Marine Le Pen und Geert Wilders während der Senatsdebatte in Den Haag © Valerie Kuypers/AFP/Getty Images

Es hatte etwas Verschwörerisches, als Marine Le Pen und ihr Den Haager Gastgeber Geert Wilders an diesem Mittwoch im niederländischen Parlament die Köpfe zusammensteckten. Das Platinblond der französischen Front-National-Vorsitzenden schien gegen das Weißblond des niederländischen Rechtspopulisten zu lehnen, und die Szene ließ an die Schlagzeile denken, mit der die Tageszeitung NRC next am Morgen getitelt hatte: "Wilders' neue Flamme". Seit ihrer ersten Begegnung in Paris im Frühjahr bekräftigten beide, auf ihrer Mission gegen die Europäische Union künftig gemeinsam agieren zu wollen.Wenig später standen Wilders und Le Pen im überfüllten Pressezentrum neben dem Parlament und sprachen einmütig von einem "historischen Tag". Die Besucherin kündigte an: "Heute haben wir gemeinsam mit den nationalistischen Bewegungen in Europa beschlossen, zusammenzuarbeiten. Wir wollen unseren Völkern die Freiheit zurückgeben." Wilders sagte: "Heute beginnt die Befreiung von der Elite und von Europa." Die Partij voor de Vrijheid (PVV) und die Front National (FN) wollten dafür sorgen, dass "die Nationalstaaten in Ehren wieder hergestellt" würden.

Mit dem medienwirksamen Auftritt von Den Haag wurde erstmals manifest, was sich seit einigen Monaten andeutet: Europas Rechte plant, bei den EU-Wahlen im Mai 2014 die Kräfte zu bündeln. Eine gemeinsame Kampagne, um – wie Initiator Geert Wilders das nennt – "die Europhilen zu schlagen", oder zumindest "kleine Brötchen backen zu lassen". Nach der Wahl ist das Ziel, im künftigen EU- Parlament eine gemeinsame Fraktion bilden zu können. 25 Abgeordnete aus 7 verschiedenen Ländern sind dafür nötig.

Wilders führte im Sommer Vorgespräche mit den Schwedendemokraten, Lega Nord, FPÖ und dem Vlaams Belang aus Belgien. Weitere Parteien sollen folgen. Deutlich ist, dass die Achse PVV-FN das Rückgrat dieses Bündnisses bilden wird. Eine bemerkenswerte Konstellation, bedenkt man, dass sich Europa lange vor der existenziellen Wirtschaftskrise in einer Legitimationskrise befand, die 2005 ausgerechnet mit der Ablehnung der EU-Verfassung durch Frankreich und die Niederlande ihren deutlichsten Ausdruck fand.

Das Ende des liberalen Rechtspopulismus?

Wilders und Le Pen waren bereits damals im eurokritischen Lager aktiv und finden sich bis heute in ihrer radikalen Ablehnung der EU: Die Französin sagt ihr einen "Zusammenbruch nach sowjetischem Vorbild" voraus, während der Niederländer bereits ein britisches Wirtschaftsbüro mit einer Studie beauftragt hat, was ein EU-Austritt sein Land kosten würde. Das Ergebnis soll im Winter vorliegen und wird im Europawahlkampf zweifellos Prominenz erlangen.

Europa wird damit zum Amalgam zweier rechter Strömungen, die bislang kaum offizielle Berührungspunkte hatten. Der neue, sich liberaler gebende Rechtspopulismus, für den Wilders geradezu ikonische Kapazitäten hat, war bis vor Kurzem deutlich auf Distanz bemüht gegenüber Parteien wie FPÖ, Vlaams Belang – und Front National. Allesamt entstammen sie einem rechtsextremen Milieu, in dem Rassismus und Antisemitismus zu den Grundkoordinaten zählen. Wilders wiederum, dessen Hauptfokus jahrelang vor allem der vermeintlichen Islamisierung galt, ist in der Nazi- und White-Pride-Szene wegen seiner Pro-Israel-Standpunkte als "Judenknecht" und "Zionist" verrufen.

Auch in Den Haag kam dieser Gegensatz zur Sprache. Eine der ersten Journalistenfragen bezog sich darauf, dass Jean-Marie Le Pen einst von Gaskammern als "Detail der Geschichte" sprach. Marine Le Pen versicherte, sie sei nicht gegen Israel, sondern teile den "ausgewogenen Standpunkt General De Gaulles". Wilders betonte, die Front National Marine Le Pens sei eine andere als die ihres Vaters. Den Einwand, dieser sitze noch immer als Abgeordneter im EU-Parlament, wischte er brüsk zur Seite: "Ich werde hier nicht jeden Kandidaten mit Ihnen besprechen."

Niederländer begrüßen Annäherung an Front National

Es gibt zwischen PVV und FN mehr Unstimmigkeiten. So haben die Niederländer liberale Standpunkte gegenüber Homosexualität, just weil sie diese als kulturelle Errungenschaft der westlichen Demokratie gegenüber einem reaktionären Islam verstehen. Die Front National wiederum hat, wie die meisten Parteien der Alten Rechten, in den vergangenen Jahren seinen radikalen Anti-Immigrationsdiskurs auf eine kulturell-identitäre Anti-Islam-Rhetorik heruntergebrochen, die auf gemäßigtere Töne setzt. Dafür wiederum können die rhetorischen Ausbrüche eines Wilders zu extrem sein.

Wenige Jahre ist es her, dass die PVV-Abgeordneten im Europaparlament nicht neben ihren Kollegen von Front National sitzen wollten – auf Anordnung von Wilders. Ausgerechnet Europa soll diese Distanz nun überwinden. Das Elektorat hat diesen Schritt bereits abgesegnet: Nach einer Umfrage des niederländischen Politmagazins Eén Vandaag begrüßen knapp drei Viertel der PVV-Wähler die Annäherung an die Front National. Wichtiger als in allen Punkten übereinzustimmen, sei demnach, den Einfluss Europas zu begrenzen.