Wenn junge Amerikaner auf große Reise in die alte Welt aufbrechen, passiert es nicht selten, dass Grandpa sie beiseitenimmt und eine Warnung ausspricht: "Trag deinen Pass immer bei dir, und sobald es knallt, steig sofort wieder ins Flugzeug."

Selbst wenn der Enkel mit den Augen rollt: "Aber Grandpa, das ist ewig her, heute ist alles anders", weiß der Alte noch: "Genau das hat man auch 1933 gesagt."

Nachdem die Amis gleich in zwei europäische Kriege hintereinander eingreifen mussten, obwohl das Wohl Europas nun wirklich nicht unsere Verantwortung ist, sitzt die Lektion bei uns tief: Diese seltsame Region ist grundsätzlich labil und kann jederzeit ohne Vorwarnung wieder in den totalen Krieg verfallen. Ich habe damals auch mit den Augen gerollt, aber seit einigen Monaten muss ich wieder an Grandpas Worte denken.

Es fing im August an: Der Wahlkampf tobte noch, als einige Linke während einer Veranstaltung der Alternative für Deutschland (AfD) in Bremen die Bühne stürmten, den Parteichef bedrängten und sich mit seinen Mitarbeitern Handgreiflichkeiten lieferten – auch wenn der Vorfall nicht gar so schlimm war, wie von der Partei dargestellt. Auf diese Art, seine politische Meinung zu äußern, beschränkt sich nicht auf Linke. Eineinhalb Wochen zuvor hatte es einen Überfall in Greifswald gegeben: Da waren es mit Schlagstöcken bewaffnete rechte Vermummte, die in einem Wohnviertel auf ihre linken Gegner losgingen. In beiden Fällen ging es glimpflich aus. Niemand wurde verletzt oder gar ermordet, alles blieb auf dem Niveau einer Schlägerei in einer Bierhalle. Moment mal: Schlägerei, Bierhalle, Gewalt als politisches Statement? Die Weimarer Republik grüßt.

Wenigstens den Mut, etwas zu unternehmen

Die weit verbreitete Idee, Gewalt sei ein legitimes politisches Mittel, war bezeichnend für die damalige Zeit, und dieser Glaube ist noch lange nicht verschwunden. Heute noch kenne ich bürgerliche Linke, die mit einem Hauch von Nostalgie meinen, dass die RAF "immerhin den Mut hatte, etwas zu unternehmen". Ich bin ganz sicher, diese Worte wurden auch gern von den beiden Uwes des NSU in den Mund genommen.

Auch der neu erwachte Nationalismus in ganz Europa erinnert stark an die Weimarer Republik. Bis vor Kurzem ein Randproblem der einzelnen Länder, rückt er nun immer mehr in die Mitte. Vergangene Woche zum Beispiel haben die französischen und niederländischen Rechtspopulisten Marine Le Pen und Geert Wilders angekündigt, gemeinsam mit den rechten Parteien anderer Länder eine Fraktion im Europaparlament zu bilden. Das erklärte Ziel: die EU aufzulösen und die Nationalstaaten "von Europa zu befreien". Dafür nutzen sie die demokratischen Mechanismen eben dieser Europäischen Union, wohlgemerkt – genial!