Syrien Nur zur Beruhigung des eigenen Gewissens

Keine Bomben auf Syrien: Was den Luxus-Pazifismus der Linken und der Evangelischen Kirche mit der Haltung von US-Präsident Obama zum Giftgas-Einsatz in Syrien verbindet. von 

Robert Leicht, 68, ist Politischer Korrespondent der ZEIT. Von 1992 bis 1997 war er ihr Chefredakteur. Seit 2010 ist er Vorstandsvorsitzender der Schule Schloss Salem e.V.

Robert Leicht, 68, ist Politischer Korrespondent der ZEIT. Von 1992 bis 1997 war er ihr Chefredakteur. Seit 2010 ist er Vorstandsvorsitzender der Schule Schloss Salem e.V.  |  © Nicole Sturz

Wenigstens unter einem Gesichtspunkt darf sich die Partei Die Linke derzeit als wahre, ja als einzige Volkspartei fühlen: Sie ist gegen jegliche Militäreinsätze irgendwo, also nicht nur in Syrien, sondern überhaupt. Und trifft damit, wie Umfragen zeigen, die Mehrheitsstimmung in der Bevölkerung. Dass ihre Vorgängerpartei sogar auf eigene Landsleute hat schießen lassen, wollen wir hier einmal gnädig beiseite tun.

Diese Form des Total-Pazifismus ist aber zugleich ein Luxus-Pazifismus. Den sich diese Partei nur leisten kann, weil unser Land derzeit glücklicherweise keiner äußeren Angriffsgefahr ausgesetzt ist. In der ernsthaften Situation einer notwendigen Landesverteidigung käme sie mit solchen Parolen nicht mehr weiter.

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Übrigens auch nicht die Evangelische Kirche in Deutschland, die zu Syrien durch ihren Militärbischof und ihren Friedensbeauftragten erklärt, Bomben lösten keine Probleme. Alles komme auf eine politische Lösung an.

Auch das ist eine Luxus-Parole, solange man nicht plausibel dartun kann, wie denn eine politische Lösung eines Konfliktes aussehen könnte, in der eine Partei gegen die eigenen Landsleute Giftgas einsetzt; und was man selbst ernstlich zu einer politischen Lösung beitragen könnte außer frommen Sprüchen.

Insofern treffen die ethischen und politischen Dilemmata nur jene, die sich ohne fundamentale Parolen (Nie und nimmer…) auf die verworrene Situation konkret einlassen. Giftgas einzusetzen, ist ein völkerrechtlich geächtetes Verbrechen. Soll man dazu schweigen oder bloß reden? Auch wenn man Militäreinsätze nicht kategorisch ausschließt: Man muss schon genau wissen, was man nachhaltig mit ihnen ausrichten will.

Außer den USA hat keine Nation Syrien gegenüber von roten Linien gesprochen, auf die man nun festgelegt ist. Der britischen Regierung sind parlamentarische Fesseln angelegt worden. In Berlin wirken erst einmal mentale Fesseln. Und die Mechanismen des Wahlkampfes, abgesehen von der Frage: Was könnten wir eigentlich, wenn wir nur wollten?

Doch selbst Präsident Obama, der nun auch erst einmal den US-Kongress in Haftung nehmen möchte, fürs Schießen oder fürs Nicht-Schießen, will ja in keinem Fall zur Partei im syrischen Binnenkrieg werden, schon gar nicht mit Bodentruppen, und erst recht keinen regime change herbeibomben.

Mit anderen Worten: In dieser wüsten syrischen Auseinandersetzung ist auch Washington ein verbrecherischer Diktator, den man wenigstens kennt, immer noch lieber als eine hoch zerstrittene und am Ende vielleicht kaum weniger verbrecherische und zu großen Teilen radikal-islamistische Opposition an den Hebeln der Macht.

Doch Bomben der strafenden Symbolik wegen (wehtun, aber nicht schmerzen), das dient nur der Beruhigung des eigenen Gewissens. Genauso wie dies die Luxus-Parolen des Fundamental-Pazifismus jeglicher Herkunft tun.

Da ist es schon ehrlicher, und sei es mit geballter Faust in der Tasche, sich zornig einzugestehen, dass man gegen viele Übel der Welt wenig ausrichten kann, ohne die Sache noch schlimmer zu machen.

