Der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan während seiner Rede in Ankara Umit Bektas/Reuters

Wenn es wirklich ernst wird, schießt er wild um sich, so ist es immer bei Recep Tayyip Erdoğan. Wie sehr der türkische Premier an diesem Mittwoch wütete, wie er in einer einzigen Rede fast die ganze Welt zum Feind erklärte, zeigt, wie dramatisch die Lage für ihn ist. Mit ausufernden Verschwörungstheorien antwortete Erdoğan auf die schwerste Krise seiner elfjährigen Regierungszeit, ausgelöst vom größten Korruptionsskandal der türkischen Geschichte.

Die Zionisten, die Zinslobby, die Lufthansa, die Medien, das Internet: alles Feinde der Türkei, überall "Verräter und Spione". In seiner Rede vor seinen Anhängern in Ankara fand Erdoğan gleich mehrere Gründe für den vermeintlich konzertierten Angriff auf sein Land: Neid auf den wirtschaftlichen Fortschritt; die israel-kritische Haltung der türkischen Regierung seit dem Zwischenfall um die Gaza-Hilfsflotte Mavi Marmara; die Reserven der türkischen Zentralbank. Und irgendwie auch: der dritte Flughafen in Istanbul.

Denn damit, so eine von vielen Volten seiner Theorie, würde man Frankfurt ja den Status als Luftverkehrsdrehkreuz streitig machen, was die Lufthansa nicht ertragen könnte. Und überhaupt: "Der Kopf des Ganzen ist der an der Spitze der internationalen Ordnung." Die USA, also Barack Obama. "Wenn wir darauf nicht die stärkste Antwort geben, wird es immer wieder solche Verschwörungen geben", sagte Erdoğan.

Das war am frühen Nachmittag. Am Morgen dieses dramatischen Tages waren gleich drei von Erdoğans Ministern zurückgetreten, wohl auf seinen Druck hin. Der Innenminister, der Wirtschaftsminister und der Umweltminister. Es sind die ersten Kabinettsmitglieder überhaupt, die der Premierminister seit seiner Amtsübernahme vor elf Jahren verliert. Der Umweltminister Erdoğan Bayraktar wollte es auch nicht bei seinem Rauswurf belassen. In einem Fernsehinterview sagte er: "Alles wurde auf Befehl Erdoğans getan." Ein Hinweis, dass auch der Premier selbst in den Korruptionsskandal verstrickt sein könnte. Bayraktar ging sogar so weit, seinen übermächtigen Chef zum Rücktritt aufzufordern. "Für das Wohl des Landes glaube ich, dass der Regierungschef gehen sollte", sagte er.

Ein Tabubruch in Erdoğans Partei AKP, die ihm sonst völlig hörig ist. Der ausstrahlende Sender NTV machte aus dem spektakulären Satz noch nicht einmal eine Meldung, sondern sendete einfach sein geplantes Programm weiter. Das trägt weiter zum Frust vieler Türken über die allzu regierungsfreundliche und unkritische Berichterstattung ihrer Fernsehsender bei.

Der Regierungschef verlor über all dies kein Wort. Stattdessen schimpfte er auf die Anhänger des Predigers Fethullah Gülen. Dessen Netzwerk gilt als einflussreich in der türkischen Polizei und Justiz und befürwortet die aktuellen Ermittlungen gegen Erdoğans Leute. Die aktuelle Eskalation gilt vielen Beobachtern auch als Machtkampf der einstigen Verbündeten  Erdoğan und Gülen. Der Prediger hatte den Premier in einer aufsehenerregenden Rede vor wenigen Tagen wortgewaltig verflucht ("Möge Allah Feuer zu ihren Häusern bringen"). Erdoğan antwortete am Dienstag, ohne die Gülen-Anhänger direkt zu nennen: "Wir werden herunterkommen in eure Höhlen und euch in Stücke reißen." Nun legte er noch einmal nach, diesmal mit Spott: "Unsere Gegner können uns höchstens schlechte Gebete schicken, das ist alles, was sie tun können."

Im Hintergrund dieser Wortgefechte tobt offensichtlich ein handfester Kampf innerhalb der staatlichen Institutionen. Viele Dutzend ranghohe Polizisten hatte die Regierung in den vergangenen Tagen entlassen oder strafversetzt, darunter den Polizeichef von Istanbul. Am Dienstag kamen dann angeblich noch einmal 400 Istanbuler Polizisten hinzu.