Die Kriegserklärung des Friedenspredigers kam am Samstagmorgen, per Videobotschaft. Fetullah Gülen, der für seine Demut bekannte türkische Volksprediger, schimpft auf diejenigen, "die den Dieb nicht sehen, aber jene verfolgen, die den Dieb fangen wollen. Die den Mörder nicht sehen, aber versuchen, andere zu entehren indem sie Unschuldige anklagen." Dann ruft er, mit Tränen in den Augen, seine Handkante zerhackt dabei die Luft: "Lass Gott Feuer zu ihren Häusern bringen, ihre Heime zerstören, ihre Einheit zerbrechen!" Gülen nennt keine Namen, aber es ist auch so klar, wen er meint: Recep Tayyip Erdoğan, den übermächtigen Premierminister der Türkei. Über Jahre sein Partner, nun sein Feind.

Ein gigantischer Korruptionsskandal hat seit Dienstag die obersten Regierungsränge der Türkei erfasst. Er allein ist schon groß genug, um dem eigentlich übermächtigen Premier Erdogan massiv zu schaden. Doch damit noch nicht genug, dahinter tobt ein Machtkampf, der für Erdoğan gefährlicher ist, als alle Gezi-Proteste im Sommer. Diesmal protestieren nicht Zehntausende auf den Straßen, keine Bilder von besetzten Parks und Wasserwerfern gehen um die Welt, keine Anti-Erdoğan-Slogans hallen durch die türkischen Straßen. Dieser Kampf findet in Hinterzimmern statt, in Gerichten, Polizeistationen und auf den Titelseiten der Zeitungen. Er ist viel verworrener als die Gezi-Proteste, und doch so viel gefährlicher für Erdoğan. Analysten sprechen gar von der "Mutter aller Schlachten".

Schon die Details des Korruptionsskandals sind spektakulär: 500.000 Dollar in einer Schokoladenpackung, abgeliefert in der Privatwohnung des EU-Ministers. 4,5 Millionen Dollar in Schuhkartons, versteckt im Haus des Direktors einer staatlichen Bank. Neue Pässe für Kriminelle, eine Million Dollar pro Stück, zu zahlen direkt an den Innenminister. Unzählige verschobene Baugrundstücke, manipulierte Ausschreibungen. Wenn auch nur ein Teil davon stimmt, was einige türkische Medien gerade berichten, sind engste Vertraute von Premierminister Recep Tayyip Erdoğan tief in einen riesigen Skandal verstrickt. Drei Söhne von Ministern sitzen in Untersuchungshaft, gegen den mächtigsten Bauunternehmer des Landes wird ebenso ermittelt wie gegen hochrangige Regierungsmitarbeiter und einen Istanbuler Bürgermeister. Insgesamt geht es um weit über 50 Personen.

Erdoğan entlässt Ermittler und Polizisten

Was aber macht Erdoğan? Er feuert nicht die Verdächtigen und hebt die Immunität der unter Verdacht stehenden Minister auf. Erdoğan antwortet noch nicht einmal direkt auf die Korruptionsvorwürfe, stattdessen entlässt er die Ermittler. Seit Dienstag wurden mehrere Dutzend (manche Medien schreiben von mehr als hundert) Polizisten und Ermittler aus Schlüsselpositionen geworfen, darunter der Polizeichef von Istanbul und die für Korruption zuständigen Kommissare. Das ist es, worauf Prediger Gülen in seiner Videobotschaft anspielt.

Erdoğan wettert außerdem seit Tagen gegen "dunkle Kräfte im Inland und im Ausland", die versuchen würden, der Türkei zu schaden. Einerseits sind solche Verschwörungstheorien typisch für die türkische Politik und für Erdoğan, der schon im Sommer von einer "Zins-Lobby" und internationalen Kräften schwadronierte, die die Türkei kleinhalten wollten.

Es ist aber auch ein Verweis auf eben jenen Fetullah Gülen und das weltweite Netzwerk seiner Anhänger, die sogenannte Hizmet-Bewegung. Er gilt als extrem einflussreich, seine Unterstützer besetzen wichtige Positionen im türkischen Sicherheitsapparat, in der Polizei und der Justiz.