Da sitzt er nun, Michail Chodorkowski, das Symbol für die Unfreiheit im jetzigen Russland, hinter ihm ein großes Foto des Symbols der Unfreiheit im alten Sowjetreich: Checkpoint Charlie, die Mauer, das geteilte Berlin, der eingesperrte Ostblock. Chodorkowski, eingesperrt zehn Jahre lang und frei seit 36 Stunden, sagt mit leiser Stimme: "Ich werde nicht um politische Macht kämpfen."

Die erste Pressekonferenz des ehemaligen Oligarchen und Putin-Gegenspielers gerät am Sonntagmittag in Berlin zu einer so symbolträchtigen wie chaotischen Veranstaltung, die mehr über das gigantische Interesse an ihm verrät, darüber, was von ihm erwartet wird, als über seine eigene Zukunft.

Hunderte Journalisten drängen sich in dem Raum, zu den vielen deutschen kommen mindestens ebenso viele russische Kollegen, dazu italienisches Fernsehen, CNN. So voll ist es, dass man schon lange vor Beginn kaum noch reinkommt, später kommt es gar zu Tumulten am Eingang und unter den rangelnden Fotografen vor der Bühne. "Machen Sie Platz, sonst schmeiße ich alle raus!", schimpft die Hausherrin irgendwann aufgeregt.

Sie heißt Alexandra Hildebrandt und ist die Direktorin des Mauermuseums am Checkpoint Charlie. Dass die Pressekonferenz ausgerechnet hier stattfindet, sei "kein politisches Signal", beteuert Chodorkowski, er wolle sich einfach bedanken, weil die Leute hier ihm psychologisch sehr geholfen hätten.

Fussballvereine will er nicht kaufen

Natürlich aber ist es ein Symbol. Und was für eines. Chodorkowski sitzt nun fast dort, wo jahrzehntelang die Berliner Mauer verlief. An der Ecke vor der Tür steht noch das kleine Häuschen der Grenzwärter. Der Gefangene sitzt nun nicht mehr selbst hinter Mauern, er kommt als freier Mann ins Mauermuseum. Internationales Bildungs- und Konferenzzentrum für Freiheit und Demokratie nennt sich der Raum der Pressekonferenz, und ziemlich genau darum geht es auch Chodorkowski.

Er wolle sich nun um seine Familie kümmern und sich für andere politische Gefangene einsetzen, sagt der 50 Jahre alte Exoligarch. Er stellt auch klar: "Ich habe nicht vor, ins Geschäftsleben zurückzukehren." Und dann leicht verschmitzt lächelnd: "Meine finanzielle Situation zwingt mich nicht zum Broterwerb." Fussballvereine wolle er aber nicht kaufen, witzelt Chodorkowski noch. Bis heute ist unklar, was genau mit seinem Vermögen passiert ist, über wie viel davon er und seine Familie noch verfügen.

Jetzt: Privatleben

Während der gesamten Zeit seiner Gefangenschaft und auch jetzt fällt auf, wie professionell Chodorkowski inszeniert und begleitet wird. Seine Website ist beeindruckend und wird andauernd aktualisiert, eine englische und eine deutsche PR-Agentur organisieren die heutige Pressekonferenz, unzählige Sicherheitsleute schirmen ihn und seine Familie ab. Bisher hat die generalstabsmäßige Planung ihm dabei geholfen, im Gespräch zu bleiben, seinen Fall in den Medien zu halten. Dass er zum Symbol stilisiert wurde, hat ihm so geholfen. Nun braucht er das nicht mehr.

Der Exgefangene möchte erst einmal sein Privatleben organisieren. Wo sie leben will, hat die Familie noch nicht entschieden. Die Eltern und sein ältester Sohn sind schon bei ihm in Berlin. "Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich mit ihnen zu beraten", sagt Chodorkowski. In diesen Momenten wird klar, dass er sich vor allem nach einem sehnt: Ruhe.

Doch ganz ohne Politik geht es in seinem Fall nicht. Zwei Dinge sind Chodorkowski besonders wichtig.