SyrienWie Russland den Schurken glücklich gemacht hat

Alle im Westen sind erleichtert, dass es zunächst zu keinem Angriff auf Syrien kommt. Jetzt beginnt wie beim Irak das Katz-und-Maus-Spiel um eine UN-Resolution. von 

Josef Joffe, 69, ist einer der Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er ihr Chefredakteur.

Josef Joffe, 69, ist einer der Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er ihr Chefredakteur.  |  © Vera Tammen

Barack Obama muss so erleichtert sein wie Baschar al-Assad, der Diktator von Damaskus. Haben doch beide ihren Kopf erst einmal aus der Schlinge ziehen können. Vorläufig. Nach dem russischen Schachzug mit der C-Waffen-Übergabe darf sich Obama den schweren Gang auf den Hügel des Kapitols ersparen. Eine Kriegsentschließung hätte er dort nicht bekommen, jedenfalls nicht im Repräsentantenhaus. Genauso wenig, wie es David Cameron in London geschafft hat. François Hollande muss seine Nationalversammlung nicht fragen, aber die Antwort wäre die gleiche.

Putin steht noch besser da. Ihm geht es nicht um Moral, sondern um nacktes Interesse: Er will seinen Schützling Assad um jeden Preis retten und mit ihm Russlands strategische Position. Dito Iran, der zwar nur im Hintergrund agiert, aber froh ist, dass seine Hilfstruppe in Syrien, die Hisbollah, nicht ins Visier amerikanischer Bomber gerät.

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Am glücklichsten muss der Schurke in diesem Drama sein. Assad darf jetzt einen langen, einseitig verkündeten Waffenstillstand genießen. Amerikas Marschflugkörper bleiben im Rohr. Und er blickt auf einen großzügigen Spielraum. Jetzt beginnt das Geschacher um eine UN-Resolution. Hier haben die russischen Freunde signalisiert, dass sie keine strafbewehrte Entschließung wollen, wie sie die Franzosen zirkulieren.

Das Spiel mit den UN-Inspektoren darf jetzt beginnen. Wer beschützt sie in einer Kriegszone, die halb so groß ist wie Deutschland? Wie finden und sichern sie das Teufelszeug, wenn das Regime unter dem diplomatischen Schutzschirm der Russen eine Resolution mit Zähnen nicht fürchten muss

Saddam Hussein hat es vorgemacht. Nachdem der Sicherheitsrat ihm 1991 die Vernichtung aller Massenvernichtungswaffen auferlegt hatte, hat er zwölf Jahre lang ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Inspektoren aufgezogen – bis George W. Bush 2003 zur Waffe griff.

Folglich könnte Obama sehr wohl erneut in die Falle tappen, aus der er sich mit dem internationalen Kontrollregime über die syrischen C-Waffen zu befreien gedachte. Entweder er schießt allein oder gar nicht, weil er den Segen des Sicherheitsrates nicht bekommt. 

Eigentlich will er überhaupt nicht zuschlagen, wie seine letzte Rede ahnen lässt. Schließlich habe er "viereinhalb Jahre damit verbracht, Kriege zu beenden, nicht zu beginnen". Er wolle sich, wie er es seit Jahren wiederholt, auf "nation-building hier zu Hause" konzentrieren. Er fügte hinzu: "Amerika ist nicht der Weltpolizist." Und: "Furchtbares geschieht rings um die Welt, und wir haben nicht die Mittel, um alles Unrecht zu beseitigen." So redet kein Präsident, der entschlossen ist, ein Ultimatum zu stellen – Moskaus Blockadetaktik hin oder her – wenn Assad jenes Hütchenspiel inszeniert, das ihn Saddam gelehrt hat.

Aber machen wir uns nichts vor: Alle im Westen sind erleichtert, weil sie in ihren Parlamenten keine Mehrheit für einen Angriff finden. Und bei kühler Betrachtung auch nicht wissen, wie ein begrenzter Luftangriff das Morden am Boden beenden könnte – mit oder ohne C-Waffen. Assad hat einen Aufschub bekommen, der sich womöglich zur Begnadigung ausweitet, weil der Westen keinen Krieg will. Auf jeden Fall bekommt Assad einen russischen Bewährungshelfer, der ihm nicht viel abverlangen wird.