Aber so verrückt ist eben wie Welt: 1988 hat man Saddam Hussein den Giftgas-Einsatz gegen die eigene Bevölkerung (5.000 Tote) durchgehen lassen. Und ihn 15 Jahre später zwecks regime change weggebombt.

Nun hat man doppelt gelernt, will weder den Giftgas-Einsatz Assads hinnehmen noch ihn selber wegbomben.

Aber klüger stehen wir immer noch nicht da.

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Leserkommentare
    • APGKFT
    • 02. September 2013 7:37 Uhr

    War Noske bei den LINKEN? Sie bemühen wieder ein Totschlagargument! Im übrigen können Sie ja nach Syrien geht und gegen Assad kämpfen. Dazu haben Sie aber sicher nicht den Mumm.

    32 Leserempfehlungen
    • gnew
    • 02. September 2013 7:45 Uhr

    Da kommentiert ein Mann die Haltung der Linken und der Kirche zum Krieg und wertet die Kriegsverweigerung ab. Das Wort oder der Geist des Grundgesetzes kommt nicht im Ansatz vor. Völkerrecht -ebenfalls Fehlanzeige. Die VErweigerungshaltung wird noch nicht einmal richtig beschrieben.
    Diesem Demagogen überträgt man Verantwortung bei der Bildung junger Menschen.
    [...]

    Gekürzt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/sam

    37 Leserempfehlungen
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    Auch in Diktaturen ist das Volk der Souverän!

    Das kann es in Diktaturen aber nur durch einen Aufstand, eine Revolution oder einen Bürgerkrieg zeigen. Dem solltest du doch zustimmen können. Oder haben Syrer für dich keine Menschenrechte?

    Aber es ist schon bezeichnend, dass in den Foren wenige Friedensbewegte Stellung nehmen. In den 1980ern demonstrierten sie gegen die Nachrüstung, obwohl sie von der Aufrüstung der UdSSR bedroht wurden. Sie fällten eine bewusste und glaubhafte Gewissensentscheidung.

    Im Falle von Syrien werden die Friedensbewegten hoffentlich das Dilemma erkennen. Nichtstun verlängert den Bürgerkrieg. Die FSA kann man nicht aufrüsten, weil Assad ausreichende Giftgasvorräte hat, die er bei größeren Verlusten auch einsetzen wird. Damit ist man ohnmächtig!

    Die Verbündeten Russland und Iran, beides Mitgliedstaaten der Chemiewaffenkonvention, könnten einzig für die Abrüstung der Giftgasvorräte sorgen. Wer bringt sie dazu?

    Viele Foristen verbreiten die Meldungen der syrischen und russischen Staatsmedien. Von diesen ist auch kein sinnvoller Beitrag zu Verhandlungsansätzen zu erwarten, weil sie für den Machterhalts Assads als geringeres Übel plädieren. Sie müssten sich erst einmal das objektive Dilemma eingestehen.

    Vielleicht bewirkt die militärische Drohung der USA einen Fortschritt in der Diplomatie, so dass chemisch abgerüstet wird. Aber damit wird man als „Humanbellizist“ beschimpft.

    Das Forum ist so destruktiv!

    • gorgo
    • 02. September 2013 10:19 Uhr

    Zutiefst verägert über diesen in meinen Augen unerträglichen Beitrag - möchte das ausdrücken dürfen, liebe Redaktion!

    Herr L. maßt sich an, die Kriegsunwilligkeit der großen Mehrheit der Bevölkerung verächtlich zu machen, OHNE IRGEND EINEN RATIONALEN GRUND anführen zu könne, der FÜR EINEN ANGRIFF in Syrien spricht.

    Was soll das unsägliche Gerede von einer "roten Linie" - jeder ist gegen den Giftgaseinsatz, als wäre dies der Punkt!

    Die für alle, außer Leicht auf der Hand liegende Frage ist doch, was mit einem Angriff denn erreicht werden soll???

    L. verschweigt, dass es jede Menge Probleme gibt, auf die die Option Krieg keine irgendwie rationale Antwort darstellt:

    Wer wird von "uns" dort umgebracht (ja umgebracht- jeder einzelne Mensch zählt, genau wie beim Giftgaseinsatz)? Welche Leute, wieviele Zivilisten werden noch zusätzlich getötet werden? Wer wird damit unterstützt, wer kommt damit an die Macht in Syrien? Wie, mit wem soll nach dem Kriegseinsatz koopereriert werden?

