Ein Gespenst geht um in Europa: das rasante Erstarken populistischer, nationalistischer, rechtsextremer Parteien, die zugleich europafeindlich und fremdenfeindlich sind. Derweil werden in diesen Tagen schon die Kandidaten für das kommende Jahr aufgestellt.

"Das Aufkommen des Populismus ist heute die bedrohlichste soziale und politische Erscheinung in Europa", sagte der italienische Ministerpräsident Enrico Letta letzte Woche in der New York Times. "Dagegen müssen wir angehen", warnte er, "sonst bekommen wir bei den Wahlen im Mai 2014 das antieuropäischste Europa-Parlament, das wir je hatten." Mindestens 70 Prozent der Sitze müssten die Pro-Europäer auf sich vereinen, um einen "Albtraum" zu verhindern.

Ein Rundblick auf die EU-Länder zeigt, dass Lettas Besorgnis nicht unbegründet ist. Wie Alain Frachon von Le Monde befindet: "In den meisten Ländern der EU löst das europäische Projekt bestenfalls Gleichgültigkeit aus, schlimmstenfalls aber Feindseligkeit." In der Tat: Von Kirkenes bis Kreta wächst die Euro-Skepsis. 

Die "Wahren Finnen" erhielten bei den Parlamentswahlen vor zwei Jahren 19,1 Prozent der Stimmen. In Schweden sitzen die Sverigedemokraterna ("Schweden soll schwedisch bleiben") seit 2010 mit 20 Abgeordneten im Reichstag. Europaskeptische und migrationsfeindliche Positionen vertritt auch die Dänische Volkspartei, die vor zwei Jahren gut zwölf Prozent einheimste.

In den Niederlanden wettert die Freiheitspartei des Geert Wilders gegen die Austerity-Politik und propagiert den Austritt aus der EU. Nach jüngsten Umfragen würde sie 27 von 150 Parlamentsmandaten erobern. In Griechenland geben die Umfragen der rassistischen, antisemitischen, antidemokratischen und zumindest partiell kriminellen Goldenen Morgendämmerung 13 Prozent der Stimmen.

Das Aufblühen der Nationalen Front in Frankreich gibt ebenfalls zu denken. Die Befrager sehen sie bei den Europawahlen an der Spitze. "Die erste Partei Frankreichs", jubelte Parteichefin Marine Le Pen nach dem Sieg ihres Kandidaten in dem südfranzösischen Städtchen Brignoles. Zwar stellt die FN wegen des Mehrheitswahlrechts derzeit nur wenige Mandatsträger, aber das könnte sich schon im März 2014 bei den Kommunalwahlen angesichts des Umfragetiefs der regierenden Sozialisten und der Bruderkämpfe bei der konservativen UMP ändern.

In Großbritannien kommt die United Kingdom Independence Party (Ukip) in den Umfragen auf elf Prozent. Sie hat den konservativen Premierminister David Cameron dazu gebracht, den Verbleib in der EU einer Volksabstimmung zu überantworten. Auch in Ost- und Südosteuropa, zumal in Polen, hat die Europa-Begeisterung kräftig nachgelassen.

Auch in Deutschland wachsen die Zweifel; der Beinahe-Erfolg der AfD beweist es. Die NPD ist zwar immer wieder einmal in dem einen oder anderen Landtag aufgetaucht, aber stets rasch wieder verschwunden. Es ist indes die Frage, ob eine rechtsextreme Partei ohne Glatzen, Springerstiefel und Hakenkreuz-Armbinden nicht auch ein beträchtliches Gefolge finden würde. Die Europawahl könnte für die AfD zum Trampolin werden, das sie zunächst auch in mehrere Landtage und – wer weiß – 2017 in den Bundestag katapultiert.

Das positive Bild der EU hat überall gelitten. Das Eurobarometer verzeichnete im September unter den wahlberechtigten EU-Bürgern 43 Prozent Euro-Skeptiker, 40 Prozent Euro-Optimisten und 17 Prozent Unentschiedene.

Bloß mit neuen Gesetzen gegen Fremdenhass, Rassismus und neonazistische Parolen wird es nicht getan sein. Vielmehr brauchen wir einen vernünftigen Ausgleich zwischen Reformverzögerung im Süden und einer vom Norden aufgezwungenen Austerity-Politik, die Europas Jugend in weiten Teilen des Kontinents in die Arbeitslosigkeit und damit in die Radikalisierung treibt, womöglich sogar in die Abkehr von der Demokratie.

Wir brauchen weiter eine zweite Gründungserzählung für die EU, deren Einzelstaaten – zusammen 500 Millionen Menschen – in einer Weltbevölkerung von heute 7,5 und bald neun oder zehn Milliarden Menschen untergehen würden, wenn sie sich nicht endgültig und unwiderruflich zusammentun.

Und wir brauchen schließlich Führungsfiguren, die Ziele definieren, Wege weisen und der europäischen Idee wieder eine begeisterte Gefolgschaft verschaffen können. Darf man sich realistischerweise wünschen, dass der Anstoß zu einem Europa jenseits der Buchhalterzahlen aus der dritten Großen Koalition in Deutschland kommt?