SyrienDie USA sind noch immer Weltmacht

Ein Abblasen der Attacke auf Syrien heißt nicht, dass die Amerikaner wieder in Isolationismus zurückfallen. Sie geben noch immer sehr, sehr viel Geld für ihr Militär aus. von 

Matthias Naß ist Internationaler Korrespondent der ZEIT. Von 1998 bis 2010 war er ihr stellvertretender Chefredakteur.

Matthias Naß ist Internationaler Korrespondent der ZEIT. Von 1998 bis 2010 war er ihr stellvertretender Chefredakteur.  |  © Nicole Sturz

Barack Obama schlingert. Dass die cleveren Russen flugs John Kerrys nur rhetorisch gemeinten Vorschlag aufgriffen, Baschar al-Assad könne einem amerikanischen Angriff entgehen, wenn er sein Giftgas internationaler Kontrolle unterstelle und vernichte, hat ihn sichtbar aus dem Konzept gebracht.

Wie ihn zuvor schon das Nein im britischen Unterhaus, die Skepsis im US-Kongress und die breite Ablehnung einer militärischen Intervention in Syrien durch die amerikanische Bevölkerung in die Defensive getrieben hatten.

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Gut möglich, dass der Krieg nun ausfällt. Was ja wahrlich eine gute Nachricht wäre, wenn sich das Problem der Chemiewaffen auf friedlichem Wege lösen ließe. Aber der Außenpolitiker Obama – das ist wohl wahr – ist angeschlagen.

Schon hebt unter konservativen Kommentatoren das große Barmen an: Die Vereinigten Staaten zögen sich aus den internationalen Händeln zurück, sie verschanzten sich daheim, geschützt von den Weiten des Atlantik und des Pazifik. Die Weltmacht wolle nicht länger Weltpolizist sein.

Nur keine Panik, möchte man denen zurufen, die von der "einsamen, müden Supermacht" (Welt am Sonntag) schreiben oder die eine "Demontage der Ordnungsmacht Amerika" (FAZ) befürchten.

Kriegsmüde sind die Amerikaner schon lange. Kann irgendjemand ihnen das nach den Erfahrungen im Irak und in Afghanistan verdenken? Barack Obama ist auch wegen dieses Überdrusses ins Präsidentenamt gewählt worden. "Ein Jahrzehnt des Krieges geht zu Ende", rief er bei seinem zweiten Amtsantritt am 21. Januar dieses Jahres auf den Stufen des Kapitols aus. Es klang mit: Wir haben unsere Lektion gelernt.

Begriffen haben die USA, zwischen notwendigen Kriegen (wars of necessity) und Kriegen aus freiem Entschluss (wars of choice) zu unterscheiden; Richard N. Haass, Präsident des Council on Foreign Relations, hat dies vor vier Jahren in einem Buch (War of Necessity, War of Choice) klug herausgearbeitet. Der Zweite Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland war ein notwendiger Krieg; der Irak-Krieg war es nicht.

Täusche sich niemand: Amerikas Militärmacht ist – heute mehr denn je – ohne Beispiel und ohne Vergleich; die USA geben für ihre Armee so viel Geld aus wie die nächsten zehn Länder zusammen. Sie sind auf Stützpunkten rund um den Erdball präsent. Und wirtschaftlich wird Amerika wohl auch zur Jahrhundertmitte noch an der Spitze stehen.

Es stimmt, daheim wachsen die Probleme: bei Bildung und Gesundheit, bei der Infrastruktur. Dieses Land könnte sein Geld wahrlich besser ausgeben als für immer mehr und immer neue Waffen. Nur wenn Amerika das eigene Haus in Ordnung bringe, argumentiert Richard Haass in seinem neuen Buch (Foreign Policy Begins at Home), könne es die Fundamente seiner Macht neu festigen.

Aber Amerika wird sich nicht aus der Welt zurückziehen, einen neuen Isolationismus wird es nicht geben. Er widerspräche nicht nur den Interessen dieser großen Wirtschafts- und Handelsnation. Er widerspräche auch ihrem politischen und moralischen Koordinatensystem.

Richtig ist allerdings auch: Eine kurze Epoche des Interventionismus geht zu Ende, die etwa 1990 begann, mit dem Ende des Kalten Krieges, als viele von einer neuen Weltordnung träumten. Die hat es nicht gegeben.

