Wladimir ist wütend. Deshalb hat er am Sonntagmorgen seine Armeestiefel und die Uniform noch einmal angezogen. Er sitzt im Bus 231 ins Zentrum und beißt sich auf die Zähne. Er, der ehemalige Offizier, der Ehemann, der Vater – er hat sich getäuscht. Als er vor drei Jahren Janukowitsch als Präsidenten gewählt hat, wollte er Gerechtigkeit, Europa und Demokratie. Korruption, Verfassungsänderung und Anschluss an Russland habe er bekommen, sagt er, "eine Schande".

Selbst seine Kinder hätten sich über ihn lustig gemacht, beim Frühstück hätten sie ihm Janukowitsch-Witze erzählt, sagt Wladimir. Aber er will es wieder gut machen. Deshalb steigt er jetzt mit allen anderen aus, geht zum Maidan, die Revolution unterstützen.

Maidan ist der Unabhängigkeitsplatz in Kiews Zentrum. Er ist Kiews Ort für große Volksfeste. Und in gewisser Weise ist er seit drei Wochen auch genau das, ein Festplatz für das Volk. Unter dem Namen Euromaidan haben die Organisatoren auf den Steinplatten und dem Asphalt des Stadtzentrums eine Festung errichtet. Alle Zugangsstraßen sind mit Barrikaden aus Holzpaletten, Schrott, Möbeln, Weihnachtsschmuck und Stacheldraht blockiert. Davor haben sie Eimerweise Wasser verschüttet, um Polizisten, die in der Nacht kommen, aufs Glatteis zu führen.

Innerhalb der Blockaden stehen an die Hundert von Öfen gewärmte Zelte, Grills, Sitzecken, Suppentöpfe groß wie Autoräder, eine Bühne, eine gewaltige Leinwand, das Unabhängigkeitsdenkmal und daneben der riesige Weihnachtsbaum, vollgeklebt mit Revolutionsplakaten. Die Notstromaggregate brummen. In unzähligen Metalltonnen brennt ständig Feuer.

Wie ein Rockkonzert am Nordpol

5.000 bis 7.000 Demonstranten schlafen hier oder in den rundherum besetzten Häusern seit Tagen. Freiwillige, meist Frauen, verteilen von morgens bis abends geschmierte Speck- oder Käsebrote, Kekse, Kuchen, Tee, Kaffee oder warmes Essen. Mehr als 50.000 dieser Gratis-Gerichte kochen die Organisatoren im Haus der Gewerkschaft jeden Tag. Die Atmosphäre gleicht einem Protestcamp mitten im Weihnachtsmarkt. Oder einem Rockkonzert am Nordpol. Es ist Anarchie, aber alles funktioniert. Geht man rüber zur Post, kann man problemlos für 1,5 Cent ein Fax zum Präsidenten-Büro schicken oder sich gegenüber die Nägel lackieren lassen.

Als Wladimir am Sonntagmittag mit hunderttausend anderen am Euromaidan ankommt, sind es zu viele, um sie zu zählen. Jewgenija Timoschenko liest auf der Bühne gerade einen Brief ihrer Mutter aus dem Gefängnis vor. Die Menschen drängen sich überall. Sie stehen auf dem Weihnachtsbaum, den umstehenden Häusern, im Matsch auf dem Erdwall vor dem Konzerthaus und auf der Fußgängerbrücke über der Straße neben der Philharmonie. Dort muss ein Organisator durchs Megafon schreien, um Leute zum Verlassen des Bauwerks aufzufordern, Einsturzgefahr. Einige sprechen am Ende von mehr als einer Million Protestteilnehmern. Diejenigen, die schon 2004 bei der Orangenen Revolution hier waren, sagen, so voll war es am Maidan noch nie.

"Euurooopaa"

Auf der Bühne redet nach dem Rektor der Kiewer Universität und einem Schriftsteller ein Mann, der bereits 2004 an diesem Platz von Revolution sprach, Jurij Luzenko. Der ehemalige Innenminister wurde in der Amtszeit Janukowitsch von einem Gericht zur Gefängnisstrafe verurteilt, weil er seinem ehemaligen Chauffeur eine Zusatzrente verschafft haben soll. Anders als Timoschenko kam er auf Drängen der EU und der ukrainischen Opposition vor einigen Monaten frei. Er sagt, die 17 Tage der Orangenen Revolution seien bisher die besten seines Lebens gewesen. Doch damals habe man nach dem friedlichen Erfolg nur die Namen der Politiker, und nicht das System geändert. Nach dem Vorbild von Europa sei es dafür nun Zeit. Immer wenn Luzenko während seiner Rede "Euurooopaa" sagt, rufen ihm Hunderttausende begeisterte Stimmen "Euurooopaa" zurück.

Zu dieser Zeit ist die Stimmung am Euromaidan friedlich. Da stehen Eltern, die ihre Kleinkinder auf den Schultern tragen, alte Frauen mit dicken Kopftüchern, die sich einen der Protestaufkleber mit Janukowitsch hinter Gittern auf die Handtasche geklebt haben und viele junge Leute nebeneinander. Sie sind gekommen, um Millionen Schneeflocken auf ihre Köpfe fallen zu lassen und zuzuhören. Viele von ihnen waren noch nie in Westeuropa, aber sie kennen die Geschichte ihres Landes und den Oppositionspolitiker, der viele Jahre in Hamburg gelebt hat. "Kliitschko, Kliitschko, Kliitschko", rufen sie, bevor Vitali Klitschko ans Mikro geht.