Kriegsgefangene sind bei Einsätzen der Bundeswehr nicht vorgesehen. Nur in einem traditionellen Kriegsszenario, als Verteidigungsfall vom Bundestag offiziell festgestellt, sind deutsche Militärpolizisten zur Bewachung von solchen Gefangenen eingeplant – nicht aber bei den Auslandsmissionen wie im Kosovo oder in Afghanistan. Deshalb lässt aufhorchen, was ein ehemaliger Feldjäger, ein Militärpolizist der Bundeswehr, mit zwölf Jahren Verzögerung berichtet: Im Mai 2001 wurden deutsche Soldaten zur Bewachung von Gefangenen der US-Truppen im Kosovo abkommandiert – auf zumindest zweifelhafter rechtlicher Grundlage.

Unter dem Pseudonym Hans Ragnitz erzählt der damalige Feldwebel in seinem Buch Soldatenmann von dem Auftrag, der ihn und 21 Kameraden nach Dubrava verschlug, im zu der Zeit italienischen Sektor der Kosovo-Schutztruppe KFor: Die Feldjäger sicherten ein Gefangenenlager, in dem die Amerikaner festgesetzte Männer internierte, die der UÇPMB zugerechnet wurden. Diese Guerillatruppe hatte nach dem Ende des Kosovo-Krieges versucht, den erfolgreichen Aufstand der Albaner im Kosovo auf das zu Serbien gehörende Preševo-Tal auszuweiten.

Vor dem Gelände sicherten weitere 51 Deutsche. Erst viel später wird Ragnitz klar, was er da gesehen hat – dann nämlich, als die Bilder aus dem US-Gefangenenlager Guantánamo um die Welt gehen. Auch in Dubrava wurden die Gefangenen in orange-roten Häftlingsuniformen hinter Stacheldraht interniert.

"Wir haben das genau so erlebt", sagte der Buchautor im Gespräch mit ZEIT ONLINE über seine zwei Wochen in Dubrava. Und schon damals hätten sich seine Kameraden und er selbst gefragt, ob das eigentlich rechtlich in Ordnung ist, was sie dort tun. Denn einen Befehl oder eine Weisung für den Umgang mit Kriegsgefangenen oder anderen Internierten gab es in diesem Einsatz für die Deutschen nicht – sie sprachen, so schildert es Ragnitz, auch immer nur wie Briten und Amerikaner von detainees, in völliger Unklarheit über die rechtliche Situation der Inhaftierten, die aus deutscher Sicht weder als Kriegsgefangene anzusehen waren noch die üblichen Rechte von Häftlingen hatten. 

Bundeswehrsoldaten als "Schließer"

Die Gefangenen wurden von amerikanischen Soldaten in dem eilends errichteten Camp abgeliefert, weil es Probleme mit deren Unterbringung im US-Feldlager Camp Bondsteel gab. Die Deutschen, als "Schließer" in Dubrava eingesetzt, übernahmen die Arbeit von Strafvollzugsbediensteten. Unbewaffnet, denn laut Ragnitz gab es Befürchtungen, die Häftlinge könnten die Bewacher als Geiseln nehmen und so an Waffen gelangen. Anders als ihre britischen und amerikanischen Kollegen durften die Bundeswehrsoldaten auch kein Pfefferspray mit sich führen: Zu der Zeit war deutschen Soldaten der Gebrauch solcher Reizstoffe unter Hinweis auf Vereinbarungen über Chemiewaffen untersagt. Dieses Gesetz wurde später geändert.

Die Schilderung des ausgeschiedenen Soldaten hat stern.de nachrecherchiert – und nach eigenen Angaben dessen Beschreibungen bestätigt bekommen. Das Verteidigungsministerium verwies auf Anfrage auf die stern.de-Recherche, die unter anderem mit Einsicht in die Akten unterstützt worden sei, und widersprach dem Bericht nicht. Darüber hinaus wollte ein Ministeriumssprecher den damaligen Vorfall allerdings nicht weiter kommentieren.

Das mag damit zusammenhängen, das auch zwölf Jahre nach dem deutschen Einsatz im zeitweisen Gefangenenlager Dubrava unklar ist, wer dafür die Verantwortung trägt. So verwies der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping laut stern.de auf sein ehemaliges Ministerium, das sicherlich zur Aufklärung beitragen könnte. Der damalige Generalinspekteur Harald Kujat sagte dem Nachrichtenportal, er höre davon zum ersten Mal. Und im Gespräch mit ZEIT ONLINE bestätigte der damalige Chef des Stabes im Führungsstab der Streitkräfte, dass Meldungen über das Kosovo-Guantánamo zur damaligen Zeit nie im Ministerium angekommen seien.

Ohne die Erinnerungen von Hans Ragnitz und die Fotos, die dabei entstanden, gäbe es vermutlich gar keinen Beleg dafür, dass Dubrava je existierte. Ein paar Wochen nach dem Einsatz reiste der Feldwebel noch mal an diesen Ort – und fand keine Spur mehr: "Das ganze Lager war plattgemacht."