Seine erste Hellfire-Rakete schoss er an einem kalten Januarmorgen ab. Brandon Bryant war damals Drohnen-Pilot der US-Luftwaffe, er saß in einem fensterlosen Bunker in der Wüste von Nevada. Auf seinem Monitor sah er das Opfer seines Angriffs, Tausende Kilometer entfernt in einem der Gebiete, in denen die USA Krieg führen. 

"Sein rechtes Bein war verletzt", erzählt Brandon Bryant in einem CNN-Interview. "Ich sah, wie er wegen einer offenen Beinarterie verblutete." Das habe ihn schockiert. "Es war sehr pixelig, und es sah nicht real aus. Aber es war real."

Fast sechs Jahre lang arbeitete Brandon Bryant für das US-Militär als Drohnen-Pilot. Dann konnte er nicht mehr. Sein Arbeitgeber bot ihm einen Bonus von 109.000 Dollar an, damit er weitermachte. Doch er kündigte. Zum Abschied bekam er ein Zertifikat, in dem seine Erfolge aufgelistet sind: 6.000 Flugstunden, Hunderte geflogene Einsätze.

Und dann die entscheidende Zahl: 1.626 im Kampf getötete Feinde.

"Bei der Zahl wurde mir schlecht im Bauch", zitiert ihn das GQ-Magazine. Er habe zwar nur in wenigen Fällen selbst die Rakete abgefeuert. Aber als Drohnenpilot sei er an all diesen Einsätzen beteiligt gewesen, deshalb fühle er sich verantwortlich.  

"Die Wahrheit ist: Nichts ist sauber"

In dem vor Kurzem gegebenen CNN-Interview macht Bryant einen fitten und überlegten Eindruck. Doch das täuscht. Er hat massive psychische Probleme, Ärzte diagnostizierten bei ihm das posttraumatische Belastungssyndrom.

Trotz seiner Leiden stellt er die Kriege seines Landes gegen Terroristen, in Afghanistan, in Pakistan, nicht infrage. "Das sind schlechte Menschen und wir tun gut daran, sie loszuwerden", sagt er.  

Doch mit einem Missverständnis möchte er aufräumen: Die Darstellung des Drohnenkrieges in der Öffentlichkeit sei falsch, sagt er. "Uns wird gesagt, es sind saubere Einsätze, alles läuft präzise ab, aber die Wahrheit ist: Nichts ist sauber, es kann nie sauber sein."

An die Öffentlichkeit ist er gegangen, um auf die Probleme seiner früheren Kollegen aufmerksam zu machen. "Allen Drohnenpiloten geht es an die Nieren", sagt er. "Es ist kein Videospiel, es ist das echte Leben, und diese Menschen brauchen sehr viel Hilfe."

Doch beim Militär werde das Problem nicht gesehen. "Wir sollten still sein, wir konnten nicht mit einem Psychiater sprechen", erzählt er CNN. "Und wenn wir mit jemandem gesprochen hätten, dann hätten wir unsere Zulassung verloren." Er bekam auf seinen Monitoren im Bunker immer mehr schreckliche Bilder in Hochauflösung zu sehen. Er versuchte, seine Zweifel abzuschalten, er stumpfte ab. Bei jedem Einsatz schaltete er um in einen "Zombie-Modus", wie er sagt.

"Es sah für mich wie ein Kind aus"

Gegenüber dem GQ-Magazine erzählt Bryant ein Erlebnis, das ihn am meisten verstört hat. Er bekam den Auftrag, in Afghanistan ein hochrangiges Ziel anzugreifen. Wahrscheinlich einen Taliban- oder Al-Kaida-Kommandeur. Vom Geheimdienst hatte er die Information, in welchem Haus sich die Zielperson gerade aufhielt.  

Es war eine dieser typischen afghanischen Lehmziegel-Hütten, mit Kühen und Ziegen im Hof. Bryant markierte mit einem Laser eine Ecke des Hauses. Das war der Einschlagspunkt für die Rakete, die er anschließend abfeuerte. Er zoomte das Bild heran, und auf einmal sah er eine Bewegung am Haus. "Die Figur rannte draußen um die Ecke. Und sie sah für mich wie ein Kind aus. Wie eine kleine menschliche Person."

Sekunden später schlug die Rakete ein. "Da war ein gigantischer Blitz und plötzlich war da keine Person mehr." Sein Vorgesetzter sagte ihm, es sei ein Hund gewesen. Doch Brandon Bryant ist überzeugt: Er hat ein Kind getötet.