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Leserkommentare
  1. 1. Oh je

    Josef.

    28 Leserempfehlungen
  2. von manchen jedenfalls.

    dumm nur, dass kaum noch wer daran glaubt, dass Obama und Hollande und Cameron und wie sie alle heißen Syrien aus reiner menschenfreundlichkeit zerbomben wollen täten.

    und zur geschichte, was die WMD in Irak und deren kontrolle und vernichtung angeht, lese ich lieber Springstein als Joffe
    http://www.freitag.de/aut...

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    6 Sep 2013 - Briefing by Farhan Haq, Associate Spokesperson for Secretary-General Ban Ki-moon:

    MINUTE 6:30

    http://webtv.un.org/watch...

    WER LÜGT HIER EIGENTLICH AM MEISTEN?
    IN DIESER GESCHICHTE?
    WARUM HÖREN WIR NICHT IN DEN MEDIEN, DASS REBELLEN IN SYRIEN UN-MITARBEITER ERMORDET HABEN?

  3. Der Schurke dürfte sehr erleichtert sein, dass ihm eine schallende Ohrfeige im Kongress vorerst erspart geblieben ist.

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  4. Interessante Überlegungen, allerdings schätze ich Putin so ein, dass ihm sein Ego wichtiger ist als Russland und mit dem amerikanischen Präsidenten auf Augenhöhe zu streiten ist eindrucksvoller als mit nacktem Oberkörper durch die russische Taiga zu reiten.

    Meiner Meinung nach sollte den Großmächten die Bühne entzogen werden. Anstatt mit Obama oder Putin zu verhandeln könnte der eine oder andere EU Politiker auch Damaskus aufsuchen, um die Tragikomödie ohne die großen Zampanos zu schlichten. Europa hat ein wesentlich besseres Ansehen als die USA und Russland.

    Hier fehlt es jedoch an Mut. Die Kanzlerin hat in Europa einen guten Stand und wäre dazu prädestiniert. Dies hieße aber der USA in den Rücken zu fallen und da ist kuschen dann doch gemütlicher, vor allem jetzt kurz vor der Wahl.

    Syrien hat verdeutlicht, dass es den Großmächten nicht um die betroffenen Menschen geht, sondern um Machtspielchen. Ich finde es unmöglich, dass die Weltgemeinschaft Obama und Putin weiterhin den Hof macht, wo es durchaus Alternativen gäbe.

    4 Leserempfehlungen
    • adreng
    • 12. September 2013 8:05 Uhr

    Joffe will suggerieren, dass international kontrollierte Abrüstung nicht sinnvoll sei und es besser wäre, das zu tun, was die Mehrheit der Völker und Parlamentsmitgieder in Europa und wahrscheinlich auch den USA nicht will, einfach einmal mit dem Bombardieren zu beginnen.

    Das ist fragwürdig, und vollkommen absurd wird es, wenn er als Argument sogar den Irak heranzieht, der nach dem Krieg in den 90er Jahren abrüstete und jahrelang internationale Kontrollen zuließ.

    Ja, von einigen Leuten wie Blair und George W. Bush wurde behauptet, die Waffenkontrollen hätten nicht funktioniert, und der Irak habe Massenvernichtungswaffen. Mit solchen falschen Behauptungen wurde ein Krieg begonnen. Inzwischen wissen wir sehr gut, dass die Abrüstung des Iraks vollständig war und den Waffeninspektoren nichts Wesentliches verheimlicht wurden - als nach dem Krieg der Irak von den USA und Grossbritannien besetzt wurde, wurde intensiv gesucht, und wenn man auch nur kleine Mengen von Massenvernichtungswaffen gefunden hätte, wäre das sicher in großem Maßstab publik gemacht worden, um den Krieg nachträglich zu rechtfertigen.

    Dass also sogar ein Fall erfolgreicher international kontrollierter Abrüstung als "Spiel mit Waffeninspektoren" lächerlich gemacht wird, zeigt, dass die Argumente von Leuten, die wie Joffe im Zweifel für das Bombardieren sind, extrem schwach sind.

