Jetzt wissen wir's: Putin ist an allem schuld. "Merkels Handygate ist Putins bislang größter Coup", verkündet Günther Lachmann in der Welt. Ohne den geringsten Beweis dafür vorzulegen, behauptet er, die Information über das abgehörte Merkel-Handy sei "auf verschlungenen Wegen aus Russland an die deutsche Öffentlichkeit" gelangt. Die NSA? Entlastet. Präsident Obama? Ein Unschuldsengel. Na prima.

Nicht, dass Wladimir ein Unschuldslämmchen wäre. Dem großen Taktiker kam die Snowden-Affäre sehr zupasse, um Amerika in ein schiefes Licht zu tauchen. Wie ihm kurz danach die Chance, im Syrien-Konflikt den ehrlichen Makler zu spielen, eine willkommene Gelegenheit bot, Russland wieder ins Rampenlicht der Weltpolitik zu rücken.  

Dies aber ist das große strategische Ziel des Kremlherrn, der Zweck eines eigenen resets im russisch-amerikanischen Verhältnis. Weder geht es ihm in Syrien um Syrien, noch im Falle Snowden um Snowden – es geht ihm um Moskaus geopolitische Position.

Bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin hat Dimitri Trenin vom Carnegie Moscow Center unlängst dargetan, dass Putin dabei in den zurückliegenden zehn Jahren eine recht wechselhafte Linie verfolgt hat. Trenin, einer der klügsten Beobachter der politischen Szene seines Landes, unterscheidet vier verschiedene Phasen:

2000 bis 2004: Als Reaktion auf die Katastrophe des 11. September bietet Putin den Amerikanern effektive Zusammenarbeit an. Er akzeptiert die USA als Weltführungsmacht. In seiner Bundestagsrede vom 21. September 2001 sieht er die europäische Einigung "mit Hoffnung" und ruft zum Bau des gemeinsamen "europäischen Hauses" auf. Seine Botschaft: "Der Kalte Krieg ist vorbei."

2004 bis 2008: In einer ersten Kehrtwendung meldet er Russlands Anspruch auf weltpolitische Eigenständigkeit an. Bei einem Kraftauftritt vor der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 verurteilt er das amerikanische Hegemoniestreben: "Das unipolare Modell ist in der heutigen Welt inakzeptabel … Man darf die UN nicht durch die Nato oder die EU ersetzen." Die Anwendung von Gewalt sei nur durch UN-Beschlüsse zu legitimieren. Die Osterweiterung der Atlantischen Allianz nennt er einen "provozierenden Faktor". In seinem Vorgehen gegen Georgien macht er 2008 deutlich, dass er das Vordringen der USA an Russlands "weichem Unterleib" nicht hinzunehmen bereit ist.

2008 bis 2011: Als Putins Scout erkundet Ministerpräsident Medwedew, was im Verhältnis zum Westen möglich ist: ein übergreifendes europäisches Sicherheitssystem, neue Abrüstungsverträge, Russlands Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO). Nur aus dem letzten Punkt ist 2012 etwas geworden. 

2011 bis 2013: Nach seiner Rückkehr ins Präsidentenamt schlägt Putin gegenüber Europa und den USA einen schärferen Ton an. Der EU kehrt er den Rücken zu, seine neue Zielvorstellung ist die Eurasische Union, eine "übernationale Vereinigung der früheren Sowjetrepubliken". Und nicht länger will er sein Land als bloßes Anhängsel der USA sehen; vielmehr strebt er ein auf Ebenbürtigkeit abgestelltes Verhältnis an – ein Verhältnis auf Augenhöhe. 

Mag sein, dass er seine Sockelhöhe weit überschätzt: Russlands Bevölkerung nimmt ab, die Wirtschaft kommt nicht vom Fleck, auch verliert ihre Öl- und Gas-Basis angesichts der Schiefergas-Revolution an Bedeutung; zugleich droht Chinas gigantisches Wachstum Russland zu verzwergen. Umso ausgeprägter ist Putins Ehrgeiz, dem postsowjetischen Rest, der Russischen Föderation, wieder Weltgeltung zu verschaffen.

Seine Interessen sind dabei klar. Wo immer es um Souveränität, territoriale Integrität und Regimesturz sowie um die Ausübung humanitärer Schutzverantwortung geht, soll die Anwendung militärischer Gewalt ausschließlich vom UN-Sicherheitsrat legitimiert werden. Wo Russland ein Vetorecht hat. Putin sucht zu verhindern, dass der Arabische Frühling islamische Revolutionäre ans Ruder bringt, die den muslimischen Aufruhr im eigenen Land anfeuern. Assad wurde erst wirklich zum Verbündeten, als er die radikalen Dschihadisten umzubringen begann, die der Kreml fürchtet. Auch möchte er ein weniger interventionssüchtiges Amerika; damit könnte Russland leichter leben. 

Mit diesen strategischen Perspektiven sollten wir uns beschäftigen – wo nötig, auch kritisch. Es bringt wenig, auf die PR-Unterstellungen der US-Geheimdienste hereinzufallen und sich in fadenscheinigen Spekulationen über Putin und Angela Merkels Handy zu ergehen.