Das Symbol für Präsident Viktor Janukowitsch ist in Kiew inzwischen ein aufgespießter Schweinekopf. So tragen ihn einige Ukrainer über die Straßen ihrer Hauptstadt. Auf Oppositionsseite hat die Revolutionsbewegung immer noch mehrere Gesichter. Vitali Klitschko wird als wenig filigraner, zupackender Kraftprotz wahrgenommen, ein Riese, ein Bulldozer, ein Boxer eben. Daneben verblasst Arseni Jazenjuk von Timoschenkos Vaterlandspartei oft als Intellektueller. Und dann ist da noch die dritte Oppositionspartei, Swoboda.

Ihr Anführer Oleh Tjahnibok spricht eleganter als Klitschko und brachialer als Jazenjuk – wobei sein Sprechen meist ein Brüllen ist. Seine Stimme ist nach mehr als einer Woche des Aufstandes heiser, doch seine Parolen, die er mit geballter Faust auf die Massen loslässt, treffen die Menschen. Wenn er auf der Bühne ans Mikro tritt, flippen die meisten aus.

Der Swoboda-Chef bezeichnet die Regierung als "Gangster, Diebe oder Tiere", fordert zum Weiterkämpfen auf und schwärmt dabei leidenschaftlich von Europa. Er erfüllt eine wichtige Funktion im Projekt am Unabhängigkeitsplatz. Keine Revolution ohne Agitation.

Im Sommer trafen Swoboda-Mitglieder in Deutschland die NPD

Wenn nach seinen Reden Getränke und Brote verteilt werden und die nächste Rockband zu spielen beginnt, vermischt sich der Hass auf Janukowitsch mit der Party-Atmosphäre unter den Zehntausenden Demonstranten. Dann ist offiziell keine Spur mehr vom Antisemitismus und Rassismus, für die Tjahnibok und seine Partei eigentlich bekannt sind. Dass es Zeit sei, die Ukraine den Ukrainern zurückzugeben, sagt der Parteivorsitzende schon seit Jahren. 2004 nannte er als Grund, die Angst der meisten Ukrainer "vor der Moskauer Juden-Mafia, die heutzutage ihr Land regiert".

Noch im Sommer trafen sich Swoboda-Mitglieder in Deutschland mit der NPD. Sie tauschen sich auch mit dem Front National aus Frankreich aus. Anders als die rechtsextremen Parteien aus Westeuropa hat Swoboda jedoch den Vorteil, seine Wähler gegen ein echtes Feindbild mobilisieren zu können: Russland nimmt tatsächlich Einfluss auf sein Nachbarland.

Die Swoboda-Unterstützer Wolodimir, Wikhailo, Wladidlaw, Iwan und Wassili © Steffen Dobbert

Bei den Wahlen vor etwa einem Jahr schaffte Swoboda mit 10,44 Prozent den Einzug ins Parlament. "Sie gewannen die gebildetsten, urbansten und viele europaorientierte Wähler für sich, hauptsächlich in der West- und Zentralukraine", sagt der Politologe Andres Umland, der an der Uni in Kiew lehrt. Nach dem Parlamentseinzug bildete Swoboda eine Koalition mit Jazenjuks Vaterlands- und Klitschkos Udar-Partei. Dieses Bündnis organisiert und befeuert nun auch die Massendemos in Kiews Zentrum. Wobei der kleinste Bündnispartner auf den Straßen die größte Rolle spielt.

Neben der Bühne ist es Tjahnibok, vor dem besetzten Gewerkschaftshaus am Unabhängigkeitsplatz stehen Tanja und Eugen. Die Ärztin und der Elektriker stammen aus dem Westen des Landes, wie 70 bis 80 Prozent der Demonstranten. Er hält eine Swoboda-Fahne in die Luft, sie sagt, ein Anführer müsse zuallererst sein Land lieben.