Gerade hatten sich die Streitigkeiten zwischen Japan und China ein wenig gelegt, da besucht Japans Premierminister Shinzo Abe den Yasukuni-Schrein. Was folgt, kennen Beobachter der Region bereits, denn schließlich ist Abe nicht der erste Premier, der diesen diplomatischen Affront begeht.

Nach einem Besuch gibt es stets heftige Proteste seitens China und Korea. Grund dafür ist, dass im shintoistischen Heiligtum neben den Gefallenen aller japanischen Kriege seit 1853 auch verurteilte Kriegsverbrecher im Schrein geehrt werden.

Wieso also geht Premier Abe diesen Weg der außenpolitischen Provokation? Ist es nur eine weitere Spitze im Streit zwischen Japan und China über die Senkaku beziehungsweise Diaoyu genannte Inselgruppe? Nicht nur.

Die japanische Nachkriegsgeschichte ist kompliziert und sehr von Verharmlosung geprägt. Während in Deutschland die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs aufgearbeitet wurden, hat Japan das bis heute über weite Strecken nicht getan.

Immer noch leugnen etwa offizielle Stellen das Schicksal der Trostfrauen. Es geht dabei um Frauen aus Ländern wie Korea, China und anderen von Japan besetzten Gebieten. Die japanischen Militärs zwangen sie zur Prostitution und viele von ihnen leiden bis heute daran. Genauso haben immer wieder Politiker der ersten Reihe das Massaker von Nanking geleugnet, bei dem wohl bis zu 300.000 Chinesen grausam umgebracht wurden.

Besonders befremdlich für westliche Beobachter: Selbst nach der Jahrtausendwende, also mehr als 50 Jahre nach dem Krieg, gab es immer wieder außenpolitische Konflikte, weil das japanische Bildungsministerium Schulbücher zuließ, die die Kriegsverbrechen verharmlosten und teilweise als entschuldbar darstellten.

Es gibt keinen Ersatz

Aber neben der Geschichte der beerdigten Kriegsverbrecher gibt es noch eine andere, die im Garten des Schreins liegt.

Als viele der japanischen Soldaten in den Krieg zogen und mit voranschreitendem Kriegsverlauf immer jüngere Jahrgänge rekrutiert wurden, entstand ein geflügelter Satz unter ihnen: "Yasukuni no Sakura no shita de aou" – "Lass uns unter den Kirschbäumen des Yasukuni-Schreins wiedertreffen." Es war ihre Art, mit der Gewissheit umzugehen, dass wohl die wenigsten von ihnen lebendig nach Hause kommen würden. Aber ihre Seelen würden sich dort wieder treffen. Es ist dieser Schwur, der aus diesem Fleckchen Erde ein besonderes Heiligtum macht.

Natürlich könnte Abe die Kriegsgefallenen an anderer Stelle ehren und andere Premiers haben das getan. Sicherlich spielt außenpolitisches Kalkül und Provokation eine Rolle beim aktuellen Besuch. Doch Fakt ist, dass es für den Yasukuni-Schrein keinen wirklichen Ersatz gibt.

Und so bleibt der Schrein ein Ort, an dem sich verschiedene Interessen vermengen und nicht zu trennen sind. Die Ewiggestrigen, die einem Kriegsrevisionismus und einem wieder erstarkendem Nationalismus frönen, treffen auf jene, die der teils jugendlichen Soldaten gedenken, denen noch heute zahlreiche Kirschbäume im Garten des Schreins gewidmet sind.