Ende August verdichten sich die Anzeichen, dass die USA und einige europäische Staaten Luftangriffe auf Stellungen der syrischen Armee planen. In Israel wächst daraufhin die Angst vor einem syrischen Vergeltungsschlag. Die Postämter, die kostenlos Gasmasken an israelische Bürger austeilen, werden nun von Menschenmassen überrannt. Ich bin Deutsch-Israelin, lebe aber noch nicht lange in Israel und nehme die Situation ernst. Besser, ich besorge mir auch eine Gasmaske.

Es ist 9 Uhr morgens. In Tel Aviv herrschen bereits über 30 Grad im Schatten. Seit einer Stunde hat das Postamt geöffnet in dem Gasmasken ausgeteilt werden. Die große Betontreppe, die zum Amt hinaufführt, ist voll mit Menschen. Der Begriff "Giftgas" und die Bilder der Opfer in Syrien haben selbst bei den kriegserfahrenen und sonst sehr entspannten Israelis einen Nerv getroffen. Kein Schild, kein Mitarbeiter erklärt den genauen Ablauf der Ausgabe. Ich fühle mich ziemlich hilflos. Plötzlich vermisse ich die deutsche Bürokratie unheimlich.

Ich beginne, mich mit meinem gebrochenen Hebräisch durchzufragen. Ich laufe von einer Menschentraube zur nächsten, trage mich in handgezeichnete Listen auf Collegeblöcken ein und versuche, so "israelisch" wie möglich zu sein: Ellenbogen raus und bloß keine Zurückhaltung. Nach zwei Stunden Warten inmitten eines faszinierenden Spektakels aus Verwirrung, Geschubse und viel Geschrei erhalte ich schließlich eine Nummer für die Gasmasken-Ausgabe: 705. Da eben erst die Nummer 300 aufgerufen wurde, beschließe ich, für eine Stunde ins Büro zu gehen.

Als ich kurz darauf zum Postamt zurückkomme, sind alle Menschentrauben verschwunden. Diejenigen, die jetzt noch auf der Treppe warten, wirken halbwegs diszipliniert. Im Innersten eben doch von deutscher Ordnung geprägt, bin ich vollkommen überzeugt davon, dass meine Nummer bald aufgerufen wird und ich endlich meine Maske bekommen werde.

Doch mein Urvertrauen in die Unerschütterlichkeit bürokratischer Ordnung wird schnell zerschlagen: Auf meine Frage, welche Nummer momentan an der Reihe sei, ernte ich nur irritierte Blicke. Es gäbe keine Nummern, heißt es, ich solle mich einfach hinten anstellen. Zwei Stunden habe ich für meine 705 angestanden – alles umsonst. Ich weiß nicht, ob ich heulen, schreien oder lachen soll. Wahrscheinlich ist Humor in so einer Lage aber immer noch der beste Begleiter.

Meine Gelassenheit überrascht mich selbst – allerdings geht sie mir nun schnell verloren. Das Chaos vom Morgen ist nichts gegen das ewig lange Warten in praller Sonne und Mittagshitze. Alle um mich herum schubsen und drängeln, meine Arme kleben abwechselnd an den Oberarmen und den Rücken meiner Nachbarn. Die Schlange bewegt sich nur alle 20 Minuten ein paar Schritte nach vorne. Obwohl die Postmitarbeiter pausenlos Wasser verteilen, werden einige ohnmächtig. Hinter mir fangen zwei Leute an, sich zu prügeln, und der Sicherheitsdienst muss dazwischen gehen.

Als ich kurz vor dem Ziel bin, heißt es auf einmal, man bekäme nur mit israelischem Personalausweis eine Gasmaske und ich mit meinem israelischen Reisepass keine. Da ich aber ohnehin in der Masse eingeschlossen bin und mich nicht wegbewegen kann, beschließe ich, es einfach darauf ankommen zu lassen.

Am Ende bekomme ich doch eine Maske. Vier Stunden habe ich angestanden – die Zeit am Morgen nicht eingerechnet. "Was ist das hier eigentlich für ein Land?", höre ich hinter mir. "Wenn wir den Krieg genauso führen, dann stehen unsere Chancen schlecht!"