    Ich kann das Verschweigen dieser Probleme nur unglaublich und arrogant finden!

    Habe übrigens noch keinen westlichen Politiker - oder Leicht! - laut und deutlich die Handelsbeziehungen mit Russland und China in Frage stellen hören (Assads Waffenlieferanten) - oder Waffenproduktion und -lieferung Deutschlds in die ganze Welt (Waffen an Syrien, vergessen?) etc.

    http://www.spiegel.de/politik/ausland/arabischer-fruehling-amnesty-prang...

    • Hadrius
    • 02. September 2013 7:54 Uhr

    "Luxus Pazifismus" - ein gebildeter Autor wie Herr Leicht weiss, dass man genau genommen vom Luxus Bellizismus sprechen sollte - den Einsatz kriegerischer Mittel ohne zwingende Not und Eigeninteresse.
    Was mich wundert: Wer regelmässig für Interventionen ist, benötigt eine ganz andere und wesentlich teurere Bundeswehr. Vor allem, wenn man nicht nur störissche Ländler wie in Afghanistan bomben will, sondern gegen eine echte Armee antreten möchte. Nur lese ich hier nie die Pro-Aufrüstungsartikel und Kolummnen "Wir müssen für unsere Intreventionstruppe sparen".
    Wie soll das gehen

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    Deutsche Soldaten stehen in der Türkei an der syrischen Grenze und bald sind wir völkerwidrig in einen Angriffskrieg verwickelt - dank solches "Luxus Bellizismus"-Gedankenguts.

    Zu Glauben, der Krieg sei eine humanistische Leistung oder gar den Menschen auf der Straße nützlich, ist einfach nur ekelhaft.

    Ohne mich.

    Es ist schon erstaunlich, wie viele Falken es auch in den redaktionsverantwortlichen Positionen hier gibt ...

  1. [...] Jeder, der gegen diesen Lügenkrieg ist, möchte also lediglich sein Gewissen beruhigen? [...]

    Gekürzt. Bitte formulieren Sie Kritik sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/sam

    17 Leserempfehlungen
  2. "Dass ihre Vorgängerpartei sogar auf eigene Landsleute hat schießen lassen, wollen wir hier einmal gnädig beiseite tun."

    Über solche Sätze muss ich mich gleich Montags aufregen.
    Weil eine Partei konsequent gegen jede art von Gewalt ist, muss gleich mal die Mottenkiste bemüht werden um die ja nicht zu gut aussehen zu lassen.

    Und "Luxus-Pazifismus" ist genauso ein mieses Schimpfwort wie "Gutmenschen".

    Ihr Beitrag ist einfach nur Ärgerlich.

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    Das nennt sich Klick-Journalismus.

    Ich dachte mir auch beim Bezug auf die SED, der auch noch vorgab, keiner sein zu wollen, ei, da bekomm' ich bestimmt einen fein ziselierten, rhetorisch begeisternden und sachlich kompetenten Artikel zu lesen.

    Tatsächlich war es eine übersichtliche Sammlung von Allgemeinkritik, die jeden Ausblick auf bessere Lösungen schuldig blieb.

    Ich denke, hier sollte nur der Einführung des Begriffs Luxuspazifismus ein textuelles Notlager geschaffen werden. Wortakrobatik auf Flughöhe des Luxuskommunismus und ebenso resentimentgeladen.

    • js.b
    • 02. September 2013 8:28 Uhr
    6. Danke

    Die Beschreibungen bezüglich "Luxus-Pazifismus" sind absolut zutreffend. Es gibt in diesem Konflikt keine einfache Lösung, und das haben sicher fast alle erkannt, inklusive derer, die einen Militärschlag befürworten. Aber sich hinzustellen, schöne Reden zu schwingen und von "politischen Lösungen" zu schwafeln, das ist wirklich allzu bequem. Mit dem, was sich früher vermutlich "Friedensbewegung" nannte, verbindet man heute vor allem Verantwortungslosigkeit und Selbstgerechtigkeit.

