Im Irak kontrollieren die Extremisten im Namen von Al-Kaida inzwischen praktisch die gesamte Provinz Anbar im Westen des Landes. Während Regierungschef Nuri al-Maliki vom fernen Bagdad aus die verängstigte Bevölkerung per Fernsehaufruf beschwört, die Invasoren wieder zu vertreiben, haben sie Falludscha zum Islamischen Emirat ausgerufen. Doch ihr Überraschungscoup ist nur die jüngste in einer Serie spektakulärer Militäraktionen radikaler Gotteskrieger im Nahen Osten.

Ganz gleich ob im Irak, in Syrien oder im Jemen – die Dschihadisten beweisen mit jedem Erfolg, dass sie ähnlich wie Eliteeinheiten regulärer Armeen zu strategisch komplexen Operationen in der Lage sind. Die mit Al-Kaida verbündeten Kämpfer "sind zu den gefährlichsten Akteuren in der gesamten Region" geworden, sagte US-Außenminister John Kerry am Wochenende. Analytiker wie Bruce Reidel vom Saban-Zentrum für Nahost-Politik der Brookings Institution in Washington sprechen bereits von "Al-Kaida 3.0". Nach seiner Einschätzung erleben das Terrornetzwerk und seine radikale Ideologie im Nahen Osten derzeit einen Aufschwung wie nie zuvor. "Al-Kaida 3.0" sei deutlich breiter gestreut und dezentraler als seine Vorgänger. Von den geheimnisumwitterten Anführern seien – anders als bei der alten Führung in Afghanistan – kaum mehr als deren Kriegsnamen bekannt.

Und so ist der Irak mit seiner Schreckensbilanz des vergangenen Jahres mittlerweile wieder bei der dunklen Bürgerkriegsepoche von vor sechs Jahren angelangt. Im August griffen Kämpfer der Gruppe Islamischer Staat in Irak und Syrien (Isis) mit Abu Ghraib eines der am besten bewachten Gefängnisse des Landes an und befreiten in mehrstündigen Feuergefechten mehr als 500 Gesinnungsgenossen – ein Vorgang, der Interpol zu einem Weltalarm veranlasste. Im benachbarten Syrien sind die Isis-Gotteskrieger am Kampf gegen das Assad-Regime inzwischen an vorderster Front beteiligt und gewinnen gegen die moderaten Kräfte der Opposition die Oberhand. Viele ihrer Rekruten wechseln nach einiger Zeit gut bewaffnet und kriegserfahren zurück in den Irak, um dort weiter zu bomben und zu morden. Experten in Bagdad schätzen, dass inzwischen jeden Monat 30 bis 40 Selbstmordattentäter aus Syrien einsickern.

Ähnlich mächtig ist auch die Terrorfiliale im Jemen, die sich Al-Kaida für die Arabische Halbinsel (Aqap) nennt. Zuletzt verübten ihre Kommandos, in deren Reihen sich viele Saudis befinden, einen verheerenden Großanschlag auf das Verteidigungsministerium in Sanaa, dem Herzen des Regimes. 52 Menschen starben, 215 wurden verletzt. Im Militärkrankenhaus auf dem Gelände schossen die Attentäter wahllos auf Ärzte, Krankenschwestern und Patienten, unter den Toten waren auch zwei Deutsche. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht ein Offizier oder Polizist von Motorradattentätern erschossen wird, auch wenn Jemens Armee die beiden Al-Kaida-Enklaven Sindschibar und Lahidsch am Golf von Aden im Frühjahr 2012 unter hohen Verlusten wieder freikämpfen konnte. Zurück blieben zerstörte Städte und Dörfer, verwüstete und verminte Felder sowie Zehntausende Obdachlose.

"Wir tun, was wir können"

Doch nicht nur Irak, Syrien und Jemen, auch Libanon, Sudan, Libyen und Ägypten droht der Zerfall ihrer inneren Ordnung. Ägypten erlebte kurz vor Weihnachten den ersten großen Autobombenanschlag seit Jahren. 15 Menschen starben, als in der Stadt Mansura ein Sprengsatz vor der Zentrale der Polizei explodierte. Zu dem Attentat bekannte sich die Al-Kaida nahestehende Ansar Beit al-Maqdis auf dem Sinai, auf deren Konto auch zahlreiche Morde an Soldaten und Polizisten gehen. Schätzungsweise 1.000 Gotteskrieger operieren inzwischen auf der unwirtlichen Halbinsel. Trotzdem erklärte die vom Militär eingesetzte Interimsregierung als Reaktion die gesamte Muslimbruderschaft zur Terrorvereinigung, was viele Anhänger in den Untergrund treiben und radikalisieren könnte. Brookings-Experte Reidel rechnet mit einem deutlichen Anstieg von Terrortaten in Ägypten in diesem Jahr: "Hohe Armeeoffiziere werden Mordziele werden, genauso wie Diplomaten aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten, die die neue Militärregierung finanzieren", glaubt Reidel und nennt Ägypten "das Land mit den vielversprechendsten Aussichten für Al-Kaida".

In den Vereinigten Staaten und Europa herrscht Unwille, sich in diese chaotischen Verhältnisse einzumischen – insbesondere im Irak. Der bedrängten schiitischen Regierung in Bagdad lieferte Washington vorletzte Woche lediglich 75 Hellfire-Raketen und stellte zehn Aufklärungsdrohnen in Aussicht. "Wir tun, was wir können", versuchte US-Außenminister Kerry die Gemüter zu beschwichtigen. Zugleich aber schloss er erneute US-Truppen vor Ort kategorisch aus. "Dieser Kampf jetzt, das ist deren Kampf."