Unter die Demonstranten haben sich allerdings auch Aktivisten der nationalistischen Partei Swoboda gemischt. Swoboda tritt offen antisemitisch auf und pflegt Beziehungen zur NPD in Deutschland. Im Westen der Ukraine stellt sie in einigen Regionalparlamenten die Mehrheit. Mit dem Slogan "Ruhmreiche Ukraine" zogen Swoboda-Anhänger am Sonntag vor den Regierungssitz in die Gruschewski-Straße und prügelten sich mit der Polizei. Auf Fotos ist zu erkennen, dass die Nationalisten die Miliz mit Reizgas angriffen und Auseinandersetzungen provozierten. Bisher hielt sich die Polizei-Spezialeinheit Berkut weitgehend zurück.

Die Stimmung in Kiew erinnert trotz dieser Vorfälle an den Aufbruch der Orangenen Revolution vor neun Jahren. Damals protestierten 100.000 Menschen in Kiew gegen Wahlfälschung und gegen das autoritäre Regime des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma. Der Druck der Demonstranten war so groß, dass das Verfassungsgericht eine Neuwahl anordnen musste. Der pro-europäische Viktor Juschtschenko wurde zum Präsidenten gewählt.

Wo sind die politischen Führer?

Könnte aus der Protestbewegung eine zweite Orangene Revolution werden? "Zurzeit sieht es nicht danach aus", sagt Michail Banakh, Projektleiter bei der von US-Milliardär George Soros finanzierten Renaissance-Stiftung in Kiew. Der Osten der Ukraine stehe hinter Präsident Janukowitsch, viele Menschen seien politisch unentschlossen. "Den Demonstranten geht es um die Idee von Europa, nicht um Wahlkampf", sagt Banakh.

Es fehlt vor allem ein politischer Führer, der die Massen mitreißen kann. Boxer Vitali Klitschko, dem manche diese Rolle zutrauen, spielt sie zurzeit nicht. Bei den Protesten trat er wenig in Erscheinung, zur Massendemonstration am Sonntag kam er zu spät, nachts lässt er sich am Europaplatz nicht blicken. Oppositionspolitiker Arsenij Jazenjuk ist nachts immer dabei, gilt aber als farblos.

Studentin Rudenko befürchtet, die Proteste könnten wieder abflauen und das Land in Lethargie fallen. "Ich hoffe, dass die Leute jetzt dran bleiben, immerhin geht es um ihre Zukunft." Die Opposition hat für Freitag eine weitere Großdemonstration angekündigt.