Nadeschda Tolokonnikowa spricht mit Journalisten nach ihrer Freilassung. © Ilya Naymushin/Reuters

Nach Michail Chodorkowski sind auch zwei der schärfsten Kritikerinnen des russischen Präsidenten Wladimir Putin wieder in Freiheit: Die beiden Mitglieder der Punkband Pussy Riot, Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina, wurden im Zuge der von Putin veranlassten Amnestie aus der Haft entlassen.   

Beide äußerten sich dazu kritisch: Es handele sich um eine Show des Kremls, um den Westen vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi im Februar zu besänftigen, sagte Tolokonnikowa. "Russland ohne Putin", rief sie in der sibirischen Stadt Krasnojarsk nach ihrer Freilassung.

Tolokonnikowa verglich ganz Russland mit einem Straflager. "Russland ist nach dem Modell einer Strafkolonie aufgebaut", sagte die 24-Jährige. "Straflager und Gefängnisse sind das Gesicht des Landes." Um das Land zu verändern, müsse auch das Strafvollzugssytem geändert werden. Tolokonnikowa kündigte an, sich künftig vor allem für die Rechte von Gefangenen einsetzen zu wollen.

Auf dem von ihrem Ehemann Wersilow betriebenen Twitter-Account wurde sie mit den Worten zitiert, sie wolle sich nun "politischen Fragen" widmen und sich zudem darum bemühen, dass der Leiter der Strafvollzugsbehörde der russischen Teilrepublik Mordowien "entmachtet" werde. In der Wolga-Republik hatte Tolokonnikowa den größten Teil ihrer Haftstrafe verbüßt und unter anderem auch mit einem Hungerstreik gegen die Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer Mitgefangenen protestiert.

Aljochina wollte vorzeitige Freilassung ablehnen

Nur wenige Stunden vor Tolokonnikowa war bereits ihre Bandkollegin Marija Aljochina nach der Amnestie-Regelung von Russlands Präsident Wladimir Putin aus dem Gefängnis entlassen worden. In einer ersten Reaktion kritisierte Aljochina die Amnestie. "Das ist kein humanitärer Akt, das ist ein PR-Trick", sagte sie dem Sender Doschd. Außerdem erklärte Aljochina, dass sie das umstrittene Punk-Gebet "nicht nur wiederholen, sondern auch zu Ende singen möchte".

Nach ihrer Entlassung besuchte Aljochina umgehend das Büro der Menschenrechtsorganisation Komitee gegen Folter, um das weitere Vorgehen gegen Verstöße in dem Gefängnis zu besprechen, in dem sie einsaß. Sie habe die vorzeitige Freilassung ablehnen wollen, sagte sie in einem Telefoninterview mit TV Doschd: "Ich hätte gerne auf die Gnade Putins verzichtet." Sie begründete dies mit Repressionen, die nun ihren weniger prominenten Mithäftlingen drohten. Ein Verzicht auf die Amnestierung sei aber rechtlich nicht möglich gewesen.   

Wie auch Tolokonnikowa kündigte Aljochina an, dass sie sich künftig für Menschenrechte und die Rechte ihrer ehemaligen Mithäftlinge stark machen wolle. "Das Härteste im Gefängnis war, zu sehen, wie die Menschen einfach aufgeben", sagte sie. Während ihrer Freilassung habe sie "unter Schock" gestanden. Die Anstaltsleitung habe sie vermutlich klammheimlich aus dem Gefängnis geschafft, um "lautstarke Abschiedsgrüße" ihrer Mitgefangenen zu vermeiden.   

Die beiden Frauen wollen ihr weiteres Vorgehen nun koordinieren. Aljochina kündigte an, umgehend nach Krasnojarsk zu fliegen, um ihre Mitstreiterin zu treffen: "Ich denke, dass wir uns in der Menschenrechtsarbeit zusammenschließen werden."

Kritiker betrachten Amnestie als Besänftigung des Westens

Aljochina war zusammen mit Tolokonnikowa und der dritten Aktivistin Jekaterina Samuzewitsch im August vergangenen Jahres wegen eines Protestkonzerts gegen Putin in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Samuzewitsch kam bereits auf Bewährung frei.

Aljochina saß in Nischni Nowgorod rund 450 Kilometer östlich von Moskau im Gefängnis, die 24-jährige Tolokonnikowa war erst kürzlich in ein Straflager im 4.400 Kilometer von Moskau entfernten Krasnojarsk in Ostsibirien verlegt worden.

Die beiden Frauen sollten planmäßig im März kommenden Jahres aus der Haft entlassen werden. Experten sehen die Amnestie zum 20. Jahrestag der russischen Verfassung als Versuch Putins, vor den Olympischen Winterspielen in Sotschi Kritiker im Westen zu besänftigen. Parallel zur Amnestie des Parlaments hat Putin den Regierungskritiker Michail Chodorkowski begnadigt, der sich inzwischen in Deutschland aufhält.