehen hatten, die holten die Gasmasken auf der oben beschriebenen Art ab.

    Auch in Deutschland gebe es übrigens Menschen, die im Bedarfsfall ihre ABC-Schutzpastillen auf dieser Art und Weise holen würden. Die Welt ist nun mal so.

  5. Die PA hat das Recht, jeden Araber in Judäa und Samaria mit Gasmasken zu versorgen. Ebenso die Hamas in Gaza. Nur, blöderweise scheren sie sich nicht darum. Abbas und seine Kumpanei haben übrigens schon Gasmasken.

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    Antwort auf "Schöner Artikel"
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    Sind in Sachen Import sehr eingeschränkt.

    Wenn man bedenkt, dass Nahrungsmitteleinfuhr auf 2300 kcal pro Palästinenser am Tag begrenzt ist, kann man sich ein Bild davon ausmalen, dass die Einfuhr von anderen Gütern sehr schwierig ist.

    Da nun auch die Ägyptischen Grenzen geschlossen haben und die "illegalen" Tunnel seitens der Ägypter bombadiert wurden, welche Gaza noch ein wenig Hoffnung gegeben haben, um z.B. an mehr kcal zu kommen - sind die Palästinenser komplett von den Einfuhrbeschränkungen der Israelis abhängig.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Bürokratie | Chaos | Humor | Personalausweis | Post | Sonne
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