Polizeieinsätze : Die Gewalt wird in der Türkei zur Routine

Wieder ist in der Türkei während einer Demonstration ein Mensch getötet worden. Immer gewaltsamer geht die Staatsmacht gegen Proteste vor, die Menschen verzweifeln.
Demonstranten in Istanbul suchen Schutz vor Tränengasgranaten. © Bülent Kilic/AFP/Getty Images

Vielleicht ist das größte Problem, dass alle Gewalt, die vom türkischen Staat und seinen Polizeikräften ausgeht, konsequent konsequenzenlos bleibt. In der Nacht zu Dienstag ist der 22-jährige Ahmet Atakan in Antakya gestorben. Laut Augenzeugen wurde er von einer Gaskartusche der Polizei getroffen, die Polizei streitet das ab. Es geschah während einer Demonstration, auf der unter anderem Abdullah Cömert gedacht werden solle. Cömert war genau wie Atakan 22 Jahre alt. Auch er wurde von einem Gasgeschoss der Polizei am Kopf getroffen, auf einer Demonstration in Antakya am 3. Juni. Seitdem finden in der Stadt Proteste statt.

Nun also Atakan. Er starb, wie Cömert, wenige Stunden nach der Demonstration im Krankenhaus. Ahmet Atakan ist das sechste Todesopfer seit Beginn der Proteste in der Türkei. Während er im Krankenhaus lag und um sein Leben kämpfte, beschoss die Polizei sogar das Hospital mit Pfeffergas, so berichten es Demonstranten, die dort waren. Sie hatten sich vor dem Gebäude versammelt.

Wie immer gibt es zwei Versionen der Geschichte. Die offizielle, von der Regierung verbreitet, lautet stets: Die Demonstranten hätten die Polizei angegriffen. Sie seien Provokateure, die von geheimnisvollen Mächten aus dem Ausland gesteuert würden. Auch die Version der Demonstranten ist immer die gleiche: Kaum hätten sie sich organisiert und versammelt, schlage die Staatsmacht mit voller Härte zu. Mittlerweile sind so Tausende Bürger verletzt worden.  

Keine einzige Verletzung aber, kein Todesopfer wurde gesühnt. Kein einziger Polizist wurde zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil. In einer öffentlichen Ansprache gab Premier Recep Tayyip Erdoğan seinen Sicherheitskräften eine Generalerlaubnis: Es sei ihr natürliches Recht, Pfeffergas zu benutzen.

Mely Kiyak

Jahrgang 1976, ist Publizistin und Schriftstellerin. Zuletzt bereiste sie die verschiedenen politischen Brennpunkte in der Türkei. Über ihre Begegnungen in Istanbul, Anatolien und an der türkisch-syrischen Grenze berichtet sie regelmäßig in der Serie Türkische Tage auf ZEIT ONLINE. Vor wenigen Wochen erschien von ihr "Istanbul Notizen" im neu gegründeten Digitalverlag Shelff.

Diese Blankovollmacht führte einen Tag nach Atakans Tod dazu, dass die Polizei am Istanbuler Taksimplatz schon bereit stand, noch bevor überhaupt die  Solidaritätskundgebung für Atakan begonnen hatte.  Noch während die Demonstranten gegen 19 Uhr langsam eintreffen, sprüht die Polizei die Versammlung auseinander. So heftig, dass sogar die Bilder der Fernsehsender, die man beim Weglaufen in allen Kiosken sieht, nichts mehr zeigen können. Noch bevor irgendetwas geschehen ist, behaupten die Polizisten, die zur Reserve am Dolmabahçe-Palast stehen, dass die Demonstranten am Taksimplatz Molotowcocktails geworfen hätten. Man fragt ungläubig nach, woher sie das wüssten. Sie zeigen auf ihre Funkgeräte. Telefon und Internet funktionieren weitläufig um den Platz herum nicht – wie immer, wenn hier demonstriert wird.

