An der Straße nach Chitcani südlich der moldawisch-transnistrischen Grenzstadt Bender © Alisa Bauchina

Überquert man die moldauische Grenze Richtung Transnistrien nahe der Stadt Bender, sind die Straßen plötzlich wieder in Ordnung. Überhaupt scheint hier alles eine gewisse Ordnung zu haben, in dieser abtrünnigen Region der Republik Moldau, mit eigener Währung, Flagge, Hymne und Parlament. Wir wollten über dieses Transnistrien am Rande Europas einen Dokumentarfilm drehen. In Bender gehen wir inmitten sowjetischer Plattenbauten in eine kleine, heruntergekommene Bar. Ein älterer Mann tritt auf uns zu. Er riecht stark nach Alkohol und wirkt aufgeregt.

"Ich möchte Ihnen meine Geschichte erzählen. Haben Sie Zeit? Viele haben Angst vor der Regierung. Ich nicht. Mein ganzes Leben lang war ich Polizist und diese politischen Schlitzohren haben null Chancen."

Der Mann heißt Viktor und lebt in miserablen Verhältnissen. Seine kleine Hütte hinter der Plattenbausiedlung ist dürftig ausgestattet, innen ist es dunkel und kühl, die vergilbten Tapeten in der Küche hängen bis zum Boden. Viktor raucht ununterbrochen. Die Stummel seiner Zigaretten sammelt er in einer Plastiktüte, in der sich schon einige Hundert befinden. "Meine Rente reicht nicht, um was Leckeres zu kaufen. Ich bekomme ungefähr 70 Euro im Monat, doch die Preise in Transnistrien haben europäischen Standard erreicht. Jeden Tag kämpfe ich um meine Existenz. Da bleibt nichts anderes übrig als sich zu betrinken."

Als er uns die Fotos seiner verstorbenen Frau zeigt, füllen sich seine Augen mit Tränen. "Ich bin ganz alleine geblieben. Niemand kümmert sich um mich. Es gibt keine Sozialhilfe." Beim Anblick eines Foto von Josef Stalin lächelt er: "Josef Wissarionowitsch würde so was nie erlauben. Nur Scharlatane sitzen im Parlament und verschleudern unseren Staat. Die Fabriken stehen leer, die Menschen wandern für Arbeit aus. Das nennen Sie Demokratie?"

Der Sold reicht für drei Schachteln Zigaretten

Wir fahren weiter Richtung Norden. Es ist ein schönes Land. Weite, sattes Grün. Der Weg zur Kreisstadt Ribnita führt am Fluss Dniestr entlang, der Transnistrien von der Republik Moldau trennt. Am Straßenrand stehen zwei junge Soldaten. Sie winken, halten uns an, wir nehmen sie mit. Artjom und Denis wollen das Wochenende zu Hause bei der Familie verbringen. Die beiden müssen für eineinhalb Jahre ihren Wehrdienst ableisten, stationiert sind sie in einem Artillerieregiment in der transnistrischen Hauptstadt Tiraspol.

Was sie danach machen wollen, wissen sie: "Viele Leute hier haben eine russische Staatsbürgerschaft. Das ermöglicht mir, einen Job in Russland zu finden. Mein Bruder war dort als Bauarbeiter tätig. Ich will Geld verdienen und dann möchte ich nach Transnistrien zurück. Meine Mutter liebt mich sehr, und ich kann nicht weit weg von ihr leben", sagt der 18-jährige Artjom.

Lenin-Denkmal vor dem Parlament in der Hauptstadt Tiraspol © Alisa Bauchina

Auch sein Kumpel Denis will im Ausland arbeiten. Seine Muttersprache ist Moldauisch, dennoch fühlt er sich Transnistrien verbunden. "Bei uns spricht man hauptsächlich Russisch, jedoch sind Moldauisch und Ukrainisch als Amtssprachen anerkannt. Schade, dass die Weltgemeinschaft uns nicht als ein unabhängiges Land sehen will. Wir haben viel zu bieten". Denis und Artjom rauchen und lächeln schüchtern. Als Wehrdienstleistende verdienen sie rund 90 Rubel im Monat. Das reicht für drei Schachteln Zigaretten.