Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch (Archiv) © Gleb Garanich/Reuters

Der Präsident ist in Russland und verhandelt dort mit Putin um Zugeständnisse im Handelsverkehr, gleichzeitig trotzen in Kiew die proeuropäischen Demonstranten weiterhin den Sonderpolizisten der Berkut-Einheiten und dem Frost. Dabei geht es um ein und dieselbe Sache: Mehr EU oder mehr Russland für die Ukraine? Die Wucht der Proteste gegen ihn hatte der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch nicht vorhergesehen, als er sich Ende November gegen das Assoziierungsabkommen mit der EU über eine weitere Annäherung entschied.

Seine Abkehr von Europa war eine Überraschung für fast alle Beobachter. Aber sie hatte ihre Gründe: Geld, Wählerstimmen und präsidiale Verantwortungslosigkeit. Janukowitsch hat nämlich alles mit dem Blick auf einen Termin durchrechnen lassen: den Februar 2015. Dann soll die nächste Präsidentschaftswahl stattfinden, und der bullige Machtmensch aus der Ostukraine hat zuallererst seine Wiederwahl im Sinn. Die Berechnungen seiner Verwaltung gaben ihm eindeutige Ergebnisse auf drei zentrale Fragen.

Erstens: Wie ist die Lage der ukrainischen Wirtschaft?

Miserabel. Die Wirtschaft schrumpft, die Industrieproduktion und die Investitionen liegen im Sinkflug. In den kommenden zwei Jahren droht dem hoch verschuldeten Land sogar der Staatsbankrott. Insgesamt werden Kreditrückzahlungen in Höhe von 15 Milliarden Dollar fällig. Die Gasschulden gegenüber Russland betragen zwei Milliarden Dollar. Die Gesamtschulden gegenüber dem Ausland belaufen sich sogar auf etwa 140 Milliarden Dollar. Knapp ein Viertel der Summe steht russischen Staatsbanken zu.

Die EU hat Janukowitsch kaum Bares geboten

Die Devisenreserven der Ukraine aber sind seit Anfang des Jahres von 32 auf 18,8 Milliarden Dollar gesunken. Die Regierung hat sie besonders zur Stützung der schwächelnden Landeswährung Griwna fast halbiert.

Zweitens: Was bringt eine europäische Integration?

Erst mal nicht viel außer neuen Problemen. Die Europäische Union hat Janukowitsch kaum Bares geboten. Von gerade mal 600 Millionen Euro war die Rede. Damit könnte der Präsident der Ukraine nicht einmal ein kleines der vielen Schuldenfeuer löschen. Der Internationale Währungsfonds (IWF), der gut elf Milliarden Dollar freigeben könnte, knüpft seine Kredite wiederum an unpopuläre Auflagen, die aus Janukowitschs Sicht politischem Selbstmord gleichkämen: höhere Steuern, eine Abwertung des Griwna und geringere Subventionen für die Gaspreise, die ukrainische Haushalte bezahlen.

Die Folgen der EU-Annäherung wie die Abschaffung von Zöllen oder die Angleichung an EU-Normen und technische Standards kämen teuer: Janukowitsch hat die Kosten auf 165 Milliarden Euro beziffert. Sein Rechenmodell, das angeblich die Transformationskosten Polens, Tschechiens, der Slowakei und Ungarns zur Grundlage gewählt hat, ist fragwürdig. Aber die Botschaft wurde klar: Das können wir uns nicht leisten! Zumal Russland für eine proeuropäische Entscheidung der Ukraine mit rigoroser Schuldeneintreibung und Handelsschranken drohte. Schon im August hatte Moskau die Daumenschrauben gezeigt und eine Woche lang faktisch seine Landesgrenze für Waren aus der Ukraine blockiert. Zusätzlich fielen ukrainische Schokoladenwaren unter einen Einfuhrstopp.

Die positiven Folgen einer Integration nach Europa wie die Modernisierung der Wirtschaft und der staatlichen Institutionen und größere Wettbewerbsfähigkeit würden erst langfristig spürbar.