Die Bundeswehr hat bei ihrem Einsatz im nordafghanischen Kundus indirekt die dortigen lokalen Warlord-Strukturen gestärkt. Zu diesem Ergebnis kommt eine umfassende Studie über die Auswirkungen des Bundeswehreinsatzes auf die Machtverhältnisse im nordafghanischen Kundus. Verfasst wurde sie vom unabhängigen Thinktank Afghanistan Analysts Network, über die die Berliner taz nun berichtet.

In der Studie wirft Autor Philipp Münch der Bundeswehrführung aber auch den Kommandeuren anderer westlicher Streitkräfte eine fehlende Strategie vor. Durch die bewusste Politik vor allem der Deutschen, sich nicht in die lokalen Machtstrukturen einzumischen, diese anzuerkennen und mit den Eliten zu kooperieren, hätten sich die Machtverhältnisse in dem Gebiet zementiert. Das hätten Analysen von illegalen Steuern und Abgaben und Interviews vor Ort ergeben. Anders als andere Nationen hätten die Deutschen nur selten aktiv in bestehende Machtstrukturen eingegriffen. 

Die Warlords, so heißt es in der Studie weiter, hätten sich so als Gouverneure, Polizei- oder Geheimdienstchefs auf Provinz- und Distriktebene legitimieren können. Dies habe ihnen neben dem Gewaltmonopol den Zugang zu staatlichen Pfründen und große Korruptionsmöglichkeiten gesichert.

Als bewusste Parteinahme verstanden

Das Verhalten der deutschen Soldaten sei von der Bevölkerung mit der Zeit als bewusste Parteinahme für die dort herrschenden Kommandeure wahrgenommen worden, schreibt der Afghanistan-Experte. Dazu beigetragen hätte auch die Aufstellung von nur schwach ausgerüsteten afghanischen Streitkräften. Im Kampf gegen Aufständische suchten aber auch die US-Truppen die Unterstützung der Warlords.

Diese gewannen dadurch nach dem Ende der Talibanherrschaft in Afghanistan ab 2001 wieder an Einfluss. Nach dem Krieg gegen die eingefallenen Sowjettruppen hatten sie an Macht gewonnen, den sie an die Taliban wieder verloren. Nach dem Einmarsch 2001 kooperierten sie oftmals mit westlichen Streitkräften gegen die Islamisten und sicherten sich so Pfründe. Vielfach wurden sie von der Bevölkerung in teils hohe Ämter gewählt.

Im Oktober 2003 hatte die Bundeswehr ihr Feldlager in Kundus errichtet und es schließlich am 6. Oktober dieses Jahres geräumt und an afghanische Sicherheitskräfte übergeben. In dieser Zeit versuchten Armee und Politik die Bevölkerung zunächst durch zivile Aufbaumaßnahmen auf ihre Seite zu ziehen und die extremistischen Kräfte zurückzudrängen.

Dies wertet die Studie auch als positiv. Mit Bauaufträgen, Wachdiensten und kostenloser medizinischer Versorgung seien Kommandeure friedlich gestimmt worden. Folge sei auch gewesen, dass die zuvor gewalttätigen Machtkämpfe der lokalen Warlords weitgehend in friedliche Bahnen gelenkt werden konnten.