Gestern Nachmittag spaziert hoher Besuch über den Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Catherine Ashton, die Außenbeauftragte der EU, ist nach ihrem Treffen mit Präsident Viktor Janukowitsch vorbei gekommen.

Sie schaut auf den Weihnachtsbaum, der keiner mehr ist, steigt an den Barrikaden, den Zelten, den Feuerstellen vorbei und lächelt, weil die Menschen spontan "Europa, Europa" rufen. Es gefällt ihr. Dass sie all das so nie wieder sehen wird, kommt ihr sicher nicht in den Sinn.  

Doch in den folgenden Stunden kommt vieles anders als gedacht. Eine Vorahnung hat vielleicht Vitali Klitschko. Als er am späten Abend vom Treffen mit Ashton und den anderen Oppositionsführern zurück zum Unabhängigkeitsplatz kommt, ist sein Gesicht weiß wie der überall umherwirbelnde Schnee.

Er geht mit seinem jüngeren Bruder Wladimir ins hinterste Zimmer im Gewerkschaftshaus. Dort will er ZEIT ONLINE ein Interview  geben, doch sein Bruder, der nur zuhören will, spricht mehr als er. Schnell ist klar, dass in dieser Nacht keine Zeit bleibt, um Probleme zu erläutern. Janukowitsch habe volle Rückendeckung von Russland, sagt Vitali Klitschko. Er wirkt besorgt.

An das Schlimmste mag jetzt aber noch niemand denken. Der Präsident wird doch nicht ausgerechnet dann das Camp räumen lassen, wenn die EU-Außenbeauftragte zu Besuch ist, raunen sich die ausländischen Reporter im Gewerkschaftshaus zu. "So blöd oder extrem dreist ist selbst Janukowitsch nicht", sagt ein Journalist. Er irrt.

Um kurz vor ein Uhr hat die Nachricht die Runde gemacht: Berkut, die Spezialeinheit des Präsidenten, formiert sich im Süden, Osten und Norden des Camps. Auf der Bühne steht die ukrainische Sängerin Ruslana gemeinsam mit den Klitschko-Brüdern. Habt keine Angst, sagen sie, wenn wir bis 4:30 Uhr durchhalten, schaffen wir es bis zum nächsten Tag. 

Über Megafone fordern die Polizisten alle Demonstranten auf, das Camp zu verlassen, immer wieder wiederholen sie diese Durchsage. Doch so gut wie niemand hört darauf. Die Männer unter den Demonstranten setzen sich ihre orangefarbenen Helme auf und postieren sich an den Barrikaden. "Wir sind friedlich. Hier sind ukrainische Studenten, keine Gewalt", sagt Ruslana auf der Bühne.

Berkut rückt vor

Dann endet die Durchsage der Polizei. Niemand weiß, was nun passieren wird. Die Berkut-Kräfte rücken vor. Ein Priester umklammert das Mikrofon und betet für alle. Ruslana singt die Nationalhymne.  

Offensichtlich haben die Polizisten die Anweisung, nicht auf Demonstranten einzuschlagen. Sie sollen sie vielmehr wegschieben und ihre Zelte und Barrikaden entfernen. An der breiten Ostseite des Maidan klappt das gut. Schnell haben die Berkut eine Schneise in die Barrikade geschlagen. Nachrückende Helfer reißen sofort die Befestigung und die Zelte auseinander und werfen sie auf die nachfahrenden LKW.

Die Männer mit den orangefarbenen Helmen aber flüchten nicht. Sie schicken ihre Frauen in Sicherheit und formieren sich neu, bilden dicke enggliedrige Menschenketten und stellen sich den gut gepolsterten Beamten entgegen. Es kommt zu Zusammenstößen, doch nur vereinzelt schlagen sie aufeinander ein. Dies ist kein Blutbad, dies ist ein Kräftemessen; erst ein psychisches, dann ein körperliches. Und mittendrin schimpft, fleht, mahnt, singt Ruslana von der Bühne.