Viktor Janukowitsch und Wladimir Putin (Archiv) © Sergey Ponomarev/AFP/Getty Images

Der Reporter steht umzingelt von Demonstranten auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz. "Sagen Sie die Wahrheit", schreit ihm eine junge Frau zu, während der Korrespondent versucht in die Kamera zu sprechen. "Richten Sie Putin ein Dankeschön aus, dafür dass er die Ukraine geeint hat", fügt ein älterer Herr hinzu. Die Menge hat den Journalisten mit dem blaue Mikrofon als Reporter des russischen Staatsfernsehens Rossija 1 ausgemacht. "Erzählen sie davon, wie die Polizei hier Demonstranten jagt", fordert ein anderer Demonstrant.

Russlands Staatsfernsehen sendet auch in der Ukraine, hat aber eine ganz eigene Version der Ereignisse in Kiew. Während sich die russische Staatsführung mit Kommentaren zu den Protesten in Kiew zunächst zurückhielt, feuerten kremleigene Medien aus allen Propagandakanonen. Die Demonstranten seien wahlweise gewaltbereit, von der Opposition bezahlt oder hätten einfach keine Ahnung, um was es eigentlich gehe. Für den Ersten Kanal sieht die Lage so aus: "Der Staat ruft die Demonstranten zur Ordnung, doch diejenigen, die unverzüglich zu Europäern werden möchten, wollen nichts hören, auch keine Gründe, warum die Ukraine den Knecht-Vertrag mit Europa nicht unterschrieben hat", sagte eine Nachrichtensprecherin mit steinerner Miene.

Den vorläufigen Höhepunkt lieferte der Staatssender Rossija 1 in seinen eineinhalbstündigen Abendnachrichten am Sonntag. Anchorman Dmitri Kiseljow bezeichnete Schweden, Litauen und Polen als die wichtigsten Treiber der ukrainischen EU-Integration. Dieser uralten Koalition gehe es lediglich darum, Russland zu schaden. "Die Ukraine ist dabei nur ein Zündholz", sagte Kiseljow. Zudem seien es genau diese Länder, gegen die schon Zar Peter der Große erfolgreich Krieg geführt hat. Offenbar gehe es um Revanche für die damalige Niederlage, schließlich habe der schwedische Außenminister Carl Bildt auch Generäle unter seinen Vorfahren. Beim Gipfeltreffen in Vilnius sei es der EU gemeinsam mit der USA darum gegangen, Russland einen Verbündeten wegzunehmen.

"Trainierte Kampfgruppen"

Dass daraus nichts geworden ist, liege vor allem an Wladimir Putin, der ähnlich wie in der Syrien-Frage dafür gesorgt habe, dass sich die Situation günstig für Russland entwickele. Russlands Präsident selbst hat sich beim Thema Ukraine eine bemerkenswerte Pause gegönnt. Auch Premier Dmitri Medwedew postete lieber Bilder von seinen Spuren im Schnee auf Instagram, während in Kiew bereits Hunderttausende auf den Straßen waren.

Bei einem Treffen mit dem armenischen Staatschef Sersch Sarksjan legte Putin schließlich seine Sicht der Dinge dar. "Die Ereignisse in der Ukraine erinnern mehr an einen Pogrom und sind gut vorbereitet", sagte er vor Journalisten. In Kiew seien trainierte Kampfgruppen am Werk. Die Ausschreitungen, so Putin, hätten wenig mit der Frage der europäischen Integration zu tun.

Die Worte des Präsidenten und die Darstellung in den staatlichen Kanälen scheint dabei zumindest bei Teilen der russischen Bevölkerung zu fruchten. Einer Umfrage des angesehenen Levada-Instituts zufolge, sehen gut 30 Prozent der Russen die europäische Integration ihres Nachbarlandes als "Verrat" an der "slawischen Einheit". Gleichzeitig betrachten knapp 61 Prozent der Befragten die Ukraine nicht als Ausland, etwa so viele wie im Falle Weißrusslands. Lediglich eine kleine Minderheit von drei Prozent befürwortet die europäische Integration der ehemaligen Sowjetrepublik.