Überall auf der Welt gibt es Menschen, die eines Tages die Koffer packen und ihr Land verlassen, um woanders zu leben. Sie tun dies aus ganz unterschiedlichen Gründen. Auch in Israel.

Aber hier geht ein solcher Schritt – immer noch – mit einem Bedürfnis einher, sich zu rechtfertigen, auch wenn Emigranten heute längst nicht mehr wie früher als Verräter angesehen werden. Es gibt mittlerweile Eltern, die ihren Nachwuchs sogar ermutigen, sich anderswo eine vielleicht hoffnungsvollere Zukunft zu suchen. Kriegsgefahr oder Terroranschläge stehen daher selten an erste Stelle der Gründe, Israel zu verlassen. Das Leben ist schlicht einfacher draußen in der Welt.       

Jetzt aber ist dieses alte Phänomen "Auswanderung", das die Israelis immer schon mehr als andere beschäftigt hat, weil die Einwanderung zu den Grundpfeilern ihrer Existenz gehört, in den Fokus einer neuer Debatte gerückt. Sie kreist um drei Stichworte: Brain-Drain, finanzielle Not und Berlin.

Das einzige Land der Juden im Stich lassen

In Israel, wie anderswo auch, zieht es heute eine zunehmend globalisierte Jugend verstärkt zum Studium in andere Länder, dort stehen später dann auch mehr akademische Posten zur Verfügung als in der Heimat. Zudem ist es woanders meist billiger. Die sozialen Proteste vom Sommer 2011 haben gezeigt, dass viele gut ausgebildete junge Paare – trotz aller positiven Wirtschaftsentwicklung –  weiterhin auf die finanzielle Hilfe ihrer Eltern angewiesen sind, um über die Runden zu kommen.

Nach offiziellen statistischen Angaben leben derzeit mehr als eine halbe Million Israelis, etwa sieben Prozent der Bevölkerung, im Ausland. Die meisten in den Vereinigten Staaten und Kanada, das ist schon lange so, aber in den letzten Jahren gibt es auch immer mehr in Berlin. Das ist neu und trifft einen besonderen Nerv in der israelischen Psyche.

So dachte es vermutlich jedenfalls der israelische Finanzminister Yair Lapid, der sich nun laut und empört dazu geäußert hat. Der Minister erinnerte seine zahlreichen Facebook-Freunde während eines offiziellen Besuchs in Ungarn (dem Geburtsort seines verstorbenen Vaters) daran, wie wichtig es sei, in Israel zu bleiben. In seinem Eintrag "Ein Wort zu all jenen, denen es reicht und die nach Europa gehen", berichtete Lapid von seiner Rede  im Budapester Parlament. Dort hatte er erzählt,  dass sein Großvater in einem Konzentrationslager ermordet wurde, wie seine Onkel verhungert waren und sich seine Großmutter im letzten Moment vom Todesmarsch retten konnte. Lapid schloss mit den Worten: "Verzeiht mit deshalb, wenn ich ein bisschen ungeduldig bin mit all jenen, die bereit sind, das einzige Land der Juden so einfach hinter sich zu lassen, weil das Leben in Berlin einfacher ist."

Doch statt Applaus erntete Lapid überraschend viele negative Reaktionen. Eine Israelin, die sich aus New York zu Wort meldete, brachte die Stimmung auf den Punkt: Lapid ignoriere die finanziellen Schwierigkeiten, die Israelis ins Ausland treibe. Falls er sich an die Spitze einer Entrüstungswelle habe setzten wollen, so "konnte er nicht voraussehen, dass diese Welle sich über ihn stürzen würde".  Auch seine Berlin-Referenz war darin mit untergegangen. Das sagt viel aus über die Beziehungen Israels zu Deutschland fast fünfzig Jahre nach der Aufnahme von diplomatischen Beziehungen.

17.000 suchen "Inspiration" in Berlin

Derzeit leben 17.000 Israelis in der deutschen Hauptstadt. In einer Antwort auf Lapid beeilte sich der deutsche Botschafter in Tel Aviv zu unterstreichen, dass sich die meisten Israelis nur vorübergehend in Berlin aufhielten, ein paar Monate oder bestenfalls Jahre, und dass sie die "Inspiration und kreativen Impulse" der Stadt dann wieder mit nach Hause nähmen.

Doch es gibt auch solche, die länger bleiben. Darunter inzwischen schon nicht mehr so ganz junge Israelis, deren Eltern erst außer sich waren über den Sehnsuchtsort ihrer Kinder, ihnen später dann aber eine Wohnung gekauft haben, und heute regelmäßig die Enkel in Berlin besuchen. Manche besitzen deutsche Pässe, die ihnen aufgrund ihrer deutsch-jüdischen Herkunft zustehen, aber sie würden sich nicht als Einwanderer sehen. Sie sind Israelis in Berlin und reden hebräisch mit ihren Kindern, die in deutsche Schulen gehen. Ihr Interesse für die lokale jüdische Gemeinde ist eben so beschränkt wie das an der deutschen Innenpolitik. Dafür lesen sie täglich israelische Zeitungen – via Internet.

Deutschland als Touristenziel

Viele sind Künstler, die ihr Leben zwischen Tel Aviv und Berlin aufteilen. Man nennt sie "Kulturpendler", die – wenn es nicht Berlin gäbe, das Ihresgleichen aus aller Welt anzieht und zum Leben auch noch ziemlich erschwinglich ist – höchstwahrscheinlich gar nicht nach Deutschland gekommen wären.

Studien zeigen, dass die Erinnerung an den Holocaust in Israel immer wichtiger wird, desto mehr Zeit verstreicht. So nimmt der alljährliche Holocaust-Gedenktag seit den frühen neunziger Jahren eine zentrale Stelle im Bewusstsein jüngerer Israelis ein – und zwar selbst unter jenen jungen israelischen Juden, deren Eltern einst aus arabischen Ländern eingewandert waren. Auch sie identifizieren sich mit der Verfolgungsgeschichte der europäischen Juden. Aber dieses gewachsene Interesse geht nicht mit einer stärkeren Ablehnung Deutschlands einher. Eher im Gegenteil. Die deutsche Kanzlerin ist überall populär in Israel, und immer mehr Familien planen ihre Ferien in Deutschland. Nach den neuesten Zahlen besuchten 2012 sechsmal so viele Israelis Berlin wie im Jahr 2000.

Berlin ist eine Stadt, die ihre dunkle Vergangenheit nicht verbirgt. Dort stehen Holocaust-Denkmäler, es gibt Hitler-Ausstellungen und ein großes jüdisches Museum. In gewisser Weise macht es das für Israelis leichter, dort zu sein. Es ist nicht lange her, da wurde Hans Falladas Buch "Jeder stirbt für sich allein" ein hebräischer Bestseller. Der Erfolg ging wohl auch mit der israelischen Übersetzung des Titels in "Allein in Berlin" einher.

Heute haben möglicherweise mehr Israelis als Deutsche das Buch über "normale Deutsche" gelesen, die im Alltag den Nazis Widerstand leisteten. Der Tel Aviver Historiker Galili Shahar erklärte dieses Phänomen mit der Reife der israelischer Gesellschaft. "Das Buch wurde nahezu für uns geschrieben und gibt der israelischen Anwesenheit in Berlin Legitimität." Die Stadt symbolisiere nicht nur Kreativität, sondern auch Erneuerung. Ihre Freiräume zögen so viele Israelis an, dass sie sich eine längere Weile niederließen. "Berlin ist Teil der israelischen Diaspora geworden." Und kaum einer regt sich darüber mehr auf.