Barack Obama schlingert. Dass die cleveren Russen flugs John Kerrys nur rhetorisch gemeinten Vorschlag aufgriffen, Baschar al-Assad könne einem amerikanischen Angriff entgehen, wenn er sein Giftgas internationaler Kontrolle unterstelle und vernichte, hat ihn sichtbar aus dem Konzept gebracht.

Wie ihn zuvor schon das Nein im britischen Unterhaus, die Skepsis im US-Kongress und die breite Ablehnung einer militärischen Intervention in Syrien durch die amerikanische Bevölkerung in die Defensive getrieben hatten.

Gut möglich, dass der Krieg nun ausfällt. Was ja wahrlich eine gute Nachricht wäre, wenn sich das Problem der Chemiewaffen auf friedlichem Wege lösen ließe. Aber der Außenpolitiker Obama – das ist wohl wahr – ist angeschlagen.

Schon hebt unter konservativen Kommentatoren das große Barmen an: Die Vereinigten Staaten zögen sich aus den internationalen Händeln zurück, sie verschanzten sich daheim, geschützt von den Weiten des Atlantik und des Pazifik. Die Weltmacht wolle nicht länger Weltpolizist sein.

Nur keine Panik, möchte man denen zurufen, die von der "einsamen, müden Supermacht" (Welt am Sonntag) schreiben oder die eine "Demontage der Ordnungsmacht Amerika" (FAZ) befürchten.

Kriegsmüde sind die Amerikaner schon lange. Kann irgendjemand ihnen das nach den Erfahrungen im Irak und in Afghanistan verdenken? Barack Obama ist auch wegen dieses Überdrusses ins Präsidentenamt gewählt worden. "Ein Jahrzehnt des Krieges geht zu Ende", rief er bei seinem zweiten Amtsantritt am 21. Januar dieses Jahres auf den Stufen des Kapitols aus. Es klang mit: Wir haben unsere Lektion gelernt.

Begriffen haben die USA, zwischen notwendigen Kriegen (wars of necessity) und Kriegen aus freiem Entschluss (wars of choice) zu unterscheiden; Richard N. Haass, Präsident des Council on Foreign Relations, hat dies vor vier Jahren in einem Buch (War of Necessity, War of Choice) klug herausgearbeitet. Der Zweite Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland war ein notwendiger Krieg; der Irak-Krieg war es nicht.

Täusche sich niemand: Amerikas Militärmacht ist – heute mehr denn je – ohne Beispiel und ohne Vergleich; die USA geben für ihre Armee so viel Geld aus wie die nächsten zehn Länder zusammen. Sie sind auf Stützpunkten rund um den Erdball präsent. Und wirtschaftlich wird Amerika wohl auch zur Jahrhundertmitte noch an der Spitze stehen.

Es stimmt, daheim wachsen die Probleme: bei Bildung und Gesundheit, bei der Infrastruktur. Dieses Land könnte sein Geld wahrlich besser ausgeben als für immer mehr und immer neue Waffen. Nur wenn Amerika das eigene Haus in Ordnung bringe, argumentiert Richard Haass in seinem neuen Buch (Foreign Policy Begins at Home), könne es die Fundamente seiner Macht neu festigen.

Aber Amerika wird sich nicht aus der Welt zurückziehen, einen neuen Isolationismus wird es nicht geben. Er widerspräche nicht nur den Interessen dieser großen Wirtschafts- und Handelsnation. Er widerspräche auch ihrem politischen und moralischen Koordinatensystem.

Richtig ist allerdings auch: Eine kurze Epoche des Interventionismus geht zu Ende, die etwa 1990 begann, mit dem Ende des Kalten Krieges, als viele von einer neuen Weltordnung träumten. Die hat es nicht gegeben.

Tony Blair, vielleicht der exponierteste Vertreter eines liberalen Interventionismus, fragte in einer Rede 2009: "Sollen wir zu einer eher traditionellen Außenpolitik zurückkehren, weniger kühn, mehr vorsichtig; weniger idealistisch, mehr pragmatisch; eher bereit, das nicht Tolerierbare zu tolerieren aus Angst vor den unvorhersehbaren Folgen, die Interventionen mit sich bringen können?"

Für Großbritanniens Expremier waren dies rhetorische Fragen. Doch das eigene Unterhaus hat sie jetzt mit einem klaren Ja beantwortet. Natürlich würde dies auch der Bundestag tun, vielleicht sogar der Senat und das Repräsentantenhaus in Washington.

Dennoch: Weil es die neue Weltordnung nicht gegeben hat, muss es noch lange keine neue Weltunordnung geben. Kriegsmüdigkeit bedeutet nicht moralische Gleichgültigkeit. Amerika bleibt Weltmacht, sich seiner Stärke und seiner Verantwortung bewusst.

Die Völker und ihre Parlamente haben recht feine Antennen dafür, ob ein Unrecht so groß ist, dass nur noch der Weg des Krieges bleibt – der "notwendige Krieg", nicht der Krieg der freien Wahl.

Der Einsatz von Massenvernichtungswaffen kann ein solches Unrecht sein. Aber wenn es gelingt, sie ohne Krieg zu beseitigen, dann wäre dies Grund für große Genugtuung und Dankbarkeit. Nicht für das Bejammern einer Welt ohne Polizisten.