Gaza-Stadt © Mohammed Abed/AFP/Getty Images

Ein Name geistert durch Gaza: Tamarod. So hieß auch jene Bewegung, die im Sommer 2013 mithalf, den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi zu stürzen. Nun wollen Palästinenser nach ihrem Vorbild die islamistische Hamas in Gaza absetzen. Zumindest war es so geplant.

In einem Video hatten vermummte Männer vor einigen Wochen dazu aufgerufen, der Hamas im Gazastreifen die Macht zu entreißen: Tyrannisch sei sie, heuchlerisch und unfähig, für das palästinensische Volk zu kämpfen. "Die Hamas wird nach dem 11. November nicht mehr herrschen", drohten die vier Männer durch ihre Sturmhauben hindurch in die Kamera.

Allein: Von dem angekündigten Umsturz war an diesem 11. November in Gaza nichts zu sehen – und das hatte Gründe. In den vergangenen drei Tagen hatte die Hamas ihre Polizisten an Straßenecken postiert, um mögliche Proteste sofort zu unterdrücken. Journalisten, die zu Tamarod recherchierten, wurden in das Polizeipräsidium gebracht. Glaubt man palästinensische Medien hatte die Hamas für Montag sogar befohlen, auf die Köpfe der Demonstranten zu schießen. Die blutigen Zusammenstöße blieben aus.

Ein Sprecher des Hamas-Innenministeriums hatte zwar stets abgewiegelt und gesagt, bei Tamarod handele es sich bloß um "eine Facebook-Bewegung". Tatsächlich weiß niemand genau, wie viele Anhänger die Gruppe in Gaza hat; zu gefährlich ist es für sie inzwischen, sich offen zu äußern. Manchmal reicht schon ein Graffiti für Folter. "Tamarod 11/11" hatte ein 16-Jähriger im August an Wände geschrieben, also "Rebellion am 11. November". Mitarbeiter des Hamas-Geheimdienstes holten ihn eines Morgens ab, sperrten ihn in eine besenkammergroße Zelle ohne Tageslicht und schlugen ihm auf die Füße. Beim Verhör musste er eine halbe Stunde die Arme über den Kopf halten, erst um Mitternacht ließ man ihn frei.

Hamas steckt in einer schweren Krise

So wie ihn hatten Sicherheitskräfte in den vergangenen Wochen mehrere Dutzend Menschen verhört, eingesperrt, gefoltert, darunter einen Universitätsdozenten und den Besitzer eines Copyshops, der Plakate für Tamarod gedruckt hatte. Sie zwangen die Gefangenen, ihre Facebook- und Mail-Passwörter herauszugeben. Die Mitglieder von Tamarod sind heute kaum zu erreichen, selbst die E-Mail-Adresse ihrer Gruppe wurde abgeschaltet. In einem Statement auf ihrer Facebook-Seite, die mehr als 75.000 Likes zählt, versuchten sie sich am Montag in der Logik der Inversion: Gerade dass die Straßen in Gaza so leer und die Hamas so paranoid seien, zeige doch, wie mächtig Tamarod sei.

Noch ist die Hamas stark genug, um Proteste zu unterdrücken. Aber sie steckt weiterhin in einer schweren Krise – der vielleicht größten, seit sie 2007 die Macht blutig an sich riss. An beiden Außengrenzen von Gaza, zu Israel und zu Ägypten, ist der Import von Gütern beschränkt. Seit Ägypten immer wieder seinen Grenzübergang in Rafah sperrt und die Schmugglertunnel zerstört, ist der Strom von Waren aus Ägypten fast versiegt.

Nicht nur, dass die Tunnelindustrie als größter privater Arbeitgeber im Gazastreifen galt. Nach Schätzungen geht der Hamas durch die fehlenden Steuern rund ein Drittel des gesamten "Landeshaushalts" verloren. Selbst ihren eigenen Anhängern kann sie zum Teil nicht mehr den Lohn auszahlen. Und ebenjene Hamas, die in ihrer bis heute gültigen Charta ankündigt, Juden in Palästina so lange zu bekämpfen, bis es keine mehr gibt – sie ist mehr denn je abhängig von israelischen Lieferungen. Doch die reichen nicht, um den Bedarf zu decken.