Wir Amis / Kolumne Wir Amis : Doch, Herr Putin, wir Amerikaner sind außergewöhnlich

In einem Beitrag in der "New York Times" hat Russlands Präsident Putin die Führungsrolle der USA in der Welt infrage gestellt. Unser Kolumnist antwortet ihm.
Russlands Präsident Wladimir Putin während des G-20-Gipfels in Sankt Petersburg © Alexander Nemenov/AFP/Getty Images

Sehr geehrter Herr Präsident Putin!

Vielen Dank für Ihren Brief, den ich in der New York Times lesen durfte. Nicht oft bekommen wir Amerikaner Briefe von politischen Führern Ihres Rangs; viele Menschen auf der Welt beschimpfen und belehren uns hinter unserem Rücken, aber die wenigsten schreiben uns direkt an. Ich habe mich sehr gefreut.

Dass Sie uns in Ihrem Brief vor einem Krieg in Syrien gewarnt haben, ist ebenfalls sehr umsichtig von Ihnen. Na gut, Sie wissen ja, dass die meisten Amerikaner ohnehin gegen einen Krieg sind, und zwar aus den Gründen, die Sie erwähnen. Trotzdem, man kann vor Krieg im Allgemeinen nicht genug warnen. Ich selbst habe mehrere Poplieder in meiner Playlist, die mich von Zeit zu Zeit mahnen.

Nur eines hat mich ein wenig irritiert und ich schreibe Ihnen heute, um Sie auf einen klitzekleinen Denkfehler aufmerksam zu machen.

Eric T. Hansen

© [M] Ralf IlgenfritzEric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Sie schreiben, dass Amerikaner sich nicht als exceptional ansehen sollten. Damit meinen Sie die uralte und zu Recht umstrittene amerikanische Überzeugung, unser Land sei eine "Ausnahmeerscheinung", den üblichen Naturgesetzen nicht unterworfen, grundsätzlich anders als alle anderen.

Dieser Glaube stammt aus den Anfängen unserer Geschichte: Damals suchten wirtschaftliche und religiöse Flüchtlinge einen Ort, wo die Gesetze, die sie in Europa zu Untertanen, Bauern, Leibeigenen und Ketzern machten, nicht galten. Und tatsächlich: In der Neuen Welt fanden sie diesen besonderen Ort.

Mit der Zeit gewann die Idee des exceptionalism immer mehr an Bedeutung. Heute verbindet man sie mit unserer Stellung als führende Nation der westlichen Welt: Eben weil wir anders sind, müssen wir handeln, wo andere passiv bleiben – selbst wenn die UN versagen.

Das Ironische daran: Es ist ausgerechnet die Welt da draußen, die uns immer wieder zu einer exception macht. Genau das haben ausgerechnet Sie, Herr Putin, in dieser Woche getan. Auch wenn Sie, wie ich fürchte, es selbst gar nicht mitbekommen haben.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

386 Kommentare Seite 1 von 59 Kommentieren

Sagt der Deutsche

Schon lustig wie das so funkioniert. Ignorieren wir mal gemuetlich was zwischen 0-1990 in der Region, die man heutzutage Deutschland nennt passiert ist.

Achso, hab ich ganz vergessen. Wenn man sich als ein neuen Staat erklaert, sind die Suenden der Vergangenheit vergessen. Wenn es darum ging Rechte zu erweitern und Fehler gut zu Machen waren die USA bisher immer die Ersten.

Eigentlich nicht

Sie schreiben:
"Wenn es darum ging Rechte zu erweitern und Fehler gut zu Machen waren die USA bisher immer die Ersten."

Dann wäre es ja mal wieder an der Zeit. Wenn Sie die Diskussion in US-Medien über die jüngsten Abhörskandale verfolgt haben, wird Ihnen aber aufgefallen sein, dass dort immer nur die eigenen Bürger Rechte haben.
Es wird überhaupt nicht diskutiert, ob es ok ist, Sie oder mich zu überwachen. Diskussionen fangen überhaupt erst an, wenn die Rechte von US-Einwohnern betroffen sind.

Da wir es in Deutschland zugegebenermaßen ähnlich halten, wünsche ich mir übrigens übermorgen in einer Woche ein Wahlergebnis, nach dem Deutschland beim erweitern der Grundrechte auf Ausländer (auch solche, die sich im Ausland aufhalten) mal zu den Ersten gehört. In den USA ist derlei jedenfalls nicht abzusehen.

Vergangenheit und Gegenwart

"Wenn es darum ging Rechte zu erweitern und Fehler gut zu Machen waren die USA bisher immer die Ersten."

Haben sie eine Ahnung was der PATRIOT Act ist?
Die Kurzfassung ist: parken sie falsch, darf man sie nach Guantanamo verschleppen, mit dem einzigen Zauberwort "Terrorist".
In wiefern hat man dort die Rechte erweitert?

"Ignorieren wir mal gemuetlich was zwischen 0-1990 in der Region, die man heutzutage Deutschland nennt passiert ist."

Ernsthaft, sie würden die Toten von der Schlacht im Teuteburger Wald mit zu den Vergehen zählen?
Ihnen ist aber schon bewusst das die Region vom heutigen Deutschland weitaus älter ist das die USA, und dementsprechen auch eine größere Historie haben.

Zum anderen kann ein gute Tat der Vergangenheit die Unmenschlichkeit der Gegenwart nicht aufheben, oder hat die deutsche Leistung im sozialen Bereich, wie etwa Sozialversicherungen, die Schande des Holocaust aufgehoben? Nein, ebensowenig machen die Errungenschaften der USA vor 100 Jahren das Grauen des heutigen Guantanamos und die Kriegsverbrechen wieder wett.

"Wenn man sich als ein neuen Staat erklaert, sind die Suenden der Vergangenheit vergessen."

Denn ignorieren sie aber die Aufarbeitung der deutschen Geschichte der Bunderepublik.
Oder als was bewerten sie die 12.480 Mahnmäler der NS-Diktatur in der Bunderepublik. als vergessen der Vergangenheit?

mangels, ...

eines moderneren StaatsVorbildes?

Wozu würden Sie die USA denn beglückwünschen?

( Mit Präsident Obama, denke ich, ist die weltweite Sheriff(altenglisch sċīrġerēfa)-Mentalität der USA doch differenzierter geworden? ... und Systeme können träge sein (vgl. Einwohner USA ~316Mio und Europa ~501-814Mio? )

( 142 Leserempfehlungen lassen mich da ebenso nachdenklich zurück? )

ausgerottet

wollen sie etwas die nicht totale ausrottung der urbevoelkerung als verdienst der usa darstellen ? wenn ja, sind sie doch noch etwas weiter von der realitaet als herr hansen. wenn sie die geschichte der usa 250 jahre verfolgen ist immer von unterdrueckung von minderheiten, annektierung und nationalem groessenwahn sprache. wenn die usa sich als moralritter der welt darstellen sollten sie vielleicht erst einmal ihre eigene geschichte und ihre verheerenden kriege aufarbeiten.

Geschichtsaufarbeitung

Hallo rainer60,

Ich wollte nichts anderes als den Ausführungen von Herrn Hansen beistimmen und einige historische Erklärungen hinzufügen. Ihr Behauptung, daß die Amerikaner ihre eigene Geschichte nicht aufarbeiten ist falsch. Es werden laufend Bücher veröffentlicht, auch Filme gedreht, die sich mit der eigenen Geschichte und Schuld zu Hause und in weltweiten Konflikten beschäftigen.

Wünsche ein schönes Wochenende, G.B.