ZEIT ONLINE: Kurz nachdem Sie in Italien im Dezember 2011 Ministerpräsident wurden, lagen Ihre Beliebtheitswerte bei 70 Prozent –  höher als die der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch Ihre Partei, die Bürgerwahl, erzielte bei der Parlamentswahl im Februar knapp zehn Prozent und liegt jetzt in den Umfragen bei vier. Was ist geschehen?

Mario Monti: Die Popularität, die ich zu Anfang genoss, habe ich investiert, um unpopuläre Reformen anzugehen. Dadurch habe ich natürlich an Popularität verloren. Dass meine Partei trotz der unbeliebten Maßnahmen, die mir zugeschrieben wurden, zehn Prozent erreichte, ist schon bewundernswert, vor allem wenn man bedenkt, dass andere europäische Regierungschefs auch ohne großartige Reformen noch heftiger an Popularität verloren haben. Ohne die Bürgerwahl hätte die Berlusconi-Partei PDL wahrscheinlich die absolute Mehrheit erzielt und wir hätten jetzt Berlusconi als Ministerpräsidenten und einen seiner Vertrauten als Staatspräsidenten. Allein das ist schon ein Verdienst.

ZEIT ONLINE: Die Bundeskanzlerin hingegen hat während ihrer Amtszeit an Popularität gewonnen. Was ist Merkels Geheimnis?

Monti: Zum einen musste sie in Deutschland keine unpopulären Maßnahmen ergreifen. Sie hat aber auch fast alles richtig gemacht. Das Wahlergebnis der jüngsten Bundestagswahl beweist zum Beispiel, dass ihre Europapolitik ein absoluter Erfolg war. Die besondere Vorsicht, die Frau Frau Merkel und Bundesfinanzminister Schäuble im Umgang mit der Euro-Krise gezeigt haben, hat sich ausgezahlt. Wäre Deutschland von Anfang an aktiver gegen die Schuldenkrise in Griechenland vorgegangen, hätten wir wahrscheinlich den Notstand früher beseitigen können. Doch innenpolitisch wäre dies ein gefundenes Fressen für die Anti-Euro-Bewegung in Deutschland gewesen. Während nun der Anti-Euro-Populismus in fast allen anderen europäischen Ländern immer mehr Zustimmung erfährt, ist er in Deutschland eine Randerscheinung geblieben. Selbst die AfD ist keineswegs vergleichbar mit einigen rechtspopulistischen Bewegungen, die gerade in anderen europäischen Ländern immer größere Erfolge erzielen.

ZEIT ONLINE: Ist der Anti-Euro-Populismus nicht eine Konsequenz der deutschen Zurückhaltung im Umgang mit der Krise?

Monti: Dass die europäische Integration auf einen harten Widerstand stoßen würde, ist uns schon seit zehn Jahren bekannt, also lange bevor die Euro-Krise begann. Spätestens als die Franzosen und die Holländer 2005 den Lissabon-Vertrag ablehnten, hätte uns klar werden sollen, dass die europäische Integration nicht unproblematisch sein würde. Die Krise hat einfach den Fokus dieses Widerstandes, den es in der Gesellschaft und in der Politik ohnehin schon gab, auf das Börsenparkett verlegt.

ZEIT ONLINE: Es wird viel darüber spekuliert, dass die Anti-Euro-Partei bei der kommenden Europawahl einen Riesenerfolg erzielen wird. Was kann man dagegen unternehmen?

Monti: Als ich noch Ministerpräsident war, versuchte ich, meine Kollegen im Europäischen Rat davon zu überzeugen, dass wir uns mehr mit dem Problem des blühenden anti-europäischen Nationalpopulismus beschäftigen müssen. Leider musste sich der Europäische Rat in den vergangenen vier Jahren fast ausschließlich mit dem wirtschaftlichen Notstand in der Euro-Zone beschäftigen, was uns wenig Zeit ließ, um über die politischen Aspekte der Integration oder langfristige Wachstumspläne zu sprechen. Vor ungefähr einem Jahr schlug ich vor, einen Sondergipfel dazu einzuberufen. Kurz darauf brach aber die Regierungskoalition in Italien zusammen und der Vorschlag blieb auf dem Papier.

ZEIT ONLINE: Einiges konnten Sie dennoch in Europa erreichen. Zum Beispiel beim Euro-Gipfel im Juni 2012 …

Monti: Der Euro-Gipfel im Juni 2012 war eindeutig ein Wendepunkt in der Geschichte der Euro-Krise. Denn dank unseres damaligen Beschlusses konnte EZB-Chef Mario Draghi kurz darauf ankündigen, dass die EZB im Notfall unbegrenzt europäische Staatsanleihen kaufen würde – eine Entscheidung, die sich als wunderbare Zinsbremse erwies.

ZEIT ONLINE: Diese Entscheidung fiel nicht allen Partnern einfach. Es ist bekannt, dass es in der Debatte um die Rolle der EZB zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen Ihnen und der Kanzlerin kam. War das das Ende eines Idylls?

Monti: Es ist beachtenswert, dass ich in Deutschland oftmals als Merkels Gegner dargestellt werde, während man mich in Italien als ihren Befehlsträger beschimpft. Ja, der Weg war steinig. Doch die harte Diskussion hat sich gelohnt, denn dank unserer Entscheidung wurde das Risiko einer eskalierenden Spekulation auf dem Staatsanleihenmarkt fürs Erste abgewandt. Seitdem gab es keinen Anlass, diese Sondermaßnahmen einzusetzen. Natürlich bleibt die Frage offen, ob das deutsche Verfassungsgericht irgendwann unseren damaligen Beschluss für verfassungswidrig erklären wird.

ZEIT ONLINE: Sagt Deutschland in Europa zu oft nein?

Monti: Wenn es darum geht, die europäische Gesetzgebung voranzutreiben, ist es kein Geheimnis, dass uns Deutschland gern sein spezielles Gewicht spüren lässt. Das hat man beim Euro-Gipfel 2012 gesehen, wie auch bei der fortdauernden Diskussion über die Bankenunion oder kürzlich im Fall der europäischen Richtlinien für Autoabgase.