Nelson Mandela © Jon Hrusa/dpa

Unter Kindern fühlte er sich stets besonders wohl. Wie sehr Nelson Mandela ihre Gesellschaft genoss, zeigten die Pressekonferenzen, die er als Präsident von Südafrika oft auf den Stufen vor seinem Amtssitz abhielt. Für gewöhnlich endete das offizielle Prozedere mit einem hochrangigen Staatsgast immer dann, wenn Mandela am Zaun eine Gruppe von Schülern entdeckte und schnurstracks zum Händeschütteln hinüberlief – den jeweiligen Besucher, aber auch dessen entsetztes Sicherheitspersonal im Schlepptau.

Mit Vorliebe sagte er den begeisterten Jungen und Mädchen dann, wie sehr er sich freue, sie treffen zu dürfen. Immer fragte Mandela nach ihren Berufswünschen, die er mit einem wohlwollenden Kopfnicken kommentierte.

Die große Liebe zu Kindern speiste sich wohl auch aus Mandelas einsamen Jahren auf der Sträflingsinsel Robben Island, wo ihm lange Zeit jeglicher Kontakt mit seinen Besuchern verwehrt war, selbst die Berührung von Kindern. Christo Brand, der damals als Wächter auf der Insel arbeitete, erzählte später, wie er Mandela nur ein einziges Mal weinen sah: aus Verzweiflung darüber, dass er den kleinen Enkel nicht halten durfte, den seine damalige Ehefrau Winnie mitgebracht hatte.

Mit einem Trick gelang es Brand schließlich doch, dass Mandela das Baby zumindest kurz in den Arm nehmen konnte. "Er küsste den Kleinen, schmiegte ihn an sich und musste doch gleich wieder von ihm lassen. Tränen liefen ihm übers Gesicht", erzählt Brand.

"Wer Hass verspürt, der kann nie frei sein"

Kein Wunder, dass die Journalistin Charlene Smith, die eines von Dutzenden Büchern über Mandela geschrieben hat, zur Erklärung der tiefen Zuneigung für den Nationalhelden einen Kindervergleich bemüht: "Südafrika war eine Nation misshandelter Kinder", schreibt sie. "Er kam aus dem Nichts – und liebte uns alle."

Heute nun ist Südafrikas großer Versöhner im Alter von 95 Jahren gestorben – der Mann, der 27 Jahre seines Lebens im Gefängnis saß und dennoch keinen Gedanken an Rache verschwendete. "Wer Hass verspürt, der kann nie frei sein", sagte Mandela kurz nach der Freilassung aus der Haft im Februar 1990. Worte, die wohl am besten sein Lebensmotto beschreiben.

Was nach dem legendären 11. Februar geschah, als Mandela Hand in Hand mit Winnie aus den Gefängnismauern schritt, ist heute längst Geschichte: Der einst prominenteste Gefangene der Welt führte seinen Afrikanischen Nationalkongress (ANC) in den ersten freien Wahlen des Landes im April 1994 zu einem überwältigenden Wahlsieg und wurde erster schwarzer Präsident des früheren Rassenstaates. Sein stetes Bemühen um eine Aussöhnung mit den Weißen und sein unverbrüchliches Festhalten an einer Verhandlungslösung gelten heute als die größten Leistungen des Mannes, der mit 75 Jahren erst spät triumphierte. Weltweit bewunderte man ihn dafür.

Aber noch etwas zeichnete Mandela besonders aus: Anders als viele andere afrikanische Gründerväter, trat er 1999 nach nur einer Amtszeit zurück – und setzte damit ein Beispiel, das in Afrika heute noch immer zu den großen Ausnahmen zählt.