Polizisten vor einem Demonstrationsbanner zur Freilassung von Julija Timoschenko vor dem Parlamentsgebäude in Kiew © Gleb Garanich/Reuters

Pat Cox und Aleksander Kwaśniewski griffen nach dem letzten Strohhalm, den ihnen die ukrainische Opposition hinhielt. Die Mitstreiter der inhaftierten Julija Timoschenko baten am Mittwoch eindringlich um mehr Zeit, mit der ukrainische Regierung doch noch die Freilassung der 52-Jährigen auszuhandeln. Und so teilten die beiden EU-Emissäre am Abend mit, es sei "noch zu früh zu entscheiden, ob die Ukraine die Bedingungen für ein Assoziierungsabkommen mit der EU erfüllt hat oder nicht".

Zu früh? Kwaśniewski und Cox verhandeln seit fast anderthalb Jahren mit dem Regime des autoritären Präsidenten Viktor Janukowitsch. 26 Mal sind sie in dieser Zeit in die Ukraine gereist – so oft, dass Kwaśniewskis Frau bereits scherzhaft fragte, ob ihr Mann dort eine Geliebte habe. Von "zu früh" kann auch beim Blick nach vorn kaum die Rede sein. In zwei Wochen beginnt im litauischen Vilnius der Gipfel der Östlichen Partnerschaft. Dort wollen Brüssel und Kiew jenen weitreichenden Vertrag über eine politische und wirtschaftliche Zusammenarbeit schließen, der die Westanbindung der Ukraine besiegeln soll.

Rund 330 Stunden verbleiben also, um den Fall Timoschenko zu lösen. Ihre Freilassung ist die zentrale Bedingung, die Brüssel für den Vertragsschluss stellt. Doch seit Mittwoch sieht es nicht mehr danach aus, als wolle Janukowitsch darauf eingehen. Nach wochenlangen Verhandlungen verweigerte die Regierung ihre Zustimmung zu einem Gesetz, das Timoschenkos Ausreise zur medizinischen Behandlung in Deutschland ermöglichen sollte. Am Abend lief das Ultimatum ab, das Cox und Kwaśniewski ursprünglich gestellt hatten. Auf Bitten der Opposition verlängerten sie die Frist bis zum kommenden Dienstag, wenn das Parlament in Kiew erneut über das Timoschenko-Gesetz beraten will.

"Das ist dumm, gefährlich, beleidigend"

Es ist kaum mehr als eine Gnadenfrist. Bereits am Montag treffen sich die EU-Außenminister zu ihren letzten regulären Ukraine-Beratungen vor dem Vilnius-Gipfel. Sie werden die Position der EU aller Voraussicht nach noch einmal bekräftigen – und weiter warten. Derzeit sieht es danach aus, als würde ein Vertragsschluss scheitern. Damit aber stünde die gesamte EU-Strategie der Östlichen Partnerschaft vor dem Aus. Sie hat das längerfristige Ziel, über Assoziierungen sechs postsowjetische Länder an die EU zu binden. Weißrussland, Georgien, Moldawien, Armenien und Aserbaidschan gehören dazu. Die Ukraine jedoch ist der Schlüsselstaat.

Vor diesem Hintergrund sei das Verhalten der Führung in Kiew "nicht nur eine große Provokation, sondern völlig verantwortungslos", empörte sich die Fraktionschefin der Grünen im Europaparlament, Rebecca Harms, im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Die Osteuropa-Expertin rang nach der negativen Entscheidung in Kiew um Fassung: "Mir fehlen die Worte, das ist politischer Irrsinn", sagte Harms und fügte auf der Suche nach treffenden Beschreibungen noch einige Attribute an: "Das ist dumm, gefährlich, beleidigend."

Ein Affront ist vor allem der politische Wortbruch, den Janukowitsch begangen hat. Er ist es, der das Scheitern im Parlament aus dem Hintergrund steuerte. Zuvor hatte der Präsident über Monate hinweg EU-Vertretern auf allen Kanälen signalisiert, dass er den Fall Timoschenko positiv entscheiden werde. Nun jedoch scheint Janukowitsch wie schon 2011 kurz vor dem Schwur die Tat zu verweigern. Damals ließ er Timoschenko von einer willfährigen Justiz aus politischen Gründen zu sieben Jahren Haft verurteilen. Die EU kappte daraufhin die Gesprächsfäden, bis Janukowitsch ein Entgegenkommen in Aussicht stellte.