Im Nahen Osten droht der bittere Religionskrieg zwischen Schiiten und Sunniten die Staatsgrenzen zu zerfetzen, die Briten und Franzosen im Sykes-Picot-Abkommen von 1916 dem zerfallenden Osmanischen Reich in imperialer Selbstherrlichkeit verpasst haben. Dagegen wird kaum wahrgenommen, dass ein Staatszerfall ganz in unserer Nähe drohen könnte: in Großbritannien.

In zehn Monaten werden die Schotten darüber abstimmen, ob sie sich vom Vereinigten Königreich losreißen und ein unabhängiger Nationalstaat werden sollen. Falls eine Mehrheit der vier Millionen Wahlberechtigten sich für die Unabhängigkeit entscheidet, würde der neue Staat am 24. März 2016 seine eigene Flagge mit dem weißblauen Saltire-Kreuz hissen.

Vorige Woche hat Schottlands First Minister Alex Salmond in einem 670 Seiten starken Weißbuch (Scotlands Future) die Argumente für die Trennung vom Vereinigten Königreich dargelegt. Die Unabhängigkeit sei kein Selbstzweck, erklärt er darin, sondern ein Mittel, aus Schottland ein besseres Land zu machen.

Von den sechs Unionsbanden will er nur eines kappen, das politische. Bleiben sollen die Träger der britischen Krone als Staatsoberhaupt, die Sozialunion, die Währungsunion, die Mitgliedschaft in der EU und der Nato. Die radikalen Sezessionisten wollen allerdings viel weiter gehen: Sie verlangen nicht nur ihre eigene Währung, sondern eine atomwaffenfreie Zone, was den Abzug der nuklearen Trident-Unterseeboote aus dem Stützpunkt Faslane bei Glasgow bedeuten würde, und den Austritt aus der Nato.

Schon das gemäßigte Unabhängigkeitsprogramm Salmonds steckt freilich voller Widersprüche. Was wäre das für eine Unabhängigkeit, bei der die Finanzhoheit bei der Bank of England läge? Und wohl kommen heute zwölf Prozent der Steuereinnahmen aus Erdöl und Erdgas, doch schon auf mittlere Sicht werden diese Quellen versiegen; dann bleibt den Schotten wohl nur noch der Whisky. 

Hinzu kommt, dass die Subventionen, die London den Schotten zukommen lässt, pro Kopf um 1.100 Pfund höher liegen als im Rest des Landes; um deren Ausbleiben wettzumachen, müssten die Schotten die Steuern um neun Prozent erhöhen oder aber einschneidende Haushaltskürzungen hinnehmen. Diese Tatsachen erklären, weshalb erst 33 Prozent der Befragten für die Unabhängigkeit sind; knapp die Hälfte ist dagegen, die übrigen sind noch unentschieden.

Auch die EU-Mitgliedschaft eines unabhängigen Schottlands ist keine Selbstverständlichkeit. Seit 2004 hat die Brüsseler Kommission mehrfach festgestellt, dass Gebiete, die unabhängig werden, automatisch ausscheren, auch aus Schengen-Land übrigens. Die Schotten müssten sich ganz von vorne um einen Beitritt bemühen; das könnte dauern.

Am Ende müssten dann alle derzeit 28 EU-Mitgliedstaaten dem Beitritt Schottlands zustimmen. Da könnte England, wenn es denn noch der Europäischen Union angehörte, sein Veto einlegen.

Ist aber überhaupt Verlass darauf, dass England noch lange EU-Mitglied bleibt? Die Briten haben 2015 Parlamentswahlen. Gewinnt der konservative Prime Minister David Cameron, so will er 2017 eine Volksabstimmung über den Verbleib des Vereinigten Königreiches in der EU abhalten lassen.

Angesichts der Ernüchterung, die im Volk über die Brüsseler Gemeinschaft vorherrscht, erscheint ein ablehnendes Votum nicht ausgeschlossen. Der Schlachtruf "Quit Europe!", "Raus aus Europa!", kennzeichnet eine EU-feindliche Stimmung, in der die Warnungen der Wirtschaft kaum noch zu hören sind. 

Bleibt zu hoffen, dass die Vernunft sich durchsetzt. Das heißt, dass Schottland im Vereinigten Königreich bleibt – und das Vereinigte Königreich in der Europäischen Union. Die EU braucht England als Verfechter von Wettbewerbsfähigkeit und Freihandel sowie als Mitkämpfer gegen überbordende Bürokratie und unnützen Papierkrieg.

Schottland aber wäre mit mehr devolution, also größerer innerer Autonomie nach bundesstaatlichem Muster, besser gedient als mit der Flucht in die Kleinstaaterei-Illusion der Unabhängigkeit. In der globalisierten Welt kann niemand mehr ganz unabhängig sein.

Vor 60 Jahren sagte US-Außenminister Dean Acheson: "England hat ein Weltreich verloren und keine neue Rolle gefunden." Das gilt bis heute. Doch in den nächsten Jahren wird sich das Land entscheiden müssen, wohin es gehören will.