Der Wendepunkt war wohl ein verschwiegenes Treffen von Amerikanern und Iranern in Oman. In dem Golfsultanat warfen Emissäre aus Washington und Teheran die grimmige Logik seit der Islamischen Revolution 1979 über Bord, dass man nicht miteinander sprechen könne. Ein Ergebnis war das Atomabkommen mit Iran vom vergangenen Wochenende. Doch könnte darüber hinaus vieles von dem auf den Kopf gestellt werden, was wir bisher vom Nahen und Mittleren Osten wissen.

Es deutet sich das vorläufige Ende amerikanischer Militärinterventionen im Mittleren Osten an. In Syrien eröffnet sich die bisher unmögliche Möglichkeit, dass Amerikaner und Iraner direkt über die Eindämmung des Krieges verhandeln. Für beide wachsen Al-Kaida und ihre Verbündeten als Feinde mit festen syrischen Stützpunkten heran. Das verändert das Denken, auch übereinander. Am 22. Januar findet die nächste Syrienkonferenz statt, da wird sich zeigen, ob mehr drin ist zwischen Amerika und Iran.

Pessimisten werden sagen, das kann alles nicht klappen, weil Iran beim Atomprogramm trickst, weil der US-Kongress das Nuklear-Abkommen sabotieren könnte. Pessimisten fühlen sich im Recht, weil in Nahost ohnehin der Urquell des Pessimismus liegt. Aber wenn man mal nicht Recht haben, sondern Chancen und ein neues Problem erkennen will, dann ist dieses ein guter Moment, um in die Glaskugel zu schauen.

Die Saudis fühlen sich im Stich gelassen

Unübersehbar ist nämlich, dass mit jedem Schritt, den Amerikaner und Iraner aufeinanderzugehen, sich Saudis und Amerikaner voneinander entfremden. Das wird zum Problem. Die Gründe liegen paradoxerweise in der amerikanischen Enthaltungspolitik: Weil die Amerikaner vorsichtig sind bei Militärinterventionen, fühlen sich die Golfstaaten den Iranern ausgeliefert. Weil die USA in Syrien nicht klar auf der Seite der Sunniten eingegriffen haben, grollt Riad, Schutzmacht der Sunniten, nun Washington. Weil die Amerikaner sich auf einen Kompromiss zu Irans Atomwaffenprogramm eingelassen haben, fühlen sich die Saudis in ihren Ängsten vor Irans Ambitionen im Stich gelassen.

Und so gehen sie allein: bei der Unterstützung des Putschgenerals Abd al-Fatah al-Sissi in Ägypten. Bei der Aufrüstung von Islamisten in Syrien. Beim lokalen Kräftemessen mit Iran, das vielleicht eines Tages damit endet, dass beide Seiten Atomwaffen haben. Saudi-Arabien steigt nicht ab. Es nabelt sich ab, von der amerikanischen Vormacht. Es will den Entspannungskurs gegenüber Iran nicht mitmachen.

Schlagabtausch auf offener Bühne

Selten konnte man das so eindringlich erleben wie diese Woche auf dem Berliner Forum Außenpolitik der Körber-Stiftung. Prinz Turki al-Faisal, ehemaliger saudischer Geheimdienstchef und ein möglicher künftiger Außenminister, saß auf der Bühne und lieferte sich einen Schlagabtausch mit Hossein Moussavian, ehemaliger Nuklear-Unterhändler Irans. Der Prinz ätzte von der Bühne: "Iran destabilisiert arabische Staaten." Moussavian fragte zurück: "Warum, königliche Hoheit, drängten Sie Amerika, Iran anzugreifen?" Dann beschuldigte er die Saudis, vor dreißig Jahren Iraks Saddam Hussein im Krieg finanziert zu haben, "als er 100.000 Iraner umbrachte". Prinz Turki unterbrach ihn und fragte den Iraner, was die iranischen revolutionären Garden im kriegszerrütteten Syrien machen würden. "Schauen die sich die Sehenswürdigkeiten an?"

Ohne Vermittlung geht es nicht

Dieser persönliche Einblick zeigt, wie zerrüttet das Verhältnis der beiden Großmächte am Golf ist. Saudi-Arabien und Iran gehen aufeinander los in einer Zeit, da die Amerikaner überlegen, sich aus den Konflikten im Mittleren Osten herauszuziehen. Je mehr Öl und Gas die USA im eigenen Land fracken, desto weniger vitales Interesse haben sie an der konfliktreichen Region. Hier ist das neue Problem: Wenn der Schatten des amerikanischen Militärs über dem Golf verschwindet, entsteht die Gefahr, dass es leichter zu einer Auseinandersetzung ohne Amerikaner kommt.

Neben den Atomverhandlungen mit Iran braucht es also Parallelgespräche zwischen Saudis und Iranern. Über vertrauensbildende Maßnahmen am Golf, Rüstungsbegrenzung, rote Telefone, Truppenrückzug ins Landesinnere. Dafür sind vielleicht sind gar nicht die Amerikaner die besten Vermittler, sondern diejenigen, die das Spiel der Entspannung aus ihrer eigenen Geschichte am besten kennen: die Europäer.