Wer sind die Barbaren?

Das Entsetzliche ist, dass die Angriffe auf Demonstranten in der Türkei zur Routine werden. Demonstriert wird dennoch. In Antakya beispielsweise, weil die Bürger Angst davor haben, dass die Türkei sich an einem Krieg gegen Syrien beteiligt. Die Stadt liegt nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt. In Ankara protestierten Studenten dagegen, dass für einen Straßenbau Bäume gefällt werden sollen. Die Reaktion auch hier: Knüppel und Gas. Überall im Land organisierten sich daraufhin  Solidaritätskundgebungen. Mittlerweile rufen selbst so harmlose Aktionen wie das Bemalen von Treppen in Regenbogenfarben die Staatsmacht auf den Plan.

Die Türkei ist gespalten. "Wir", die Regierung und ihre Wähler, gegen "sie", die  Demonstranten, ganz egal, wogegen sie protestieren. Viele Menschen macht das zornig. Dass ihre Forderungen nicht angehört werden, dass sie angegriffen werden, verstehen sie als Missachtung ihrer Bürgerrechte. Doch es ändert sich nichts: Die Bürger gehen auf die Straße und die Regierung will nicht begreifen, dass sie das gestatten muss.

Dass nun die Olympischen Spiele nicht an die Türkei vergeben wurden, ist ein empfindlicher Schlag gegen die Regierung. Trotzdem geben einige Zeitungen die Schuld dafür den Demonstranten und den Gezi-Protesten. Auch hier bleibt der Bewusstseinswandel also aus.

Was folgt daraus? In wenigen Tagen beginnt die Istanbul-Biennale. Schon jetzt zeigt sich, dass die Kunstwelt sehr genau begreift, was das Problem dieser Gesellschaft ist. "Mom, am I barbarian?", lautet das Motto der diesjährigen Veranstaltung. Es ist ein Buchtitel der Autorin Lale Müldür. 

Das Wort Barbar kommt aus dem Griechischen und meinte ursprünglich die Nichtgriechen. Später verschob sich die Bedeutung hin zum Anderen, dem Unzivilisierten, dem Nichtbürger. Er konnotiert also auch die Exklusion.

Während die ganze Stadt mit Biennale-Plakaten beklebt ist, geht der Staat gegen zivile Errungenschaften wie die Versammlungsfreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung vor. Auch hierzu gibt es freilich zwei Versionen. Die Regierung würde jetzt behaupten, dass die wahren Barbaren jene Bürger sind, die auf die Straße gehen und ihre Meinung äußern. Die Bürger sehen das Barbarische hinter den Schutzschildern und im Führerhaus der Wasserwerfer.

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Kommentare

121 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

@TDU das Land geht vor

das zeigt Ihre Gesinnung. Ihnen kann vermutlich das ganze Land zu Grunde gehen, Hauptsache Erdogan ist nicht mer an der Regierung. Was genau hat Ihnen den bei seiner Rede in Deutschland nicht gefallen? Eine neue demokratische Union mit den ländern im Exosmanischen Reich ist für einen Frieden im Nahen Osten unumgänglich. In der Union könnten ebenso Länder wie Griechenland, Armenien und sogar Israel dabei sein. Schließlich hat die EU auch den Frieden in Europa gebracht.

Islamkritiker schaden einer Religion ?

Wieso sollten Islamkritiker einer Religion schaden ? Konstruktive Kritik ist doch förderlich für die Entwicklung einer Sache, in diesem Fall der Religion.
Sie meinen wohl eher Islamhasser, wie man sie bei PI-News oder den Schriften von Sarrazin und Necla Kelek findet.

Ich finds auch nicht gut, das Premierminister Erdogan und die AKP allzuoft die religiöse Karten spielen, aber ich kenns auch nicht anders aus Deutschland, wenn mal wieder die CDU / CSU mit religiösen Gesetzesinitiativen voran prescht.