    Unglaubwürdig ist zudem die einseitige Rollenzuteilung von Assad als Schurke (was sind dann die Al-Kaida nahe stehenden Rebellen?).

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    "Das ist fragwürdig, und vollkommen absurd wird es, wenn er als Argument sogar den Irak heranzieht, der nach dem Krieg in den 90er Jahren abrüstete und jahrelang internationale Kontrollen zuließ"

    Offensichtlich ist man sich für nichts mehr zu schade. Der Satz...

    "Nachdem der Sicherheitsrat ihm 1991 die Vernichtung aller Massenvernichtungswaffen auferlegt hatte, hat er zwölf Jahre lang ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Inspektoren aufgezogen – bis George W. Bush 2003 zur Waffe griff"

    ...klingt doch beinahe wie eine nachträgliche Rechtfertigung des Irak Krieges. George W. der Unverdrossene beendete 2003 entschlossen das 12 Jahre dauernde Katz-und-Maus-Spiel des pösen Diktators. Sehr zynische Darstellung wenn man bedenkt, dass die Weltöffentlichkeit damals nachweislich mit gefälschten Geheimdienstbeweisen getäuscht und in einen imperialistischen Feldzug um Öl und globale Hegemonie gezogen wurde, der einen bis heute unbefriedeten Irak zurück gelassen hat.

    Bei so viel Realitätsverdrehung muss man sich kaum noch wundern, wie heute in den meisten Medien verbal für einen Millitärschlag aufgerüstet wird.

    • Domber
    • 12. September 2013 8:07 Uhr

    und die hat Russland garantiert nicht glücklich gemacht. [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    11 Leserempfehlungen
  5. aus den desaströsen "Befreiungskriegen" in Irak und Libyen, Herr Joffe? Warum sind sie nicht froh, daß endlich mal die Einmischungen unterbleiben? Wenn überhaupt, dann sind die Islamisten die Feinde der Freiheit. Und die zu unterstützen wäre wohl das Dämlichste überhaupt.

    12 Leserempfehlungen
  6. Du pöser Pube. "Life of B..Assad" Am Ende des Hütchenspiels wartet das Erdloch.
    Allerdings scheint hier wenigstens unter einem Hütchen etwas zu sein. Im Gegensatz zu Saddam.
    Ein bisschen haben die "Zuschauer" also gelernt.

    Zum Wohle deines Volkes musst Du bestraft werden, du Schurke. Mach es gefälligst wie wir. Alles was Recht ist bestimmen wir. Wir sind die Guten, ob du es glaubst oder nicht. Und überhaupt dein Bewährungshelfer ist auch ein Böser.

    Mann was ein schlechter Film.

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    Manchmal frage ich mich, wie man Assad als offenbar einzigen Schurken in dieser Lage bezeichnen kann. Allen, die an solchen Themen interessiert sind, sollten sich vielleicht einmal mit dem Kern beschäftigen und nicht immer nur mit Oberflächlichkeiten. Bspw. ein Buch wie "Die Welt aus den Fugen" von Peter Scholl-Latour, jemandem der lange genug in dieser Region gelebt hat und genügend Kompetenz gesammelt hat, beschreibt u. a. das man nicht glauben sollte, dass die arabische Revolution (und hier speziell die syrische Opposition) Demokratie und Wohlstand einführen wird oder will. Wir diskutieren immer zwischen Pest und Cholera. So ist mir komplett unverständlich, warum wir aus dem "Westen" die Opposition unterstützen sollten. Christen und westliche Werte hätten unter der Macht von syrischen Oppositionellen weniger zu lachen als unter Assad. Chemiewaffen würde die Opposition auch einsetzen, um die eigenen Ideale durchzusetzen. Außerdem riecht es mal wieder danach, dass die USA einen solchen externen Konflikt vorschiebt, um von den eigenen internen Problemen abzulenken.

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Russland | Barack Obama | Syrien | David Cameron | Theo Sommer | Marschflugkörper
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