Ein Plakat mit Julija Timoschenko in Kiew © S. Supinsky/AFP/Getty Images

Die besten Pralinen kommen aus Kiew. Die Firma Roshen produziert sie dort, Hunderttausende Tonnen jedes Jahr, mit Zartbitterschokolade oder Nüssen. Weltweit werden sie verkauft, besonders in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Dort lieben die Menschen Roshen seit jeher. Nur vor einigen Wochen mussten Millionen Russen plötzlich verzichten. Der Kreml, also Wladimir Putin, hatte es der Ukraine mal eben verboten, Pralinen zu liefern. Russland ließ die Handelsschranke zu seinem riesigen Absatzmarkt runter und wollte damit zeigen, wo es langgeht – der Ukraine und der EU. 

Scheint so, als hätte das geklappt. Das ukrainische Parlament hat am Donnerstag gegen Europa gestimmt. Der Präsident, Viktor Janukowitsch, will das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht mehr unterschreiben. Die daran geknüpften Bedingungen, etwa die politische Gefangene Julija Timoschenko freizulassen, haben sich damit erledigt.

Das ist für Putin der nächste Big Point, nach seinem Einwirken auf US-Präsident Barack Obama im Syrien-Konflikt und der Causa Snowden. Aus Sicht der EU ist es ein diplomatisches Desaster – und für die Ukrainer ein Problem, das in seiner Folge das Land vor eine Zerreißprobe stellen kann.

Janukowitsch hat mit seinem Nein nicht im Sinne der meisten Ukrainer gehandelt, die wünschen sich laut Umfragen eine Annäherung an Europa. Er hat vor allem im Sinne Putins entschieden, aus Angst vor Timoschenko und für seinen eigenen Machterhalt.

Im Frühjahr 2015 stehen in der Ukraine Präsidentschaftswahlen an. Bis dahin wird Timoschenko wohl in Charkiw im Krankenhaus eingesperrt bleiben. Janukowitsch wird die Opposition und die Pressefreiheit weiter einengen und schließlich nach russischem Vorbild wie bei der Parlamentswahl 2012 die Ergebnisse der Volksabstimmung manipulieren. So dürfte es nun kommen, jetzt, wo die EU mit ihrer Ostpolitik versagt hat. Einer der gröberen Fehler war dabei die Fokussierung auf Timoschenko.

Jahrelang war es richtiges und wichtiges Ziel Europas, den Schlüsselstaat Ukraine enger an sich zu binden. Doch dabei wurde die Zukunft der Ukraine an das Schicksal ihrer früheren Ministerpräsidentin gekoppelt. Assoziierungsabkommen gegen eine Behandlung Timoschenkos in Deutschland – so lautete verkürzt der heikelste Deal rund um das viele Hunderte Seiten lange Abkommen, um das seit Jahren gerungen wird, und das eigentlich kommende Woche auf dem Gipfel in Vilnius hätte unterschrieben werden sollen. Nun ist alles geplatzt. Und Timoschenko ist unfreiwillig zum Hindernis für ihr eigenes Volk geworden.

Der eine Präsident, Janukowitsch, lässt die EU abblitzen. Der andere, viel mächtigere Präsident, Putin, stärkt ihm dabei den Rücken und positioniert sich damit seinem Selbstbild entsprechend. Auch wenn die Sowjetunion längst zerfallen ist: Für Putin gehören Armenien, Aserbaidschan, Moldau, Georgien, Weißrussland und die riesige Ukraine mit ihren Pralinen noch immer zum russischen Einflussbereich. Dass sein Wunsch der Realität erschreckend nahe kommt, hat das ukrainische Parlament bestätigt.