Ein Guru solle er sein? Ach was, sagt Pablo Capilé Mendes und lacht, man dürfe nicht alles glauben, was man so über ihn lese. Demnächst wolle er nach Afrika ziehen, weit fort; dann werde die Welt schon sehen, dass sein Werk auch ohne ihn weiterlebe.

Sein Werk, das ist eine Reihe ganz erstaunlicher Innovationen in der brasilianischen Medienwelt – ohne die die Dauerproteste der vergangenen Monate bei Weitem nicht so bekannt geworden wären, und die 2014 die Fußball-WM auf den Kopf stellen sollen. Der schlaksige Mittdreißiger mit dem ergrauenden Lockenkopf hat gemeinsam mit seinem Mitstreiter Bruno Torturra die Mídia Ninjas gegründet, die Medien-Ninjas: eine Armee aus Hunderten junger Leute, die mit Mobiltelefonen und Kameras live von Demonstrationen, Polizeiübergriffen und politischen Planungstreffen berichten. Sie sind seither Tag für Tag und Nacht für Nacht in brasilianischen Städten unterwegs und stellen ihre Arbeit live ins Internet. Ohne die Medien-Ninjas, sagen viele in der Bewegung, wäre ihr Protest längst erlahmt.

"Setzen Sie sich", sagt Capilé; er empfängt zum Interview auf dem Fußboden eines Universitätsgebäudes in Rio. Die Medien-Ninjas haben hier heute ein Treffen, eine Planungsrunde für ihren ganz großen Schlag: Bei der Fußball-WM 2014 wollen sie zur führenden Informationsquelle über die Proteste werden – und womöglich auch zu ihrer treibenden Kraft.

Ohne ein Wort des Meisters läuft wenig

"Natürlich wird es zur WM riesige Proteste geben", sagt Capilé, "und weil das ein Weltereignis ist, wollen wir einen Verbund von weltweiten Alternativmedien schaffen, um zu zeigen, was bei diesen Spielen wirklich passiert." Heute, in dem Universitätsgebäude, sind schon Vertreter von Organisationen aus Venezuela, Bolivien, Ecuador, Argentinien zu Gast. In den kommenden Monaten will er weitere Kontakte knüpfen, nach Deutschland zum Beispiel. Es gehe darum – Capilé hebt dramatisch die Stimme – dass "keine kommerzielle Mediengruppe die Wahrheit über diese Ereignisse steuern kann!"

Studenten steigen über seine langen Beine und die ausgelatschten grauen Turnschuhe, weil er sie quer durch den Gang der Universität gelegt hat. Medien-Ninjas kommen und stellen Detailfragen zur Organisation; es ist ganz klar, dass hier ohne ein Wort des Meisters wenig läuft.

Capilé erzählt von seinem größten Problem: Er befürchtet, dass die Flut der selbst produzierten Datenmassen über den Medien-Ninjas hereinzubrechen droht. Was die einzelnen Medien-Ninjas produzieren, ist genau betrachtet unkonsumierbar: Die typische Form ihrer Berichterstattung ist, dass ein junger Mensch sein Smartphone in die Höhe hält und Bild und Ton live ins Internet überträgt, gerne stundenlang. "Keine Schnitte, keine Zensur", lautet das Motto der Ninjas. Wann und wo ein neues Video zu sehen ist, erfährt man über Twitter, über Facebook und über eine eigene App.

Die eigentliche Wirkung besteht häufig darin, dass auf diese Weise auf Festplatten und Cloud-Servern ein Archiv der Proteste entsteht, dass Schnipsel daraus von den kommerziellen Medien für die Abendnachrichten verwendet werden oder dass man (wie es schon passiert ist) einzelne brutale Polizisten überführt. Doch Capilé ist das nicht genug.