Seit Tagen ist der Spähskandal das Spitzenthema in den amerikanischen Medien – doch überwog bisher die nationale Sicht der Dinge. Nun aber mehren sich Kommentare, die Verständnis für die deutsche Position und Kanzlerin Angela Merkel zeigen.  

So postuliert die Washington Post, dass es "dumm und kontraproduktiv" sei, die Staatenlenker befreundeter Nationen in Europa zu verärgern und abspenstig zu machen. Umso problematischer werde dies, da Merkel "de facto als führende Politikerin Europas" gelte. Nach den Enthüllung über das abgehörte Handy der Kanzlerin würden sich die deutschen und andere europäische Geheimdienste in Sachen Terrorismus sicher nicht besonders kooperativ verhalten.

Die New York Times schließt sich dieser Position an. Die Reaktionen des Weißen Hauses auf die Abhör-Vorwürfe aus Deutschland seien "Plattitüden über die Notwendigkeit von Sicherheit in unsicheren Zeiten". Geradezu "skurril" sei Präsident Barack Obamas Äußerung, nicht gewusst zu haben, dass Merkels Telefon seit zehn Jahren abgehört werde.

Man müsse die abgehörten Gespräche der Kanzlerin im Zusammenhang mit der Überwachungsoffensive nach dem Terrorangriff vom 11. September 2001 sehen. In diesem Geiste werteten die US-Behörden jeden Fremden "als Feind, dessen Rechte zugunsten der Nationalen Sicherheit missachtet werden dürfen". Diese Haltung der USA habe auch zu Skandalen wie dem Foltergefängnis Abu Ghraib im Irak geführt und dazu, dass "internationale Beziehungen beschädigt" würden.          

Erinnerung an Gestapo und Stasi

CNN publiziert an oberster Stelle einen Kommentar der deutschen Washington-Korrespondentin Charlotte Potts, in der die TV-Journalistin die besonderen Ängste vieler Deutscher vor jeder Form der Überwachung beschreibt. "Merkels Entrüstung ist authentisch und rechtens", ist der Text überschrieben.

US-Analysten hatten zuvor geargwöhnt, die Erregung der Kanzlerin sei nur gespielt, um den Volkszorn zu schüren, schreibt Potts, um sogleich zu widersprechen: "Sie können nicht stärker daneben liegen." Sie verweist darauf, dass 60 Prozent der Deutschen in Umfragen Sympathie für den früheren NSA-Dienstleister Edward Snowden hegen, der im Sommer die illegalen Lauschangriffe der NSA mittels geheimer Dokumente öffentlich machte. Deutsche mäßen der Privatsphäre eine hohe Bedeutung zu, die Gesetzgebung sei schärfer als anderswo, schreibt Potts.

Sie spannt den Bogen in die deutsche Geschichte, verweist auf die Nationalsozialisten und die Gestapo, die Menschen anderer Meinung nachstellten. Sie erinnert an die Überwachung in der DDR, wo die Stasi Regimekritiker ausforschte und anlasslos und ohne juristische oder parlamentarische Prüfung deren Aktivitäten und Kontakte protokollierte.

Auch das Wall Street Journal dokumentiert ausführlich den Ärger von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich über die mögliche Überwachung von der US-Botschaft in Berlin. Der CSU-Politiker hatte gesagt, wer seinen diplomatischen Schutz für so etwas missbrauche, den könne Deutschland ausweisen. Ausführlich kommt auch Regierungssprecher Steffen Seibert zu Wort, der im Interesse der gegenseitigen Beziehungen Klarheit über die Überwachungsaktivitäten verlangt.