Wenn Itzchak Reuven auf den Tempelberg in Jerusalem geht, folgt ihm die israelische Polizei. Die Beamten tragen dann schwarze Schutzpanzer, schnallen sich Gummiknüppel wie Samurai-Schwerter auf den Rücken, Maschinengewehre baumeln von ihren Schultern. Sie müssen den 59-jährigen Reuven bewachen – und gleichzeitig beschützen. 

Bewachen, weil das Gebet für Juden auf dem Gelände verboten ist, Reuven es aber trotzdem immer wieder versucht. Beschützen, weil er damit den Zorn der Muslime auf sich zieht. Sie beten hier ebenfalls. Der goldene Felsendom und die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg gehören zu den heiligsten Stätten im Islam. Allein Reuvens Anwesenheit an diesem Ort ist eine Provokation. 

Er ist einer der Leiter des religiösen Tempel-Instituts. Seine Organisation versteht sich als Behüterin der jüdischen Geschichte und vertritt radikale Positionen. Ihre Anhänger vermuten die Ruinen der heiligen jüdischen Tempel genau an jener Stelle, an der heute der muslimische Felsendom mit seiner goldenen Kuppel steht. Wenn sie zum Beten in den weitläufigen Hof um den Dom kommen, dann beten sie zu ihrem Tempel. Eigentlich gilt: Jüdische Gläubige beten weiter unten an der Klagemauer, der Tempelhof ist den Muslimen vorbehalten. Immer mehr Juden brechen aber mit dieser Tradition. Der Konflikt ist unausweichlich – auch für die 20 arabischen Frauen, die heute am Eingang der Al-Aksa-Moschee hocken. 

"Eine kulturelle Verpflichtung"

Als sie Reuven bemerken, springen sie auf, schreien ihm entgegen: "Allahu Achbar! Allahu Achbar!" – "Gott ist groß!" Plötzlich richten sich alle Augen auf ihn und die kleine jüdische Gruppe, die ihn begleitet. Die Polizisten reagieren hastig. Ein Beamter fuchtelt mit den Händen und befiehlt: Bloß nicht stehen bleiben! Er hat nicht vergessen, dass aufgebrachte Muslime erst im September Steine auf betende Juden schleuderten. Es gab Verhaftungen und Verletzte.

Itzchak Reuven auf dem Tempelberg © Max Biederbeck

Die Szenen erinnern an den Beginn der zweiten Intifada im Jahr 2000. Durch den gewaltsamen Aufstand von Palästinensern gegen die Israelis starben viele Menschen, die Intifada mündete in Jahre des Terrors. Seinerzeit begann die Gewalt auf dem Tempelberg, heute wachsen die Spannungen zwischen Muslimen und Juden wieder. Die Friedensverhandlungen miteinander stocken, jeden Freitag kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Demonstranten und der israelischen Polizei. Menschen wie Reuven könnten das Fass zum Überlaufen bringen. Wieder könnte die Eskalation vom Tempelberg ausgehen.

"Für uns ist das kein politisches Statement, wenn wir da hoch gehen. Für uns ist es eine kulturelle Verpflichtung", sagt er trotzdem. Wegen dieser Verpflichtung treibt Reuven ein immer neues Katz-und-Maus-Spiel mit seinen Bewachern. Die Polizisten können ihm nicht verbieten, das Gelände zu besuchen. Sie müssen aber das Gebet, die ultimative Provokation, verhindern. 

Die jüdischen Besucher drehen den Gesetzeshütern während ihrer Besuche deshalb immer wieder den Rücken zu. Dann schließen sie die Augen und murmeln Gebete kaum hörbar vor sich. Sie täuschen Telefonate vor oder lesen etwas von einem iPad ab. "Das sind Wege, unsere Religionsfreiheit durchzusetzen", sagt Reuven. Eine Freiheit, die seiner Meinung nach mehr und mehr Israelis suchen. "Der Wunsch, hier zu beten, ist Mainstream geworden", sagt er.