Checkpoint des russischen Militärs rund 50 Kilometer westlich von Machatschkala, der Hauptstadt der Teilrepublik Dagestan © Abdula Magomedov/Reuters/NewsTeam

Es sollte eigentlich eine Demonstration für Menschenrechte werden. Im Zentrum von Machatschkala, der Hauptstadt der Teilrepublik Dagestan im Nordkaukasus, haben sich rund 1.000 Menschen versammelt. Überwiegend junge Männer, gläubige Muslime, die gegen die Willkür der russischen Sicherheitskräfte protestieren wollten. Dann greift Bilal Magomedow zum Mikrofon. Er trägt einen Vollbart und eine schwarze Wollmütze mit arabischen Lettern. "Sind unter euch Muslime, die für Assad sind?", brüllt er in die Menge. Niemand meldet sich. "Unterstützt ihr die Muslime, die in Syrien für die Einführung der Scharia kämpfen?" Ein lautes "Ja" schallt zurück. "Unsere Brüder dort sollen wissen, dass sie von Millionen Glaubensbrüdern unterstützt werden."

Religiöse Fanatiker wie Magomedow werden zunehmend zu einem Problem für Russlands Präsident Wladimir Putin. Denn auch wenn der Kreml noch immer zu Baschar al-Assad hält, sympathisieren vor allem junge Muslime in Russlands Süden mit den islamistischen Kämpfern in Syrien. Dabei geht es nicht nur um verbale Solidarität. Allein nach offiziellen Angaben der Geheimdienste sollen derzeit bis zu 200 Islamisten aus Russland im syrischen Bürgerkrieg kämpfen. Inoffiziell ist von Tausenden die Rede. Es sind Männer aus den muslimisch geprägten Gebieten des Landes, aus Tschetschenien, Dagestan und sogar aus Tatarstan an der Wolga.

Gleichzeitig steht Putin international in der Kritik, weil er Assad noch immer den Rücken stärkt. Syrien gilt schon seit Sowjetzeiten als ein wichtiger Verbündeter Russlands. Über Jahre hinweg versorgte Moskau das Land mit Waffen. So beläuft sich allein Syriens Rechnung für moderne Luftabwehrsysteme S-300 aus Russland auf eine Milliarde Dollar. Zudem unterhält Moskau im syrischen Tartus seine einzige Marinebasis am Mittelmeer. Strategisch wäre ein Sturz Assads für Moskau ein deutlicher Einflussverlust in einer Region, wo der Iran als letzter Verbündeter übrigbliebe.

Für den russischen Präsidenten ist klar: Sollten die Aufständischen gewinnen, drohen Syrien Chaos und Islamisierung. Einem Militärschlag will er nur zustimmen, wenn der Westen unwiderlegbare Beweise für einen Chemiewaffeneinsatz vorlegt. Am besten im UN-Sicherheitsrat. Putin ist aber sehr skeptisch, wie er kürzlich in den russischen Abendnachrichten darlegte. Seine Argumentation: Die syrischen Regierungstruppen seien auf dem Vormarsch gewesen; unter diesen wäre doch der Einsatz von Chemiewaffen "ein zum Himmel schreiender Blödsinn", der nur den Oppositionellen nütze.

Stabilität sieht anders aus

Diese sture Haltung resultiert allerdings nicht nur aus Putins Großmachtambitionen und seinem unbedingten Festhalten an der staatlichen Souveränität. Tatsächlich ist Russland der einzige große internationale Akteur im Syrien-Konflikt, der mit ernsthaften innenpolitischen Konsequenzen rechnen muss. "Im Falle einer Islamisierung Syriens könnten die Verbindungen zu den Glaubensbrüdern im Nordkaukasus stärker werden", sagt Fjodor Lukjanow, Chefredakteur des Magazins Russia in Foreign Affairs.

Der äußerste Süden Russlands gilt zwar seit Jahren als einigermaßen befriedet, entgleitet allerdings langsam der Kontrolle russischer Sicherheitskräfte. Radikale Gruppen wie die Salafiten finden vor allem unter den jungen Kaukasiern Zehntausende Anhänger. "Das Problem ist, dass deren Haltung in der Syrien-Frage sich komplett von der Haltung Moskaus unterscheidet", sagt der Islam-Experte Rusland Kurbanow. Es sei kein Geheimnis, dass Kaukasier in den Krieg nach Syrien ziehen. Doch auch innerhalb der russischen Grenzen, etwa in Dagestan östlich von Tschetschenien, sind Untergrundkämpfer aktiv. Die offiziellen Statistiken des Innenministeriums sollen zwar Erfolgsmeldungen sein. "Im ersten Halbjahr wurden 157 Kämpfer liquidiert, und die Zahl der Terrorakte ist um 40 Prozent auf 126 zurückgegangen." Doch nach Stabilität klingt das nicht.