    7 Leserempfehlungen
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    • s062012
    • 02. September 2013 10:23 Uhr

    von "politischen Lösungen" zu schwadronieren heißt nichts anderes als sich wegzuducken. Wir sind nicht mehr das Nachkriegsdeutschland, dem in jeder Hinsicht die Flügel gestutzt sind. Wir sind mittlerweile eine der stärksten Wirtschaftsmächte der Welt und beanspruchen diese Rolle auch für uns. Und diese Rolle bring auch eine gewisse Verantwortung mit sich, d.h. für Schwächere einzustelehn. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen wie unschuldige Zivilisten von ihren eigenen Landsleuten umgebracht werden, Keine der Parteien in Syrien wird sich von ein paar moralischen Reden und diplomatischem Druck beeindrucken lassen.
    " und was man selbst ernstlich zu einer politischen Lösung beitragen könnte außer frommen Sprüchen."..trifft es auf den Punkt.

    • gorgo
    • 02. September 2013 10:31 Uhr

    Es ist eine durchsichtige Schutzbehauptung erster Güte, dass Pazifisten ja bloß schwafeln wollten [...].

    Natürlich geht bei den "Alternativen" um politischen Druck - und um Unterlassung von gewissen sehr gut laufenden Geschäften!

    Interessant ist immer, dass dieser Punkt NIE angesprochen wird, wenn es um Giftgas und Krieg geht: Wer hat denn den Mumm, die Handelsbeziehungen mit Russland und China in Frage zu stellen (Assads Waffenlieferanten) - oder die Waffenproduktion und -lieferung Deutschlds in die ganze Welt (Bis vor kurzem: Waffen an Syrien, vergessen?) etc.
    Wer rechnet denn mal nach, wieviele Aufstände niedergeschlagen, wieviele Zivilisten mit Waffen getötet wurden, die in Stuttgart oder Bremen hergestellt wurden???

    Wer hat die moralische Größe, den Konsens zu brechen, dass wir damit nichts zu tun hätten: "Mit der Tatsache, dass Deutschland nach den USA und Russland der drittgrößte Rüstungsexporteuer der Welt ist, hat die Bundesregierung keine Probleme. Panzer für Saudi-Arabien? Klar!"

    http://www.spiegel.de/pol...

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unangemessene Vergleiche. Danke, die Redaktion/sam

  3. Warum bekommen hier eigentlich immer die "Einpeitscher" - oder auch "Luxus-Bellizisten" - eine Plattform? Was ist falsch daran sich gegen einen sinnlosen Krieg, der womöglich wieder einmal auf einer Lüge basiert, zu stellen?

    Und diese dümmlichen Anspielungen auf die SED sind doch wirklich unnötig!? Herr Leicht sollte diesem "pubertierenden" Verhalten eigentlich entwachsen sein?

    31 Leserempfehlungen
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    Was mich immer wieder wundert ist, dass die Pazifisten immer wieder fordern "Kein Krieg" und dabei nicht sehen, dass dort bereits Krieg herrscht! Dort sind bereits mehrere tausend Menschen gestorben, fast eine viertel Millionen Geflüchtet. 90% der Gebäude in Homs sind zerstört; keine Schulen mehr, kaum Ärzte, jetzt setzt eine der Parteien auch noch Giftgas ein.

    Und wir sitzen hier, Kaffee in der Hand, beim Frühstück vor dem Rechner und fordern "Kein Krieg". Weltfremd und kleinbürgerlich sind sie, die Bewohner der viertgößten Volkswirtschaft.

  4. "Der britischen Regierung sind parlamentarische Fesseln angelegt worden"
    Ja, so soll es doch sein in einer Demokratie! Oder soll das Volk immer wieder von Lügnern à la Blair in Kriege gezerrt werden, die es nicht will? Parlamentarische Kontrolle ist nichts anderes als Schutz des Volkes vor mitunter fatalen Alleingängen der Exekutive. Dass Obama den Kongress fragen will ist - neben allen taktischen Fragen - auch eine Rückbesinnung auf Prinzipien, die viel zu lange mit Füßen getreten wurden. Und dass Pazifisten verachtet und beschimpft werden, gehört zum allgemeinen Säbelrasseln, das jedem Krieg vorausgeht.

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    • M.C.Br.
    • 02. September 2013 19:04 Uhr

    Dem muss nichts mehr hinzugefügt werden!

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Bevölkerung | Syrien | US-Kongress | Umfrage | Volksparteien
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