Kongressgebäude in Washington D.C. © Larry Downing/Reuters

Wenn der US-Kongress nach dem Ende der Sommerpause über ein militärisches Eingreifen in Syrien und damit über Krieg und Frieden entscheidet, steht den Volksvertretern eine schwierige Abwägung zwischen Parteiinteressen, der öffentlichen Meinung und ihrem eigenen Gewissen bevor. Das Stimmungsbild ist verworren – und für US-Präsident Barack Obama ist die Einbeziehung des Kongresses eine Wette mit ungewissem Ausgang.

Der Senat will bereits von Dienstag an über die Vorlage des Weißen Hauses beraten und in der Woche ab dem 9. September entscheiden – in der gleichen Woche, in der auch das Repräsentantenhaus aus der Sommerpause zurückkehrt. Etliche Kongressmitglieder eilten allerdings bereits am Sonntag nach Washington, um sich von der Regierung über deren Erkenntnisse zu dem Giftgasanschlag in Syrien unterrichten zu lassen.

Eine Reihe von Volksvertretern begrüßte am Wochenende die Aufwertung ihrer Rolle in dieser wichtigen außenpolitischen Frage. Die Kränkung darüber, dass die Regierung die Militärkampagne, die zum Sturz des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi führte, ohne den Kongress beschlossen hatte, sitzt bis heute tief. 140 Mitglieder des Repräsentantenhauses hatten nun einen offenen Brief an den Präsidenten unterzeichnet, in dem sie forderten, bei einer Entscheidung über einen Militärschlag in Syrien einbezogen zu werden.

Allerdings hatte wohl keiner von ihnen damit gerechnet, dass dieser Fall eintreten würde. Obama und sein Team schienen noch Ende der Woche zum schnellen Handeln entschlossen – Beobachter in Syrien und außerhalb rechneten schon am Wochenende mit Raketenangriffen auf Einrichtungen des Assad-Regimes. Aber eine Reihe von Entwicklungen änderte das Kalkül. In Großbritannien verlor Premierminister David Cameron die parlamentarische Abstimmung über einen Einsatz und sagte die britische Teilnahme an einer Intervention ab. In den USA wünschen sich in einer Umfrage des Senders NBC 80 Prozent der Bevölkerung, dass die Regierung nur mit Zustimmung des Kongresses handelt.

Kerry startete PR-Kampagne in wichtigen Sonntagstalkshows

Was auf den ersten Blick wie der sicherste Weg aussehen mag, ist auf den zweiten Blick nicht ohne Risiken. "Der Kongress wird schwierig", schätzte der Historiker Douglas Brinkley am Sonntag im Gespräch mit dem Sender CNN. Die Regierung müsse nach dem überraschenden Rückzieher am Samstag den verlorenen Schwung wieder gewinnen und in den nächsten Wochen um jede Stimme einzeln kämpfen. Außenminister John Kerry startete die PR-Kampagne mit Interviews in allen fünf wichtigen Sonntagstalkshows. "Unser Land ist viel stärker, wenn wir zusammen handeln", sagte er etwa dem Sender Fox News.

Doch das wird nicht einfach. Zunächst muss Obama seine eigenen Demokraten an Bord bekommen. Im Senat haben Fraktionsführer Harry Reid sowie der Leiter des Auswärtigen Ausschusses Robert Menendez ihre Zustimmung signalisiert. Im Repräsentantenhaus hofft die Regierung auf die Überzeugungskunst der Fraktionsführerin Nancy Pelosi. Auch sie hat bereits erklärt, wo sie steht: Eine begrenzte Intervention, um den Einsatz von Giftgas zu bestrafen, sei im nationalen Interesse der USA und diene der regionalen Stabilität und globalen Sicherheit.

Dennoch wird es schwierig, eine breite Koalition zu schmieden. Der linke Flügel der Demokraten ist traditionell skeptisch gegenüber Kriegseinsätzen – und im rechten Flügel bereuen viele bis heute ihr Votum für den Irakkrieg, den Obamas Vorgänger George W. Bush 2003 in Gang gesetzt hatte. "Die Demokraten waren bisher verdächtig still", beobachtete der republikanische Abgeordnete Tom Cole in einem Interview. Obama sei "ein Kriegspräsident ohne eine Kriegspartei".