Tony Blair, vielleicht der exponierteste Vertreter eines liberalen Interventionismus, fragte in einer Rede 2009: "Sollen wir zu einer eher traditionellen Außenpolitik zurückkehren, weniger kühn, mehr vorsichtig; weniger idealistisch, mehr pragmatisch; eher bereit, das nicht Tolerierbare zu tolerieren aus Angst vor den unvorhersehbaren Folgen, die Interventionen mit sich bringen können?"

Für Großbritanniens Expremier waren dies rhetorische Fragen. Doch das eigene Unterhaus hat sie jetzt mit einem klaren Ja beantwortet. Natürlich würde dies auch der Bundestag tun, vielleicht sogar der Senat und das Repräsentantenhaus in Washington.

Dennoch: Weil es die neue Weltordnung nicht gegeben hat, muss es noch lange keine neue Weltunordnung geben. Kriegsmüdigkeit bedeutet nicht moralische Gleichgültigkeit. Amerika bleibt Weltmacht, sich seiner Stärke und seiner Verantwortung bewusst.

Die Völker und ihre Parlamente haben recht feine Antennen dafür, ob ein Unrecht so groß ist, dass nur noch der Weg des Krieges bleibt – der "notwendige Krieg", nicht der Krieg der freien Wahl.

Der Einsatz von Massenvernichtungswaffen kann ein solches Unrecht sein. Aber wenn es gelingt, sie ohne Krieg zu beseitigen, dann wäre dies Grund für große Genugtuung und Dankbarkeit. Nicht für das Bejammern einer Welt ohne Polizisten.

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Leserkommentare
  1. "Und wirtschaftlich wird Amerika wohl auch zur Jahrhundertmitte noch an der Spitze stehen." - aber nur von Chinas Gnaden, auch wenn man das den fundamental-patriodiotischen Teilen der US-Amerikaner nicht erzählen darf. :-)

    3 Leserempfehlungen
  2. wenn mir noch mal in die ohren geblasen wird, USA ist weltmacht […] und das problem in Syrien seien die chemiewaffen, dann...

    das problem in und für Syrien ist, dass selbsternannte weltmächte nicht wollen, dass in Syrien die syrer+syrerinnen die sache selbst in die hand nehmen. wenn man die ließe, dann könnte nämlich was dabei herauskommen, was so manch einem nachbarn nicht gefällt.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/ca

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    • Timonos
    • 11. September 2013 8:38 Uhr

    eine interessante Aussage meines Geschichtslehrers, der meinte, dass wenn man etwas immer und immer wieder sehr stark betont, dass es daran einen Mangel gäbe oder nicht mehr der Wahrheit entspräche. Er machte das an folgender Geschichte fest:

    "Als ein US-Soldat während des zweiten Weltkriegs nach Paris kam redete dieser nur von Kultur, Musik uns Kunst, während der Franzose nur über das Essen redete."

    Irgendwie ist da was dran, weil wir seit Jahrzehnten über Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit reden, aber genau daran mangelt es in der westlichen Hemisphäre.
    Wenn also immer die Rede ist, dass die USA noch Weltmacht sei, dann ist sie es wahrscheinlich nicht mehr. Wir sind wohl endgültig in einer multipolaren Welt angekommen. Die USA haben zwar eine riesige Armee, die sie sich eigentlich nicht leisten können, aber damit hat es sich auch schon. Und genau das macht sie enorm gefährlich.

    Johannes Bobrowski wäre ein polemiker gewesen?
    da sagt die abteilung kultur bei ZO aber was anderes, nämlich
    "Johannes Bobrowski schrieb jenseits von Erika Steinbach ein Stück Weltliteratur über Vertreibung und Versöhnung"
    der rest lohnt auch zu lesen....
    hier: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2010-01/johannes-bobrowski

    sorry, ist OT. aber ich mußte den erzähler und lyriker von weltrang einfach verteidigen. denn mit dem "Stück Weltliteratur über Vertreibung und Versöhnung" ist "Levins Mühle" gemeint, dem ich dieses bonmot zu Amerika entnommen habe.

  3. Wenn wir Weltmacht nach der Größe der Munitionsdepots definieren, haben sie recht. Aber vielleicht ändern sich allmählich die Berechnungsfaktoren und dann wird die USA in den Bereich der Abstiegsgefahr rutschen.

    Mögliche Alternativen zu Munition: Ökologie, Humanität, Offenheit

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    Alternativen zur Munition können wir aber nur haben, wenn wir den Handel mit denjenigen Nicht-Demokratien reduzieren, die militärisch aufrüsten wollen und sich gegen Offenheit, Humanität usw entschieden haben.

    sind vor allem wirtschaftlicher und kultureller Einfluss.

