Russlands Präsident Wladimir Putin während des G-20-Gipfels in Sankt Petersburg © Alexander Nemenov/AFP/Getty Images

Sehr geehrter Herr Präsident Putin!

Vielen Dank für Ihren Brief, den ich in der New York Times lesen durfte. Nicht oft bekommen wir Amerikaner Briefe von politischen Führern Ihres Rangs; viele Menschen auf der Welt beschimpfen und belehren uns hinter unserem Rücken, aber die wenigsten schreiben uns direkt an. Ich habe mich sehr gefreut.

Dass Sie uns in Ihrem Brief vor einem Krieg in Syrien gewarnt haben, ist ebenfalls sehr umsichtig von Ihnen. Na gut, Sie wissen ja, dass die meisten Amerikaner ohnehin gegen einen Krieg sind, und zwar aus den Gründen, die Sie erwähnen. Trotzdem, man kann vor Krieg im Allgemeinen nicht genug warnen. Ich selbst habe mehrere Poplieder in meiner Playlist, die mich von Zeit zu Zeit mahnen.

Nur eines hat mich ein wenig irritiert und ich schreibe Ihnen heute, um Sie auf einen klitzekleinen Denkfehler aufmerksam zu machen.

Sie schreiben, dass Amerikaner sich nicht als exceptional ansehen sollten. Damit meinen Sie die uralte und zu Recht umstrittene amerikanische Überzeugung, unser Land sei eine "Ausnahmeerscheinung", den üblichen Naturgesetzen nicht unterworfen, grundsätzlich anders als alle anderen.

Dieser Glaube stammt aus den Anfängen unserer Geschichte: Damals suchten wirtschaftliche und religiöse Flüchtlinge einen Ort, wo die Gesetze, die sie in Europa zu Untertanen, Bauern, Leibeigenen und Ketzern machten, nicht galten. Und tatsächlich: In der Neuen Welt fanden sie diesen besonderen Ort.

Mit der Zeit gewann die Idee des exceptionalism immer mehr an Bedeutung. Heute verbindet man sie mit unserer Stellung als führende Nation der westlichen Welt: Eben weil wir anders sind, müssen wir handeln, wo andere passiv bleiben – selbst wenn die UN versagen.

Das Ironische daran: Es ist ausgerechnet die Welt da draußen, die uns immer wieder zu einer exception macht. Genau das haben ausgerechnet Sie, Herr Putin, in dieser Woche getan. Auch wenn Sie, wie ich fürchte, es selbst gar nicht mitbekommen haben.