Ein Polizist bei der Evakuierung des Gezi-Parks in Istanbul im Juni 2013 © Yannis Behrakis/Reuters

Es war an einem Montag Anfang Juni, als türkische Polizisten das Leben von Hakan Yaman und seiner Familie zerstörten. In dieser Nacht dachte Yaman, er müsse sterben, als die Polizisten auf seinen Kopf einschlugen, ihm ein Auge ausstachen und ihn dann auf einem Feuer liegen ließen. Mitten auf der Straße und wenige Hundert Meter von seinem Haus entfernt.

Vier Monate später sitzt Yaman in seinem Wohnzimmer auf der Couch und sucht nach Worten. Seine Hände liegen im Schoss gefaltet, er trägt ein blasslila Hemd. Eine Narbe am Kopf zeugt von einer Operation. Ein weiterer Eingriff steht ihm noch bevor – ob er den überlebt, weiß er nicht. Dort, wo einmal Yamans linkes Auge war, ist ein Loch, ein Hautgeschwulst liegt über der Nasenwurzel. Schaut man Yaman heute an, muss man sich anfangs fast zwingen, nicht ständig auf diese Narben zu starren, aber bald ist es ganz einfach, sich auf das andere, gesunde Auge zu konzentrieren. Dort, wo das Leben drin steckt, Mut und Entschlossenheit.

Mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt Yaman im Istanbuler Stadtteil Sancaktepe auf der asiatischen Seite der Stadt. Bis zum Gezi-Park, gegen dessen Zerstörung die Menschen im Sommer demonstrierten, sind es knapp 40 Kilometer. Mit Bus und Fähre braucht man fast zwei Stunden. Doch auch in Sancaktepe gingen die Menschen auf die Straße. Zuerst unterstützten sie die Gezi-Demonstrationen, dann protestierten sie gegen die Polizeigewalt und gegen die AKP-Regierung.

8.000 Verletzte

In der Nacht, die alles änderte, kam Yaman um elf Uhr abends von der Arbeit nach Hause. Er war Chauffeur und fuhr mit seinem kleinen Mercedes-Bus Angestellte morgens zu ihrer Firma und abends zurück. Yaman stellte seinen Bus ab und wollte nach Hause gehen. Die Straße war menschenleer, so erzählt er es, nur die Tränengasschwaden zeugten von der nahen Demonstration. Das Gas nahm Yaman die Luft. Es drang in die Lunge und brannte in Mund, Nase, Rachen und Augen. Nur verschwommen nahm er den Toma wahr, den gepanzerten Wasserwerfer der Polizei, der langsam auf ihn zurollte. Gerade als Yaman die Straße überquerte, traf ihn eine Wasserfontäne – ohne Vorwarnung.  Dann flog ihm eine der großen Gaspatronen mit voller Wucht in den Unterleib. Yaman krümmte sich, die Wucht des Geschosses nahm ihm den letzten Atem. Schreien oder weglaufen konnte er nicht.

Dass die Polizei gezielt mit Plastikgeschossen und Gaskartuschen auf Demonstranten schoss, prangerte auch ein Bericht von Amnesty International Anfang Oktober an. Laut türkischer Ärztekammer wurden insgesamt knapp 8.000 Menschen bei den Protesten im Sommer verletzt, 104 erlitten schwere Kopfverletzungen, elf verloren ein Auge. Ein Polizist und fünf Demonstranten starben, drei von ihnen nach Einschätzung von Amnesty wegen exzessiver Polizeigewalt.

Durch den Nebel sah Yaman, wie eine Gruppe Polizisten auf ihn zulief. An alles, was dann passiert, erinnert sich Yaman nur noch in einzelnen, aufblitzenden Bildern, überlagert von einer großen Dunkelheit. Polizisten, die mit ihrem Schlagstock zuschlagen – schwarz – Fäuste, die auf ihn niederprasseln – schwarz – ein harter Gegenstand, der seinen Kopf  trifft – schwarz – immer wieder der Kopf.  Er spürte, wie die Haut in seinem Gesicht aufplatzte. Wie ein Polizist einen harten Gegenstand in sein linkes Auge bohrte, die Pupille zerbarst, Blut über seine Wange lief.

"Lächerlich", sagt die Anwältin

Yaman stockt und schluckt, sein rechtes Augenlid, das heile, zittert. So oft hat er diese Geschichte erzählt, die Wut, die dabei in ihm aufsteigt, kann und will er nicht verbergen. Er hat Geburtstag, er wird heute 38. Aber was bedeutet das schon. Für ihn gibt es nur eine Zeitrechnung: sein Leben, bevor die Polizei ihn halb totschlug und das, was danach davon übrig blieb. "Das Schlimme ist, die Polizisten, die mir das angetan haben, sie laufen noch immer dort draußen herum", sagt er und knetet seine Hände.

Yaman hat Anzeige wegen versuchten Mordes erstattet. Die Ermittlungen müssten eigentlich schon abgeschlossen sein, sagt seine Anwältin Eylem Kinacilar. Doch noch immer wurden die Täter nicht gefunden und noch keine Anklage erhoben. Ein Anwohner hat den Vorfall zufälligerweise aus einem Fenster gefilmt und vor dem Staatsanwalt bestätigt. Auf dem Video sind schemenhaft fünf Beamte der türkischen Einsatzpolizei zu sehen, die auf jemanden einprügeln. Einer trägt Zivilkleidung, ein sechster Polizist kommt zur Hilfe herbeigeeilt. Ein Wasserwerfer steht daneben. "Die Polizei behauptet, sie wisse nicht, welche Beamten verantwortlich sind", sagt Anwältin Kinacilar. Lächerlich findet sie das. "Anhand des Dienstplans kann der Polizeichef doch feststellen, wer genau zu dieser Zeit vor Ort war." Zwar hätten Polizisten, die an dem Abend in Sancaktepe im Einsatz waren, inzwischen ausgesagt, doch sie gaben an, nichts von dem Vorfall mitbekommen zu haben. Die Pressestelle der Istanbuler Polizei will sich zu laufenden Ermittlungen nicht äußern.

Yamans Frau Nihal rührt in ihrem Tee, ihr Kopftuch hat sie im Nacken zusammengebunden. Gebäck steht auf dem Tisch, der Fernseher läuft. Die jüngste Tochter, sieben Jahre alt, schmiegt sich an ihre Mutter. Die ältere, 13 Jahre, kaut auf ihrer Unterlippe. Bilder an der Wand erzählen von Yamans  früherem Leben: Er steht im schwarzen Rollkragenpulli vor verschneiten Tannen im Osten der Türkei, die eine Hand lässig in der Hosentasche. Ein weiteres Bild zeigt sein Arbeitsgerät, den Mercedes-Bus. Weiß mit blauen statt gelben Lichtern. Yaman war selbstständig, eine Krankenversicherung hat er nicht.