Die Toten vor Lampedusa waren noch nicht endgültig geborgen, da folgte bereits reflexartig eine erwartbare politische Forderung aus vielen Ecken Europas. Eine, die nach solchen Katastrophen immer kommt: die nach mehr Entwicklungshilfe. Der Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich beispielsweise sprach sich für europäisch-afrikanische Wirtschaftsgespräche aus, um die Entwicklung in den Herkunftsländern so zu verbessern, dass die Menschen keinen Grund hätten, zu fliehen.

Entwicklungshilfe statt Flüchtlingsströme – das klingt zunächst logisch. Länder, in denen es Schulen und Krankenhäuser gibt, in denen die öffentliche Verwaltung und der Verkehr funktionieren, können ihre Bürger besser halten als zerstörte Länder. Deutschland hat im Jahr 2012 0,36 Prozent des Bruttoinlandproduktes für Entwicklungshilfe ausgegeben. Könnte mit ein bisschen mehr Geld Migration nicht verhindert oder zumindest eingedämmt werden?

Diese Frage lässt sich nicht mit einem einfachen Satz beantworten. Gerade in Bezug auf die Katastrophe von Lampedusa übersehen jene, die Entwicklungshilfe als Lösung für Migrationswellen sehen, dass die Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen in Nordafrika in die Boote steigen: Die einen flüchten vor Krieg und Verfolgung, die anderen vor Hunger und Dürre und wieder andere sind auf der Suche nach einem Job in Europa. Entwicklungshilfe allein kann dafür nicht die Lösung sein. 

Wissenschaftlich gibt es keinen Beleg dafür, dass Entwicklungshilfe Migration eindämmt. Im Gegenteil: Studien zeigen, dass mit einsetzender Entwicklungshilfe die Auswanderung sogar kurz- bis mittelfristig zunimmt. Das liegt daran, dass Auswandern viel Geld kostet. Menschen aus ganz armen Ländern können die Kosten für Reise, Schlepper und Visa kaum bezahlen. Entwickelt sich ein Land aber, steigen die Pro-Kopf-Einkommen und machen Auswanderung möglich. Eine Untersuchung des Schweizer Think Thanks Forum Außenpolitik hat ergeben, dass die meisten Menschen aus Staaten mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen zwischen 1.500 und 8.000 US-Dollar migrieren.

Der Großteil der afrikanischen Migranten kommt aus den verhältnismäßig besser gestellten Ländern wie Tunesien, Algerien, Nigeria, Senegal und Ghana. Menschen aus den ärmsten Staaten wie Niger, Kongo, Mosambik und Tschad erreichen Europa hingegen seltener.  

Migration als Entwicklungsbeschleuniger

"Der Glaube, dass Entwicklungshilfe Migration hemmt, ist unsinnig", sagt auch Steffen Angenendt, Migrationsforscher der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Das Verhältnis ist umgekehrt: Migration ist der effektivste Entwicklungsbeschleuniger, den es gibt."

Das läge vor allem an den Rücküberweisungen: Nach Schätzungen der Weltbank transferierten Migranten im Jahr 2012 etwa 406 Milliarden US-Dollar in ihre Heimatländer, das ist mehr als das Dreifache der öffentlichen Entwicklungsgelder. Studien zeigen, dass die zurückgebliebenen Familien und Verwandten dieses Geld vor allem in Bildung und in Gesundheitsversorgung stecken – es landet also direkter bei den Hilfsbedürftigen als staatliche Entwicklungshilfe, die nicht selten bei korrupten, staatlichen Eliten versickert.

Migration als Entwicklungsmotor, das trifft zumindest auf die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge zu. In den Ländern, in denen die Menschen vor Krieg, Diktaturen, Verfolgung und Vertreibung flüchten, findet Entwicklungszusammenarbeit meist gar nicht erst statt. In Syrien und Somalia beispielsweise, aus denen derzeit ein erheblicher Teil der weltweit Geflüchteten kommt, sind die staatlichen Strukturen so zerrüttet, dass in diese Länder keine Entwicklungshilfe fließt.

Die freie Wahl ist wichtig

Wird Entwicklungshilfe damit überflüssig? "Auf gar keinen Fall", sagt Annette Groth, menschenrechtspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag. Aber der wissenschaftliche Befund zeige, dass die bloße finanzielle Entwicklungshilfe nicht das einzige Instrument einer vernünftigen Afrikapolitik sein könne.

Dass Menschen ihre Heimatländer verlassen müssen, liege auch an der desaströsen Afrikapolitik Deutschlands, sagt sie. "Wir liefern jedes Jahr tonnenweise Waffen an Diktatoren, zerstören die afrikanischen Binnenmärkte mit unseren subventionierten Lebensmitteln und treiben durch Nahrungsmittelspekulationen die Preise in die Höhe." Entwicklungspolitik müsse auch diese Aspekte berücksichtigen, Waffenexporte stoppen, Freihandelsabkommen aussetzen, die Korruption auf beiden Seiten bekämpfen – die Weltgemeinschaft könne sehr wohl dazu beitragen, Migrationsanreize einzudämmen, sagt Groth.   

Auch der Forscher Steffen Angenendt fordert keinesfalls, Entwicklungshilfe abzuschaffen. Die Beratung, Infrastruktur- und Demokratisierungsprojekte, die neben der finanziellen Förderung liefen, seien wichtig für Entwicklungsländer. Auch wenn sie nicht dazu führen, dass Menschen seltener auswandern, so doch zumindest dazu, dass Menschen die freie Wahl haben, ob sie auswandern – zumindest wenn sie in politisch stabilen Verhältnissen leben.