Ein eisernes Gesetz der Revolution besagt: Die Konzession, die vor einer Woche noch die Lage hätte beruhigen können, reicht eine Woche später nicht mehr aus. So auch ein ums andere Mal in der Ukraine.

Das Janukowitsch-Regime bildet die Regierung um; es reicht nicht. Dann will es die Opposition an der Regierungsmacht beteiligen. Doch Vitali Klitschko, der Exboxweltmeister, der die Sprecherrolle im Trio der Widerstandsparteien an sich gerissen hat, lehnt ab – zu spät. 

Janukowitsch lässt seinen Ministerpräsidenten gehen – kein Bauernopfer mehr, sondern schon ein Turmopfer. Das Entlastungsmanöver des Präsidenten funktioniert nicht. Das sei "nur ein Schritt", poltert Klitschko. Die Opposition werde sich erst zufriedengeben, wenn der Präsident selbst zurücktrete und Neuwahlen ausgeschrieben würden. Überdies müsse sofort eine Amnestie für alle inhaftierten Regimegegner her.      

Das halbe Entgegenkommen des Janukowitsch-Lagers – Amnestie ja, aber zuvor müssten die Demonstranten alle besetzten Plätze und Straßen räumen – provoziert bloß die Gegenforderung: vielleicht aber nur, wenn der Maidan (Unabhängigkeitsplatz) und das Gewerkschaftshaus, das inzwischen als eine Art Schaltzentrale der Revolution fungiert, in unserer Hand bleiben.

Klitschko: "Jetzt zu sagen, wir lassen die Leute nur frei, wenn die Demonstranten nach Hause gehen, ist unannehmbar." So steht’s praktisch im Handbuch der Revolutionäre. Ein Regime, das zurückweicht und Schwäche bekundet, schärft nur den Appetit seiner Feinde. Offensichtlich hat sich Janukowitsch verkalkuliert, wähnte er sich doch sicher im Besitz der Staatsgewalt und der Unterstützung des großen russischen Nachbarn, der dem Regime 15 Milliarden Dollar an Krediten und sieben Milliarden an Gaspreis-Rabatten versprochen hat.

Doch an den Großen Bruder zu appellieren, käme zum falschen Zeitpunkt. Putin hat alle Hände voll zu tun, um Sotschi gegen den wachsenden Unwillen der westlichen Politik zu schützen. Jetzt als "Regimeversteher", gar als Retter aufzutreten, könnte ihm seine Selbstbeweihräucherungsspiele gänzlich kaputtmachen.

Putin hat offensichtlich den Janukowitsch-Sturz schon eingepreist. Anders lässt sich sein Signal vom Mittwoch nicht deuten, wonach die nächste Tranche des Kredits zurückgehalten werde: "Lassen wir uns Zeit, bis die neue Regierung in der Ukraine steht." (Drei Milliarden sind schon geflossen.) Sein Kalkül: Wir haben Janukowitsch mit finanziellem Druck gefügig gemacht; das wird uns mit den Nachfolgern ebenfalls gelingen, die eine untergehende Wirtschaft erben würden.

Fazit, aber ohne Gewähr: Die Zeit für einen einvernehmlichen Deal zwischen Regime und Widerstand ist vorbei; es geht nur noch um die Modalitäten des Machttransfers. Janukowitsch darf jetzt darüber nachsinnen, wie grausam die Dynamik der Revolution ist. Hätte er doch schon im November nachgegeben…

Oder gleich mit eskalierender Gewaltbereitschaft zugeschlagen – so, wie Ahmadinedschad 2011 die Grüne Revolution der Iraner erstickt hat. Möglich, dass er, von der Opposition in die Enge getrieben, zum Äußersten greift. Er muss aber das Risiko nicht eingehen. Ahmadinedschad wurde sein Pass abgenommen; er ist Gefangener im eigenen Land. Janukowitsch, darf man unterstellen, hat Abermillionen im Ausland deponiert; gemunkelt wird von Malta. Dort wartet auch ein angenehmes Klima, ganzjährig. Ein hübscher Erholungsort für einen Möchtegern-Diktator, der sich verrechnet hat. Auch diese Voraussage ohne Gewähr.