Chemiewaffen-Vernichtung : Aufwendig, teuer, gefährlich

Syriens Chemiewaffen unter internationaler Kontrolle und am Ende vernichtet – wie kann das überhaupt funktionieren? Antworten auf die wichtigsten Fragen
UN-Chemiewaffeninspekteur in Ain Terma nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus © United media office of Arbeen/AP/dpa

Wo kommen die syrischen Chemiewaffen her?

Die Anfänge des syrischen Giftgasprogrammes reichen zurück bis in die siebziger Jahre, als Ägypten vor dem Yom-Kippur-Krieg 1973 seinem Verbündeten Syrien kleinere Mengen an Chemiewaffen überließ. In den achtziger Jahren baute Damaskus sein Arsenal kräftig aus, auch wenn es stets von ausländischen Technologieimporten und chemischen Rohstofffrachten abhängig blieb. Zunächst schickten die Sowjetunion und die Tschechoslowakei die Giftgasgeschosse und organisierten das Training im Umgang mit den gefährlichen Waffen. In den neunziger Jahren nach Ende des Kalten Krieges beteiligten sich laut WikiLeaks dann auch westliche Firmen aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien, den Niederlanden und Australien an dem Geschäft mit den dubiosen Rohstoffen.

Ein geheimes Dokument der US-Botschaft in Damaskus von 2006 beschreibt, wie sich syrische Geschäftsleute anderen Kollegen gegenüber brüsteten, wie leicht illegale Importe aus den USA möglich seien. Selbst im Januar 2012, als der syrische Bürgerkrieg bereits in vollem Gange war, genehmigte die Regierung in London noch den Export zweier Chemikalien nach Damaskus, obwohl sie als mögliche Vorstufen von Giftgas auf einer internationalen Sperrliste stehen. Die Kontrollen seien "von atemberaubender Laxheit" gewesen, kritisierten britische Parlamentarier. Erst im Juni 2012 wurden die Lizenzen annulliert – nachdem die Europäische Union solchen Exporten per Sanktion den Riegel vorgeschoben hatte. Ob und wie viel der Chemie zu diesem Zeitpunkt bereits bei Assads Militär eingetroffen war, soll jetzt der Ausschuss für Waffenexport des Unterhauses klären.

Darf Assad Chemiewaffen besitzen?

Nach dem Ende des Kalten Krieges hat die Völkergemeinschaft alle Chemiewaffen offiziell geächtet. Dazu gibt es seit 1997 eine eigene Konvention. Verboten ist nicht nur der Einsatz von Chemiewaffen, sondern auch Entwicklung, Herstellung, Verbreitung und Besitz. Aber: Syrien ist eines von fünf Ländern, die diesen Vertrag nie unterzeichnet haben. Jetzt drängen alle, dass Assad sofort unterschreibt – als Beleg dafür, dass er es mit seiner Ankündigung tatsächlich ernst ist.

Wie viele und welche Chemiewaffen hat Assad?

Genau weiß das im Ausland niemand. Experten schätzen: etwa 1000 Tonnen. Dazu zählen das hautschädigende Senfgas, das Nervengas Sarin und möglicherweise die noch stärker wirkende Chemikalie VX. Zum Vergleich: In Libyen wurden 27 Tonnen verortet. Zu Zeiten des Kalten Krieges gab es nach Angaben der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) weltweit mehr als 70.000 Tonnen. Davon sind nun etwa 80 Prozent vernichtet.

Wie können die Bestände kontrolliert und gesichert werden?

Vermutet wird, dass es in ganz Syrien etwa 50 Produktions- und Lagerstätten gibt. In einem Land, das sich mitten im Bürgerkrieg befindet, wäre eine internationale Kontrolle nur mit riesigem militärischem Aufwand möglich. Das US-Verteidigungsministerium schätzte vergangenes Jahr, dass dafür etwa 75.000 Soldaten notwendig wären. Zuständig wären dann wohl Blauhelme der Vereinten Nationen – ein extrem gefährlicher Job. Die Bereitschaft, dafür Soldaten abzustellen, dürfte in vielen Ländern sehr gering sein. In Deutschland ist das praktisch ausgeschlossen.

Wie könnte eine Lösung trotzdem aussehen?

Die beste Variante wäre wohl, die Chemiewaffen möglichst schnell außer Landes zu schaffen und sie dann zu vernichten. Das brächte allerdings viele Probleme mit sich. Der Transport von solch großen Mengen Giftgas ist extrem gefährlich. Und außerdem: Wohin damit? Die USA oder Russland als mögliche Lagerorte sind weit weg, Syriens Nachbarn fallen aus vielerlei Gründen aus. Giftgas-Experte Ralf Trapp von der OPCW meint deshalb: "Die einzige praktische Lösung ist ein Zwischenlager in Syrien selbst."

Wie werden Chemiewaffen überhaupt vernichtet?

Das Verfahren ist komplex, gefährlich und teuer. In der Regel werden die Bestände in eigens dafür gebauten Anlagen verbrannt. Oder die gefährlichen Substanzen werden chemisch in ihre Bestandteile zerlegt. Die Reste müssen dann entsorgt werden. Möglich ist das auch in mobilen Anlagen. Dafür sind die Bestände in Syrien jedoch zu groß. Also müsste wohl eigens eine Anlage gebaut werden. Die Beseitigung würde sich also über viele Jahre hinziehen.

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