Der Vizepräsident Kenias, William Ruto, muss sich seit diesem Dienstag vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag verantworten. Ihm werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen, darunter Mord und Verfolgung. Gemeinsam mit dem 46-jährigen Ruto ist auch der Radiojournalist Joshua Sang angeklagt. Beide bezeichneten sich als unschuldig. Nach dem amtierenden kenianischen Präsidenten Uhuru Kenyatta ist Ruto bereits der zweite Staatspolitiker Kenias, der sich in seiner Amtszeit aufgrund von Straftaten während den Wahlen 2007 verantworten muss. Der Prozess gegen Kenyatta soll im November beginnen. 

Ruto wird vorgeworfen, die Unruhen nach der Wahl 2007 geplant, organisiert und geschürt zu haben. Der einflussreiche Politiker habe die Kämpfer mobilisiert und mit Waffen versorgt, sagte Chefanklägerin Fatou Bensouda. Dadurch habe er "seine politischen Ziele erreichen und seinen Machthunger befriedigen" wollen. Etwa 20 kenianische Abgeordnete verfolgen den Prozess in Den Haag. Kenias Parlament wirft dem Gericht Einseitigkeit vor und entscheidet über einen Gesetzesentwurf zum Austritt aus dem Weltstrafgericht. 

Die Vorfälle, die zur Anklage in Den Haag geführt haben, hatten sich kurz nach den Kenianischen Präsidentschaftswahlen im Dezember 2007 ereignet. Die Wahl verlief zunächst ruhig und mit hoher Wahlbeteiligung. Schon während der Auszählung zeigten erste Hochrechungen, dass die Bevölkerung hochrangige Politiker abgewählt hatte, die durch Korruptionsskandale belastet waren. 20 amtierende Minister einschließlich des Vizepräsidenten verloren ihr Parlamentsmandat.

Doch auch Präsidentschaftskandidat Raila Odinga mit seiner Partei Orange Democratic Movement (ODM), konnte die Wahl nicht für sich entscheiden, obgleich er bei ersten Hochrechungen weit vor Mwai Kibaki lag. Odinga hat vor allem in der armen Bevölkerung Anhänger. Zwei Tage lang wurden enorme Stimmenzahlen für Kibaki registriert. Anschließend erklärte man ihn rasch zum Sieger, eine Stunde später wurde er für eine weitere Amtszeit vereidigt. Odinga bezeichnete dieses Vorgehen als zivile Version eines Putsches. 

In den Tagen darauf eskalierte die Gewalt zwischen Anhängern beider Kandidaten. Neben den Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten gab es gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gemeinschaften sowie Pogrome organisierter Milizen. Diese nutzten die allgemeine Unruhe dazu, gegen Mitglieder ethnischer Gruppen vorzugehen, die bei den Wahlen für die "falsche Seite" gestimmt hatten. Mehr als 1.000 Menschen kamen um, tausende wurden Opfer sexueller Gewalt oder flohen aus dem Land.

Die Unruhen führten im April 2008 schließlich zu einer Einheitsregierung von Odinga (ODM) als Premierminister und Kiwaki mit seiner Partei Kenya African National Union (Kanu) als Staatspräsident. Ruto war unter Kibaki und Odingas Einheitspartei Agrarminister. Ihm soll in Den Haag nun eine Mitschuld an der Eskalation der Gewalt nachgewiesen werden. 

Auch bei den Wahlen im März 2013, die Uhuru Kenyatta von der Kenya African National Union gewann, gab es gewaltsame Auseinandersetzungen. Kenyatta ist ebenfalls in Den Haag wegen Anstiftung zum Mord, Vertreibung und Raub während der Wahlen von 2007 angeklagt. Der Prozess gegen ihn hat am 9. Juli begonnen.