Nun hat es auch Ji Jianye erwischt, den Bürgermeister von Nanjing. Gegen den Verwaltungschef der Acht-Millionen-Metropole am majestätisch dahinströmenden Jangtse wird wegen "schwerer Verstöße gegen Disziplin und Gesetz" ermittelt, mit anderen Worten: wegen Korruption. 

Chinas KP hat sich schon nicht gescheut, den ehemaligen Politstar Bo Xilai, Parteichef in Chongqing, zu lebenslanger Haft zu verurteilen. Und wenn man die Zeichen richtig deutet, zieht sich das Netz auch um Zhou Yongkang zusammen, bis zum vergangenen Herbst Mitglied im Ständigen Ausschuss des Politbüros und oberster Sicherheitschef des Landes.

Nanjing, die alte Hauptstadt, liegt in diesen warmen Herbsttagen unter einem blauen Himmel. Na ja, was man in China so einen blauen Himmel nennt. Der unablässige Verkehrsstrom auf allen Straßen und Stadtautobahnen, die Bauwut, mit der immer neue Trabantenstädte in der grünen Jangtse-Ebene aus dem Boden gestampft werden und die in der Ferne giftgelb qualmenden Fabrikschlote hüllen auch diese mittelchinesische Stadt in einen fahlen Dunst, durch den die Sonne nur mühsam dringt. Kein Vergleich aber mit der nördlichen Stadt Harbin, wo die Menschen in diesen Smog-Tagen kaum zehn Meter weit sehen können.

Auch in Nanjing war es wohl der Bauboom, dessen tausenderlei Versuchungen der Bürgermeister Ji erlegen ist. In einer Stadt, in der sich die Wohnungspreise im vergangenen Jahrzehnt verfünffacht haben, in der Dutzende von Neubausiedlungen in einem Irrsinnstempo hochgezogen werden, in der ein Großteil der Infrastruktur erneuert werden muss, mag mancher Funktionär den Anfechtungen seiner Amtsgewalt nicht standhalten. So wie überall in China.

Beliebt war der Bürgermeister jedenfalls bei den Bürgern Nanjings nicht. Fragt man nach seinem Schicksal, dann lacht Schadenfreude in den Gesichtern. Es hat den Richtigen getroffen, da sind sich alle einig. Obwohl die Leute eigentlich gar nichts Genaues wissen; die Lokalpresse berichtete nur in wenigen dürren Zeilen.

Macht der neue Parteichef Xi Jinping im fernen Peking also Ernst? Geht er bei seinem Kampf gegen die Korruption tatsächlich nicht nur gegen die "Fliegen" vor, wie es in der offiziellen Lesart heißt, sondern auch gegen die "Tiger" in der KP? Es sieht ganz so aus.

Mit einer politischen Öffnung hat dies allerdings nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil, schonungslos geht die Partei derzeit gegen die Urheber von "Onlinegerüchten" vor.

Johnny Erling, der Nestor unter den deutschen China-Korrespondenten, hat recht, wenn er in der Welt schreibt: "Immer deutlicher ist zu erkennen, dass Pekings scharfe Bekämpfung von Korruption nicht von einer gesellschaftlichen Liberalisierung begleitet wird."

Eines immerhin ist neu: Dem Bürgermeister Ji wird nicht nur zur Last gelegt, dass er sein Amt missbraucht, sondern dass er sich auch von den Massen entfernt habe. Das jedoch ist kein Privileg der korrupten Kader, das gilt für viele der Mächtigen und Schönen, die im China von heute auf nicht immer geraden Bahnen zu Reichtum gekommen sind. Das Land, klagt eine junge Philosophin, habe seine Werte verloren. Stattdessen herrsche purer Materialismus.

So in Gedanken treten wir vor das Hotel. Und können gerade noch zur Seite springen, ehe uns der von links heranrollende und angriffslustig röhrende Maserati fast in die Hacken fährt.