Russlands Präsident Wladimir Putin hat dem Westen vorgeworfen, mit seiner Abkehr von traditionellen Werten Stabilität und Frieden in der Gesellschaft zu gefährden. In vielen Ländern werde von den Menschen heute praktisch verlangt, Gut und Böse als gleichberechtigt anzuerkennen, kritisierte Putin während seiner Rede an die Nation.

Die Zerstörung etwa von Familienwerten führe zu negativen Folgen in der Gesellschaft, sagte er. Putin hatte in diesem Jahr unter anderem per Gesetz verbieten lassen, in Gegenwart von Minderjährigen positiv über Homosexualität zu sprechen. "Wir wissen, dass es in der Welt immer mehr Menschen gibt, die unsere Position beim Schutz traditioneller Werte unterstützen", sagte Putin. 

Russland habe eine "historische Verantwortung", die jahrtausendealten Grundlagen menschlichen Zusammenlebens in der Welt zu verteidigen. "Natürlich ist das eine konservative Position", sagte Putin. Doch könne so Chaos verhindert werden. "In vielen Ländern werden heute die Normen von Moral und Sittlichkeit umgekrempelt, nationale Traditionen und die Unterschiede zwischen den Nationen und Kulturen verwaschen", beklagte der russische Präsident.

Russland will keine Supermacht sein

Russland strebt Putin zufolge außerdem nicht die Rolle einer Weltmacht an. "Wir beabsichtigen nicht, als Supermacht angesehen zu werden, also als globaler oder regionaler Hegemon", sagte Putin in seiner jährlichen Rede zur Lage der Nation. Russland wolle "niemandem belehren, wie er zu leben hat".

Wegen seines außenpolitischen Kurses kritisieren westliche Staaten Putin. Zum einen ist das Verhältnis zwischen den USA und Russland angespannt, weil Russland dem ehemaligen NSA-Mitarbeiter Edward Snowden vorübergehend Asyl gewährt. Zum anderen wird Russland vorgeworfen, eine engere Anbindung der Ukraine an die EU durch Handelsanreize und Drohungen verhindert zu haben. 

Putin sagte, er zähle darauf, dass die ukrainische Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch und die Opposition in Kiew eine politische Einigung erzielen könnten. "Ich hoffe, dass alle politischen Kräfte es schaffen, eine Lösung zu finden, die im Interesse des ukrainischen Volkes ist und alle Probleme beseitigt, die sich angehäuft haben", sagte Putin.

Ukraine kann Mitglied der Zollunion werden

Putin lud die Ukraine ein, sich an der von Russland vorangetriebenen Zollunion mit Staaten der ehemaligen Sowjetunion zu beteiligen. Der Gruppe gehören derzeit Kasachstan und Weißrussland an. Auch Armenien und Kirgisistan planen einen Beitritt. Das Projekt basiere auf "gleichen Rechten und realen Wirtschaftsinteressen", sagte Putin.

Die Demonstranten in Kiew werfen Russland vor, das von Janukowitsch gestoppte Assoziierungsabkommen mit der EU hintertrieben zu haben und das Land in die Zollunion mit Russland zwingen zu wollen, die ein Gegengewicht zur EU werden soll.