Drei Monate haben sie durchgehalten, ihre Stimme gegen die neuen Unterdrücker ihrer Stadt erhoben, gegen deren tägliche Gewalt, die Entführungen und Folterungen: Mitten in einer Hochburg der radikalsten Islamisten Syriens, in Raqqa am mittleren Euphrat, hatten Aktivisten einen Radiosender aufgebaut und über diesen die Brutalität der Extremisten angeklagt. Die Aktivisten mussten sich deswegen versteckt halten, so, wie sie es anfangs noch vor Assads Regierungstruppen taten.

Gebracht hat es nichts.

Am 1. Oktober haben Kämpfer vom Islamischen Staat im Irak und der Levante (ISIL) Rami al-Razzouk, einen der Sprecher des Senders, in Raqqa entführt. Kurz darauf plünderten ISIL-Leute das Büro des Senders, zwei Wochen später wurde die verbliebene Ausstattung konfisziert.

Raqqa ist die erste und einzige Provinzhauptstadt, die komplett unter der Kontrolle von Aufständischen ist. Für ANA, die Medienorganisation für die Razzouk arbeitet, schien die Stadt eine Chance zu sein, eine Präsenz im Land zu etablieren. "Dort hat sich eine starke Zivilgesellschaft gebildet, die mediale Unterstützung braucht", sagt Rami Jarrah, der ANA mitgegründet hat und die Organisation von der Türkei aus leitet.

ISIL zwingt der Bevölkerung eine radikale Islaminterpretation auf

Jarrah ist einer der prominentesten syrischen Aktivisten, ein Oppositioneller der ersten Stunde. Als die syrische Regierung Anfang 2011 begann, die Proteste brutal niederzuschlagen, war er einer der ersten, die auf CNN und Al Jazeera die Regierungsgewalt angeklagt haben. Doch in Raqqa sahen er und seine Mitarbeiter des Radiosenders sich irgendwann gezwungen, ihre Energien auf den Kampf gegen die Islamisten von ISIL zu fokussieren.

Diese hatten sich zu den Herren der Stadt erklärt, wurden die neuen Unterdrücker. ISIL zwingt der Bevölkerung jetzt ihre radikale Interpretation des Islams auf. Darüber berichtete Razzouk im Radio. Zum Beispiel, wie Kämpfer von ISIL ein unverheiratetes junges Paar zusammen in einem Park gesehen und daraufhin festgenommen hatten. Der Mann wurde von den selbsternannten Herrschern ausgepeitscht, beide mussten unterzeichnen, dass sie dieses Verbrechen nie wieder begehen werden. Oder etwa der Fall der zwei alawitischen Muslime, die im September im Stadtzentrum exekutiert  wurden, weil sie nach Ansicht von ISIL Apostaten gewesen seien.

Viele syrische Oppositionelle halten sich jedoch mit Kritik an den Islamisten zurück und begründen das mit dem gemeinsamen Kampf gegen die Assad-Truppen. "Wir haben einen gemeinsamen Feind", sagt etwa ein syrischer Aktivist, mit dem Jarrah über dessen Kritik an ISIL aneinandergeraten ist. "Es ist nicht die Zeit, einen Krieg gegen die einzige Seite anzufangen, die uns hilft." ISIL seien Monster, aber Monster, die mit ein bisschen Politik gezähmt werden könnten.

Doch Jarrah fürchtet, falls Assad fallen sollte, würde es noch Jahre dauern, bis die Menschen in Syrien die Extremisten losgeworden sind. "Wie lange können wir warten? Je länger wir diese Gruppen ignorieren, desto stärker werden sie."