Ursula von der Leyen sind 43 Journalisten nach Afghanistan gefolgt, Fotos von der neuen Verteidigungsministerin in Jagdgrün oder dezentem Braun mit Bundeswehrsoldaten in Flecktarn finden sich in jeder Zeitung. Die Visite in Masar-i-Sharif, dem letzten deutschen Feldlager am Hindukusch, bestimmt noch immer die Nachrichten. Überraschende Truppenbesuche  deutscher Verteidigungsminister kurz vor Weihnachten kommen in etwa so überraschend wie der Heilige Abend am 24. Dezember. Doch "von der Leyen in Afghanistan" prägt die mediale Weihnachtszeit. Warum nur? Was hat sie, was andere nicht haben? 

Die erste und banalste Antwort auf diese Frage findet sich, als von der Leyen exakt 34 Minuten Afghanistan-Erfahrung besitzt. Hauptbootsmann Wismach, eine Frau, liefert sie, als sie an einem rund 20 Meter langen Frühstückstische in Camp Marmal, dem Sitz der rund 2.300 deutschen Soldaten, zwanglos mit der Ministerin plaudert, so zwanglos jedenfalls, wie man das vor einem halben Dutzend Kameras kann: "Ich finde es toll als Frau, dass eine Frau jetzt Verteidigungsminister ist."

Von der Leyen findet das auch toll – und viele andere zumindest außergewöhnlich. Eine Frau als Verteidigungsminister (in), so was kennt man zwar in Spanien, in Norwegen oder Holland. Aber in dem Land, das seit acht Jahren eine Kanzlerin regiert, hat es etwas Sensationelles. Und weil das so ist, beobachten 86 Journalisten-Augen aus nächster Nähe, wie von der Leyen zum ersten Mal als erste deutsche Verteidigungsministerin ein Tablett in Afghanistan ergreift, zum ersten Mal als erste Verteidigungsministerin ein Brötchen auf einen Teller legt,  zum ersten Mal ein wenig Erdbeer-Marmelade dazu drapiert, zum ersten Mal ein wenig Müsli in ein Schälchen kippt, ein wenig Milch darüber kippt und, der Höhepunkt: zum ersten Mal als Verteidigungsministerin sich an einem Kaffeeautomaten einen Latte Macchiato zieht. Kameraleute filmen, Fotografen fotografieren, Schreiber schreiben, die Meute klebt an der Ministerin. Dann schauen die 86 Augen dabei zu, wie sich die Erste zu Soldaten setzt und starren ihr anschließend aufs Brötchen. Der erste Grund für den Hype um von der Leyen ist also der ganz normale Wahnsinn der Medien.

Doch das reicht nicht, um das Phänomen hinreichend zu erklären. Hieße die erste Verteidigungsministerin nicht Ursula von der Leyen, sondern – sagen wir mal – Barbara Hendricks (so heißt die neue Umweltministerin), bewegte sich das Interesse allenfalls knapp oberhalb des Egal-Faktors. Doch nicht nur ihr Amt ist besonders, die Konstellation ist es auch. Von der Leyen ist die legitime Nachfolgerin von Karl-Theodor zu Guttenberg als politischer Medienprofi mit Star-Appeal, niemand anders in der Politik verbreitet ähnlichen Glamour. Jetzt folgt die Glamouröse dem Ex-Glamourösen also auch im Amt. Das hat was.

Grenzenlose Begeisterung und jäher Absturz liegen für von der Leyen fortan nah beieinander. Stern oder Schnuppe, Kanzlerin oder Kasper – beides ist von diesem Posten aus möglich. Und weil von der Leyen das weiß, hat sie in Berlin einen Satz mit eingepackt, den sie mehr als 5.000 Kilometer weiter östlich bei jeder Gelegenheit hervorkramt: "Ich weiß, dass ich noch viel zu lernen habe."  Jener Selbstgewissheit, die Guttenberg zu Fall brachte, setzt sie Demut entgegen, vorerst zumindest. Nicht das schlechteste Gegengift. Guttenberg hat Demut eher von anderen erwartet.

In ihrer bisherigen politischen Laufbahn hat die 55-Jährige stets viel gewusst. Als  niedersächsische Gesundheitsministerin konnte sie auf ihre Erfahrung als Ärztin zurückgreifen und als Familienministerin auf die Lebenswirklichkeit einer siebenfachen Mutter. In ihrer letzten Funktion hat sie sogar so viel gewusst, dass sie neben ihrem Ressort Arbeit und Soziales die Familien-Geschäfte ihrer Kollegin Kristina Schröder gleich mit erledigte.

Die Kombination aus hinreichendem Wissen und großem Selbstbewusstsein hat von der Leyen stets forsch nach vorn marschieren lassen. Was das CDU-Programm zu diesem oder jenem sagte, war ihr ziemlich egal, was sie für richtig hielt, keineswegs. Und sei es die Frauen-Quote. Wo von der Leyen stand, war vorn.

In ihrem neuen Ressort ist alles anders. In der Sicherheitspolitik, mit der Verteidigung hat sie keinerlei Erfahrung, kaum Wissen – und mit der Lebenswirklichkeit von deutschen Soldaten ist es auch nicht weit her. Von der Leyen ist jetzt keine Wissende mehr, sondern eine Lernende. Und als Lernende kennen die Leute sie nicht, kennen die Medien sie nicht – und kennt sie sich nicht mehr. Als Lernende kann von der Leyen nicht mehr forsch voranschreiten, kann ihr nicht mehr egal sein, was andere festgesetzt haben, kann sie selbst nicht mehr die Richtlinie ihres Handels sein – und in der Verteidigungspolitik schon gar nicht. Ursula von der Leyen muss sich gerade neu erfinden. Das ist interessant.