    In beiden Bereichen haben die USA deutlich an Boden verloren.

  4. Zitat:
    Kriegsmüdigkeit bedeutet nicht moralische Gleichgültigkeit. Amerika bleibt Weltmacht, sich seiner Stärke und seiner Verantwortung bewusst.

    Lieber ein demokratisches Land als Weltmacht, als ein hochgerüstetes China und Russland, die eines Tages immer mehr Kriegsschiffe im Mittelmeer stationieren. Der Fall Syrien zeigt, dass Demokratien selbstbewußter agieren müssen. Die moralische Gleichgültigkeit beginnt allerdings auch bei Panzerlieferungen an Saudi Arabien und dem vermeintlichen Glauben, dass wirtschaftlicher Handel auch einen politischen Wandel bewirkt.

    2 Leserempfehlungen
  5. Alternativen zur Munition können wir aber nur haben, wenn wir den Handel mit denjenigen Nicht-Demokratien reduzieren, die militärisch aufrüsten wollen und sich gegen Offenheit, Humanität usw entschieden haben.

    Antwort auf "Weltmacht"
    • Timonos
    • 11. September 2013 8:38 Uhr

    eine interessante Aussage meines Geschichtslehrers, der meinte, dass wenn man etwas immer und immer wieder sehr stark betont, dass es daran einen Mangel gäbe oder nicht mehr der Wahrheit entspräche. Er machte das an folgender Geschichte fest:

    "Als ein US-Soldat während des zweiten Weltkriegs nach Paris kam redete dieser nur von Kultur, Musik uns Kunst, während der Franzose nur über das Essen redete."

    Irgendwie ist da was dran, weil wir seit Jahrzehnten über Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit reden, aber genau daran mangelt es in der westlichen Hemisphäre.
    Wenn also immer die Rede ist, dass die USA noch Weltmacht sei, dann ist sie es wahrscheinlich nicht mehr. Wir sind wohl endgültig in einer multipolaren Welt angekommen. Die USA haben zwar eine riesige Armee, die sie sich eigentlich nicht leisten können, aber damit hat es sich auch schon. Und genau das macht sie enorm gefährlich.

    7 Leserempfehlungen
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    • xy1
    • 13. September 2013 21:20 Uhr

    Wenn es in der westlichen Welt an Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit mangelt, wie Sie festgestellt haben, müsste es doch irgendwo in der Welt davon einen Überfluss geben. Wo sind diese glücklichen Gefilde?

  6. 7. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass wir nicht auf diese Seite verlinken möchten. Danke, die Redaktion/jk

    4 Leserempfehlungen
    • Karst
    • 11. September 2013 9:02 Uhr

    Es stimmt, die USA sind Supermacht und werden es voraussichtlich noch eine ganze Weile sein.

    Was aber in dem Artikel meiner Meinung nach zu kurz kommt, ist die rapide abnehmende politische Akzeptanz der USA. Durch die letzten Jahrzehnte Kriege, Einmischung und geheuchelter Sorge um Demokratie und Menschenrechte werden die USA immer unbeliebter, weltweit (wobei sie da nicht alleine stehen, England z.B. fällt auch mit).*

    Das kann aber kein riesiger Militärapparat ausgleichen. Waffengewalt erzeugt keine Anerkennung und Freundschaft, er trägt nicht zu dem bei, was Joseph Nye "Winning hearts and minds" genannt hat. Der Umgang mit Wikileaks, Bradley Manning und Edward Snowden, genauso wie die ziemlich arrogante Verteidigung der weltweiten Überwachung sämtlicher Länder, haben diesen Prozess noch weiter beschleunigt. Die USA büßen ihre einst von vielen so wahrgenommene Rolle als Vorreiter von Freiheit ein.

    Letztlich reduziert sich die Macht der USA zunehmend auf militärische und wirtschaftliche. Politische hat sie zwar noch große, aber die setzt sie zusehends auf autoritäre Weise ein (NSA, Verfolgung von Snowden usw.) und verliert damit ihre Akzeptanz. Und Herrschaft, die die USA verständlicherweise konservieren wollen, braucht immer eine Form von Legitimation. Wer die nicht hat, reagiert nur noch autoritär und kommt in eine Abwärtsspirale.

    Anfangs dachte man, Obama könnte das ändern. Aber er ist letztlich nur eine lahme Ente, "a lame duck".

    * Weil sie mit zweierlei Maß messen.

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  • Serie Fünf vor 8:00
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte USA | Barack Obama | Syrien | Theo Sommer | Irak-Krieg | Krieg
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